Pestizid-Rückstände

10. Februar 2020 09:50; Akt: 10.02.2020 10:09 Print

«Bund kommuniziert beim Wasser widersprüchlich»

An einzelnen Messstellen ist die Pestizidbelastung im Grundwasser 27-mal höher als der Grenzwert. Ein Experte sagt, dem Bund fehle ein Konzept.

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Das in der Landwirtschaft eingesetzte Fungizid Chlorothalonil ist seit Anfang Jahr verboten. Der Bund hat es als «wahrscheinlich krebserregend» für den Menschen eingestuft. Neue Daten zeigen nun: An gewissen Messstellen wurde die Konzentration des Chlorothalonil-Rückstandes R471811 um das 27-fache überschritten. «Die Wasserversorger machen ihren Job nicht. Sie haben keinen Plan, wie sie die Rückstände verhindern wollen und sie äussern sich nicht einmal zum Thema», sagt Franziska Herren von der Trinkwasser-Initiative. Paul Sicher vom Schweizerischen Verein des Gas- und Wasser sagt: «Wir rechnen damit, dass auch beim Trinkwasser ein grosser Teil des Mittellandes von Chlorothalonil-Rückständen betroffen ist.» Eine direkte gesundheitliche Gefährdung gehe davon nicht aus, sagt Sicher. Aber: «Wir können nicht tolerieren, dass zukünftige Generationen belastetes Wasser trinken.» Das Pflanzenschutzmittel Chlorothalonil darf in der Schweiz seit Januar 2020 weder verkauft noch verwendet werden. Grund ist, dass eine Gefährdung der Gesundheit nicht ausgeschlossen werden kann. Die Aargauer Wasserversorger müssen das Trinkwasser nun auf ein weiteres Abbauprodukt des Pestizids untersuchen. Es sei davon auszugehen, dass rund zwei Drittel der Trinkwasserfassungen erhöhte Rückstandswerte des Abbauprodukts Chlorothalonil-Sulfonsäure aufwiesen, teilt der Kanton mit. Der Stoff gilt nach einer Einschätzung der EU-Kommission als «wahrscheinlich krebserregend». Der Bund hat sich dieser Einschätzung angeschlossen.

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Seit Anfang Jahr ist das Fungizid Chlorothalonil, das gegen Pilzbefall in der Landwirtschaft eingesetzt wird, verboten. Eine 2017 durchgeführte Messung von ETH-Forschern zeigte, dass die Rückstände den heute geltenden Grenzwert teils um das 27-fache übersteigen. Nun machte die «Sonntagszeitung» öffentlich, wo sich die meist belasteten Messstellen befinden. Viele von ihnen befinden sich im Mittelland, im Zürcher Weinland oder in der Westschweiz (20 Minuten berichtete). Urs Klemm, der früher für das Schweizer Trinkwasser verantwortlich war, sagt, warum er sich keine Sorgen macht.

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Herr Klemm*, an 20 von 31 Standorten lagen 2017 die Konzentrationen eines Chlorothalonil-Abbauprodukt über dem heutigen Grenzwert. Sind sie überrascht?
Nein. Rückstände hat es im Trinkwasser seit jeher gegeben, man hat aber klar zwischen Qualitätszielen in Form von Toleranzwerten und Gesundheitslimiten als Grenzwerte unterschieden. Im Zuge der Anpassung an die EU sind nun beide unter dem Begriff «Höchstwert» zusammengefasst und auf einem sehr tiefen Niveau festgelegt worden. Dies erfordert, dass jeweils beurteilt werden muss, welche Massnahmen angemessen sind. Dieser Wechsel ist allerdings zu wenig bekannt und so liest man landauf landab immer noch von «Grenzwerten». Es entsteht der Eindruck, dass man beim Wassertrinken vergiftet wird.

Das ändert nichts daran, dass diese Höchstwerte überschritten werden.
Das trifft leider zu, Massnahmen sind gefragt. Die Frage ist allerdings, was unternommen werden soll, in welchem Zeitraum und mit welchem Aufwand. Man muss der Gesundheit, Umwelt und Wirtschaft Rechnungtragen. Ich habe den Eindruck, dass heute ein mehr oder wenig koordinierter Aktionismus herrscht.

Wie meinen sie das?
Offenbar aus Angst vor der Trinkwasserinitiative werden von den Wasserversorgern und Bauern von vielen Seiten Massnahmen gefordert, die wenig bringen aber viel kosten. Statt Panikentscheiden, die auf Bauchgefühl basieren brauchen wir eine rationale Gesamtstrategie. Gegenwärtig kommunizieren die Bundesämter für Landwirtschaft, für Lebensmittelsicherheit und für Umwelt mehr oder weniger koordiniert oder sogar widersprüchlich. Von aussen ist jedenfalls keine klare Koordination erkennbar.

Was braucht es, damit sich das ändert?
Behörden sind schon durch das Tagesgeschäft reichlich ausgelastet, es braucht einen gewissen Druck, um dieses zurück zu stellen und neue Prioritäten zu setzen. Dieser ist offenbar noch nicht genug hoch. Es müssten alle an einen Tisch sitzen und sich über die jetzt erforderlichen Massnahmen und eine Strategie für die nächsten 15 Jahre entwickeln und umsetzen. Dann könnte man kommunizieren, welche Schritte man unternimmt, um Probleme mit dem Wasser in den Griff zu kriegen. So würde Vertrauen geschaffen.

Was müsste in so einer Strategie stehen?
Wasserqualität erfordert einen umfassenden Ansatz. Erst einmal ist es wichtig, die Schutzzonen so festgelegt und respektiert werden, dass das Wasser nicht verschmutzt wird. Industrie und Landwirtschaft sind gefordert, besser abbaubare Pestizide und Einsatztechniken zu entwickeln und anzuwenden.

