Tierpsychologe erklärt

20. März 2019 12:46; Akt: 12.01.2020 18:36 Print

«Der Hund hat sich richtig hineingesteigert»

Ein American Staffordshire Terrier hat einen Zwergspaniel angegriffen und zerfleischt. Laut dem Tierpsychologen Ernst Krüsi kann man in solchen Situationen kaum eingreifen.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Herr Krüsi*, was ist bei diesem Treffen vermutlich schiefgelaufen?
Einfach alles. Richtig ausgeartet ist es jedoch, als die Grossmutter den Zwergspaniel in die Arme nahm, um ihn zu retten. Dadurch hat sie den American Staffordshire Terrier gereizt. Auch haben das Kind und die Erwachsenen geschrien. Dadurch wurde der Hund motiviert und hat sich massiv hineingesteigert. Man sieht das daran, dass er die Grossmutter immer wieder anspringt, obwohl sie ihm den Rücken zukehrt. Menschen können Hunde in einer solchen Situation nicht mehr erreichen. Sie haben ihr Ziel bereits festgelegt.

Wie wäre das korrekte Verhalten?
Leider können Laien in einer solchen Situation nicht mehr viel machen. Natürlich kann man versuchen, die Hunde zu trennen. Doch das ist äusserst gefährlich. Da ist so viel Muskelkraft und Entschlossenheit dahinter. Was das Resultat sein kann, zeigt die Handverletzung der Grossmutter. Es hätte durchaus schlimmer kommen können.

Und wie hätten Sie als Tierpsychologe reagiert?
Präventiv kann man nichts machen. Ich hätte den Aggressor jedoch ganz anders angepackt. Beispielsweise hätte ich versucht, ihn am Halsband zu erwischen und ihm den Schnauf abzudrehen. Auch gilt zu bedenken, dass man ruhig bleiben sollte. Man müsste versuchen, zu zweit vorzugehen: Während sich einer dem Aggressor annimmt, rettet die andere Person den Hund. Im Video sieht man vor allem die Grossmutter, die von Anfang an etwas unternimmt. Sie wird nicht wirklich unterstützt. Sie hatte Glück, dass sie nicht irgendwie gestolpert und auf den Boden gefallen ist. Da hätte die Situation auch für sie ganz anders ausgesehen.

Was sagt dieser Angriff über den American Staffordshire Terrier aus?
Es ist davon auszugehen, dass er gegenüber seinen Artgenossen nicht gut sozialisiert worden ist. Ein gut gegenüber Artgenossen sozialisierter Hund würde eine solche Aktion nicht fahren. Ein Blick in seinen Lebenslauf würde höchstwahrscheinlich aufzeigen, dass er bereits früher auf irgendeine Weise negativ aufgefallen ist. Falls das der Fall war, hätte ich erwartet, dass der Besitzer dem American Staffordshire Terrier, der im Kanton Genf als Listenhund gilt, neben dem Bauchgurt einen Maulkorb anlegt. Wie er es aus dem Bauchgurt geschafft hat, ist mir ein Rätsel. Vielleicht sollte dieser genauer überprüft werden.

Ich gehe davon aus, dass der Hund aus einer ausländischen Zucht stammt. Dort werden Hunde unter erbärmlichen Umständen unter anderem auch für den Schweizer Markt gezüchtet. Ausserdem stammt heute jeder zweite Hund aus dem Ausland. Dennoch gibt es viele American Staffordshire Terrier die als Familienhunde überhaupt keine Probleme machen. Das Problem liegt eben vielfach am anderen Ende der Leine.

Was geschieht mit dem Hund jetzt?
Der Hund muss jetzt vermutlich einen Wesenstest machen. Eventuell folgen nun ein Maulkorbzwang und eine Leinenpflicht. Nicht wegzudiskutieren ist, dass diese Hunde ein gewisses Potenzial haben. Was die in falschen Händen anrichten können, hat sich vor rund 14 Jahren im Fall des totgebissenen Süleyman aus Oberglatt gezeigt.

* Ernst Krüsi ist diplomierter Tierpsychologe und Präsident des­ Berufsverbands der tier­psychologischen Berater (Vieta).

(qll)