Prozess wegen Totgeburt

20. November 2017 11:15; Akt: 07.12.2017 16:04 Print

«Der Grenzwächter soll ein guter Mensch werden»

von B. Zanni/J. Furer - Am 22. November steht ein Grenzwächter vor Gericht. Wegen ihm soll eine schwangere Syrerin bei einer Rückführung ihr Kind verloren haben.

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Immerzu fragt die siebenjährige Malak nach ihr: «Wann kommt mein Schwesterchen zurück?» Nie wieder wird Sara zurückkehren. «Wir sagen ihr dann, dass der liebe Gott vielleicht ein Geschenk macht und sie wieder kommt», erzählt Vater Omar J.* Er und seine Frau wünschen sich «sehnlichst eine zweite Tochter». Ihr Name steht für das syrische Paar bereits fest. «Sara soll sie heissen», sagt J.s Ehefrau Suha Alhussein. Vor drei Jahren verloren sie ihre Sara auf tragische Weise. Seither leidet Suha Alhussein J. unter psychischen Problemen und Haarausfall.

Am 4. Juli 2014 führte das schweizerische Grenzwachtkorps unter anderem die hochschwangere Suha Alhussein J., ihren Mann und die drei Kinder von Vallorbe VD über Brig VS ins italienische Domodossola zurück. Der syrischen Flüchtlingsfamilie, die von Mailand über die Schweiz nach Paris in ihr Zielland Deutschland hatte reisen wollen, fehlten die Visa. Auf dem Weg zurück nach Italien passierte es: Die im siebten Monat schwangere Suha Alhussein bekam starke Blutungen. Angekommen in Domodossola brach die damals 22-Jährige zusammen – später im Spital erlitt sie eine Totgeburt.

Unterlassene Nothilfe, Gefährdung des Lebens

Verantwortlich für das tragische Schicksal sollen Schweizer Grenzwächter sein. Die Familie wirft ihnen vor, der Frau während der Rückführung in der Schweiz medizinische Hilfe verweigert zu haben. Die Hilferufe von Omar J. nach einem Arzt für seine Frau liessen die Grenzwächter kalt. Selbst das Geld, das er in seiner Verzweiflung für eine Behandlung bot, stimmte sie nicht um. Im Mai 2017 erhob die Militärjustiz gegen den damaligen Teamchef der Grenzwache Anklage. Vorgeworfen wird ihm das Unterlassen von Nothilfe, Gefährdung des Lebens und Missachten von Dienstvorschriften.

Im schwersten Fall plädiert die Anklage auf vorsätzliche Tötung, im leichtesten auf untauglichen Tötungsversuch. Welche Variante zur Anwendung kommt, hängt davon ab, wann im strafrechtlichen Sinn das Leben eines Ungeborenen beginnt und wann dessen Tod eingetreten ist. Am 22. November beginnt vor dem Militärgericht in Bern die auf drei Tage angesetzte Hauptverhandlung.

«Als Mutter vergisst man seine Kinder nie»

Begleitet von Suha Alhussein J.s Schwester wird das Paar zur Verhandlung reisen. «Ich wünsche mir, dass der Grenzwächter aus seiner Tat lernt und ein guter Mensch wird», sagt Suha Alhussein J. Wütend seien sie auf den Angeklagten nicht. «Wir haben kein persönliches Problem mit ihm. Wir würden einfach gerne wissen, warum er damals falsch reagierte», sagt Omar J. Das Paar rechnet damit, dass der Angeklagte eine angemessene Strafe erhält.

Doch den Schmerz über den Verlust ihrer ungeborenen Tochter könnten sie nie überwinden. «Auch nach 100 Jahren würde ich mein Kind noch vermissen. Als Mutter vergisst man seine Kinder nie», sagt Suha Alhussein J. Sie habe aber akzeptiert, dass das Leben weitergehen müsse. «In Syrien im Krieg sterben jeden Tag viele Menschen. Trotzdem geht für die Angehörigen das Leben weiter.»

Einen Lichtblick am Horizont sieht die Familie bereits. Suha Alhussein J. lebt mit den mittlerweile vier Kindern in Deutschland – in der Nähe ihrer Verwandten. Bald wird auch ihr Mann, der noch bis Ende Jahr in Italien arbeitet, zur Familie stossen. Suha Alhussein: «Wenn wir mit unser ganzen Familie vereint sind, können wir den Tod unserer Tochter besser verarbeiten.»

*Name der Redaktion bekannt