Und weiter?
Für gleichmässige Wasserqualität braucht es auch grössere Verbundnetze. Das wird schon wegen des Klimawandels und häufigerer Trockenheit noch wichtiger. Eine einfache Lösung gibt es nicht, da Gesamtsystem ist sehr komplex ist, nötig sind aufeinander abgestimmte Massnahmen, nicht Einzelaktionen.

Sie tönen so, als wäre die Pestizidbelastung kein grosses Problem. Doch viele Konsumenten haben Angst und fürchten um ihr Wasser. Sie wollen jetzt eine Reaktion sehen und nicht in 15 Jahren.
Ich halte es für fahrlässig, von krebserregenden Substanzen zu reden, ohne Risikoabschätzung zu machen. Es ist die Menge, die das Gift ausmacht. 0.1 ug/l ist eine sehr tiefe Konzentration. Nimmt man die täglich akzeptable Menge der WHO für Chlorothalonil zum Massstab, so müsste man täglich eine Badewanne Wasser trinken, um dies auszuschöpfen. Allerdings gibt es Abbauprodukte zu berücksichtigen. Dennoch: auf der Skala des mit dem Lebensmittelkonsum verbundenen Risiken kommt Pestiziden die zweitletzte Stelle zu, Fehlernährung und Genussmittel stehen dagegen an erster Stelle.

Viele Konsumenten sind wütend und werfen dem Bund Verschleierung vor. Die Initianten der Trinkwasserinitiative sagen, die Behörden führten uns hinters Licht. Wie erklären sie sich das?
Wasser ist mit vielen Emotionen verbunden und es ist richtig und wichtig, dass die örtlichen Wasserwerke und nicht der Bund ihre Kunden über den Stand der Dinge informieren. Allerdings darf man die Konsumenten nicht einfach mit Analyseergebnissen und der Etikette «krebserregend» allein lassen. Was dazu gehört ist eine klare Beurteilung sowie ein nachvollziehbarer Massnahmenplan. Damit schafft man Vertrauen.

Muss also gar nichts unternommen werden?
Doch, natürlich. Niemand kann ein Interesse daran haben, irreversible Schäden an der Natur zu verursachen. Pestizid- und andere Rückstände ökologisch höchst unerwünscht, wir wollen letztlich nicht jeden Bereich der Umwelt bis zur Grenze belasten. Deshalb ist es wichtig, die nötigen Massnahmen zu treffen. Aber eine Reaktion muss nicht im Panikmodus geschehen.

* Urs Klemm war Vizedirektor des Bundesamt für Gesundheit und Leiter der Abteilung Lebensmittel. Der Lebensmittelchemiker ist Beiratsmitglied des Konsumentenforum.

An einzelnen Messstellen ist die Pestizidbelastung im Grundwasser 27-mal höher als der Grenzwert. Wohnst du in einer der betroffenen Gemeinden, etwa in Montmagny VD, Trüllikon ZH, Fischbach LU, Mathod VD und Neerach ZH? Wie denkst du über das Thema? Wir freuen uns auf eine Kontaktaufnahme im Formular unten.

(ehs)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • guetzli am 10.02.2020 09:59 Report Diesen Beitrag melden

    Ausrede

    dem Bund fehle ein Konzept.Bla Bla die lahmste Ausrede überhaupt!!!!!

    einklappen einklappen
  • open end am 10.02.2020 10:01 Report Diesen Beitrag melden

    Hinsichtlich Schadstoffen im Trinkwasser

    müssten die Behörden derart viel kommunizieren, dass sie darob schon etwas ins Schleudern geraten können. In der einen Landesgegend sind es Pestizide, in einer anderen wiederum Rückstände von eigentlich sanierten Deponien der chemischen Industrie. Und das alles wird zudem durch die zunehmende Luftverschmutzung überschattet, die man ebenfalls nicht endlos schönreden kann.

  • bergdohle gmües am 10.02.2020 10:08 Report Diesen Beitrag melden

    no nein kann nicht sein

    keind pestizide und fungizide mehr demeter ist die lösung für natur und somit auch für uns menschen...

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Rumpelstilzli am 11.02.2020 19:45 Report Diesen Beitrag melden

    Dem Bund fehlt ein Konzept...

    der Bund WILL kein Konzept! Kommunikation wäre mit Arbeit verbunden und die Wahrheit käme ans Licht...

  • Rosi am 11.02.2020 18:12 Report Diesen Beitrag melden

    LANDI

    Auch sollte der Verkauf von Pestiziden in der Landi verboten werden.

  • Miriam Hirz am 11.02.2020 15:31 Report Diesen Beitrag melden

    Ich traue dem Hahnenwasser nicht.

    Deshalb trinke ich Mineralwasser wie Eptinger. Habe das mal recherchiert, da es mich interessierte. Das ist das Beste, war ausserdem auch im K-Tipp. Das Mineralwasser kommt aus 417 Metern Tiefe. Deswegen hat es keine Pestizide oder Nitart oder sonstiges, das ungsund ist. Ich traue dem Hahnenwasser nicht.

  • Lena am 11.02.2020 15:25 Report Diesen Beitrag melden

    Das ist normal !

    Heute morgen zwei Gläser getrunken. Ganze Tag Blähungen und Übelkeit , von Pestizide Wasser.....

    • Pille am 11.02.2020 18:01 Report Diesen Beitrag melden

      Neiaberau

      Schwanger?

    einklappen einklappen
  • Romea am 11.02.2020 14:34 Report Diesen Beitrag melden

    Liste der Gemeinden

    Wo ist die Liste aller Gemeinden, welche kein sauberes Wasser liefern? Haben Sie Angst, diese zu veröffentlichen? Wie ist es in Biel-Bienne.