Akt der Verführung?

04. April 2016 05:36; Akt: 04.04.2016 07:54 Print

«Der Händedruck gehört zur Schweizer Kultur»

von D. Pomper - Muslime dürfen in einer Basler Gemeinde der Lehrerin den Händedruck verweigern. Feministen und Politiker warnen vor einer Parallelgesellschaft.

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Für Felix Müri (SVP), Präsident der nationalrätlichen Bildungskommission, ist der Entscheid nicht akzeptabel: «Der Händedruck gehört zu unserer Kultur. Es ist eine Geste des Respekts und eine Frage von Anstand.» Die Berner SP-Frau und Feministin Lea Kusano pflichtet bei: «Die Schweiz ist ein laizistischer Staat. Es gilt die Trennung von Kirche und Staat - auch in der Schule.» Solchen religiösen Forderungen dürfe man nicht nachgeben: «Sonst heisst es plötzlich: Ich schaue der Lehrerin nicht mehr in die Augen oder sie darf mich im Turnunterricht nicht mehr berühren.» Der Präsident der Föderation islamischer Dachorganisationen Fids Montassar Benmrad empfiehlt muslimischen Schülern Frauen die Hand zu geben. Man solle aber Geduld haben mit Muslimen, die der Meinung seien, dass es respektvoll sei, die Hand eben gerade nicht zu geben. Qaasim Illi vom Islamischen Zentralrat Schweiz gibt fremden Frauen die Hand nicht. Das sei ein Tabu im Islam: «Es gilt das Konzept der Geschlechtertrennung um die Verführung zu verhindern.» Illi versteht die Aufregung ums Händeschütteln nicht: «Nach den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln forderten alle lautstark, dass Muslime sich von Frauen fernhalten sollen. Und jetzt fordert man plötzlich wieder körperliche Nähe.» Für die Händedruckverweigerung gar kein Verständnis hat dagegen Saida Keller-Messahli vom Forum für einen fortschrittlichen Islam. «Wir leben hier nicht in Saudi-Arabien.» Man dürfe den Forderungen extremistischer muslimischer Männer nicht nachgeben. Denn das bedeute, den politischen Islam zu unterstützen.»

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Nach dem Unterricht verabschieden sich die Schüler der Sekundarschule Therwil BL bei der Lehrerin mit einem Händedruck. Allerdings nicht alle. Mit muslimischen Schülern wurde eine Vereinbarung abgeschlossen, die es ihnen erlaubt, den Lehrerinnen die Hand nicht zu schütteln. Dies, nachdem sich zwei Schüler geweigert hatten, ihrer Klassenlehrerin die Hand zu geben. Gemäss Informationen der Zeitung «Schweiz am Sonntag» befassen sich mehrere Gemeinden mit dieser Frage, so in Baselland und der Zentralschweiz.

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Finden Sie es richtig, dass man den muslimischen Schülern entgegenkommt und sie den Handschlag der Lehrerin verweigern dürfen?
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Für Felix Müri (SVP), Präsident der nationalrätlichen Bildungskommission, ist der Entscheid nicht akzeptabel: «Der Händedruck gehört zu unserer Kultur. Es ist eine Geste des Respekts und eine Frage von Anstand.» Daran dürfe nicht gerüttelt werden. «Heute ist es der Händedruck und was ist es morgen?», fragt Müri.

Er warnt vor der Schaffung einer Parallelgesellschaft, in der andere Rechte und Pflichten gelten. «Wir müssen nur nach Brüssel oder Paris schauen, um zu sehen, wohin das führen kann.» Man müsse aufhören Intoleranz länger mit Toleranz zu begegnen. Sonst entstünden hierzulande noch Scharia-Gerichte, so wie das in Grossbritannien bereits der Fall ist.

Trennung von Kirche und Staat

Die Berner SP-Frau und Feministin Lea Kusano pflichtet bei: «Die Schweiz ist ein laizistischer Staat. Es gilt die Trennung von Kirche und Staat – auch in der Schule.» Solchen religiösen Forderungen dürfe man nicht nachgeben: «Sonst heisst es plötzlich: Ich schaue der Lehrerin nicht mehr in die Augen oder sie darf mich im Turnunterricht nicht mehr anfassen.»

In diesem Fall sei das Kindswohl höher zu werten als die Religionsfreiheit: «Man stelle sich vor, der Jugendliche stellt sich für eine Lehrstelle vor und gibt der Vorgesetzten die Hand nicht. Wie soll so die Integration in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt funktionieren?»

Kusano kritisiert bestimmte Strömungen ihrer Partei und wirft ihr vor gegenüber religiösen Fundamentalisten mit zwei verschiedenen Ellen zu messen: «Wenn Freikirchen gegen Abtreibungen wettern, sind die Linken die Ersten, welche mit der Religion hart ins Gericht gehen. Bei Muslimen aber scheut man den religiösen Diskurs. Es herrscht noch immer eine naiv verklärte Vorstellung des multikulturellen Zusammenlebens.»


Muslime sind sich uneins

Dürfen Muslime fremden Frauen die Hand geben? Diese Frage spaltet die hiesigen Muslime.

In der Sendung «Arena» vom letzten Freitag wich Montassar Benmrad dieser Frage zuerst aus. Benmrad ist der Präsident der Föderation islamischer Dachorganisationen Fids, die als gemässigt und liberal gilt. Auf Nachfrage antwortete Benmrad: «Ja und nein. Ich würde sagen, eher nein.» Als die «Schweiz am Sonntag» nachhakte, meinte Benmrad, er empfehle den muslimischen Schülern Frauen die Hand zu geben. Man solle aber Geduld haben mit Muslimen, die es anders hielten und der Meinung seien, dass es respektvoll sei, die Hand eben gerade nicht zu geben.

«Verführung verhindern»

Zu diesen Muslimen gehört etwa Qaasim Illi vom Islamischen Zentralrat Schweiz. Illi, der fremden Frauen die Hand nicht gibt, heisst den Entscheid von Therwil gut und plädiert für mehr Toleranz. «Es gilt das Konzept der Geschlechtertrennung um die Verführung zu verhindern.» Es sei im Islam ein Tabu, dass Männer Frauen die Hand geben. Dieses Prinzip gelte auch umgekehrt, weshalb es falsch sei, von Frauendiskriminierung zu sprechen.

Illi warnt davor, die Vereinbarung von Therwil wieder aufzulösen: «Würde die unsittliche Annäherung zwischen einem jungen Mann und einer Lehrerin erzwungen, grenzt das an körperlicher Nötigung.» Überhaupt versteht er die ganze Aufregung nicht: «Nach den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln forderten alle lautstark, dass Muslime sich von Frauen fernhalten sollen. Und jetzt fordert man plötzlich wieder körperliche Nähe.»

«Sind hier nicht in Saudi-Arabien»

Für die Händedruckverweigerung gar kein Verständnis hat dagegen Saida Keller-Messahli vom Forum für einen fortschrittlichen Islam. «Wir leben hier nicht in Saudi-Arabien.» Man dürfe den Forderungen extremistischer muslimischer Männer nicht nachgeben. Denn das bedeute, den politischen Islam zu unterstützen.»

Das Thema bewegt auch die 20-Minuten-Leserschaft. 87 Prozent der über 18’000 Umfrage-Teilnehmer finden die Händedruckverweigerung inakzeptabel. Auch Andersgläubige müssten sich der Schweizer Kultur anpassen. 5 Prozent sind der Meinung, das zeuge von Respekt gegenüber anderen Kulturen. 8 Prozent können die Diskussion um einen simplen Handschlag nicht verstehen.