Schweizer Kurden

23. September 2014 09:25; Akt: 23.09.2014 09:25 Print

«Der IS hat meinen Cousin erschossen»

von Nicolas Saameli - Cuma Allak ist ein Kurde aus Zürich. Letzte Woche hat der IS seinen Cousin erschossen. Im Interview erklärt er, wieso er es begrüsst, wenn junge Schweizer Kurden in Syrien kämpfen.

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Cuma Allak im kurdischen Kulturzentrum in Zürich. Sein Cousin Seyhmus wurde letzte Woche vom IS getötet. (Bild: Nicolas Saameli)

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Herr Allak, was halten die Schweizer Kurden von den IS-Angriffen?
Cuma Allak: Was die Terroristen im Irak und in Syrien tun, ist absolut bestialisch. Sie greifen nicht nur uns Kurden an, sondern bedrohen die gesamte zivilisierte Welt. Mein Cousin Seyhmus wurde am letzten Donnerstag in Shingal vom IS erschossen. Da kann man nicht einfach ruhig bleiben.

Trotzdem sind Sie hier in der Schweiz zum Zusehen verdammt. Wie fühlen Sie sich dabei?
Ich bin zu alt, um zu kämpfen. Wenn ich aber Nachrichten wie die von den Massakern an den Jesiden im Sinaj-Gebirge oder von der Belagerung von Kobani lese, kann ich oft nächtelang nicht schlafen. Meiner Meinung nach muss sich jeder, der behauptet, nur ein bisschen menschlich zu handeln, auf irgendeine Art gegen diese Terroristen wehren.

Die verbotene Arbeiterpartei PKK hat alle kurdischen Jugendlichen dazu aufgerufen, sich an den Kämpfen um die eingeschlossene Stadt Kobani zu beteiligen. Haben sich auch Schweizer Jugendliche angesprochen gefühlt?
Unzählige junge Kurden aus Europa sind in den letzten Tagen in den mittleren Osten gereist, um dort an den Kämpfen teilzunehmen oder bereiten sich gerade darauf vor. Wie viele Schweizer darunter sind, kann ich nicht sagen. Es gibt aber auch hier Leute, die gehen wollen.

Sie halten es also für richtig, dass junge Kurden aus der Schweiz nach Syrien in den Krieg ziehen?
Der IS bedroht uns Kurden in unseren Werten, unserer Kultur und allem, was uns wichtig ist. Was gerade passiert, ist kein Krieg, sondern ein versuchter Genozid an unserem gesamten Volk. Wir wollen die Gewalt nicht einfach gutheissen. Wer aber loszieht, um sein Volk vor diesen Barbaren zu schützen, ist für mich in jedem Fall ein Held.

Welche Auswirkungen hatten die IS-Verbrechen auf die kurdische Gemeinschaft der Schweiz?
Die Massaker haben hier dazu geführt, dass der Streit unter den verschiedenen Gruppen beiseite gelegt wurde. Wir sind zwar seit jeher ein Volk, das stark zusammenhält. Im Moment erleben wir aber eine Einigkeit, wie sie noch nie da war. Auch haben wir gemerkt, dass viele junge Kurden wieder Interesse an der PKK zeigen, weil sie sehen, dass diese die Führungsrolle bei der Verteidigung unseres Volks übernimmt.

Wie sehen die Schweizer Kurden den Westen?
Wir sind glücklich darüber, hier Sicherheit zu finden, fühlen uns aber manchmal auch von der Welt verraten. Als die kurdische Journalistin Leyla Yildizhan vom IS getötet wurde, hat fast niemand über sie berichtet, obwohl die Bilder, die sie gemacht hat, um die Welt gingen. Die Exekution von James Foley hingegen wurde tagelang thematisiert. So etwas schadet dem Vertrauen. Auch stört es uns, dass die PKK als Terrororganisation bezeichnet wird, obwohl sie gerade gegen die Terroristen kämpft. Für mich ergibt das keinen Sinn.

Wie sollte der Westen auf die Bedrohung durch den IS reagieren?
Diese Organisation muss gestoppt und vernichtet werden, koste es, was es wolle. Meiner Meinung nach geht das nur, wenn man alle Kurden bewaffnet – also auch die PKK. Dass sich die USA und Frankreich nun am Kampf beteiligen, ist gut – nur aus der Luft kann man aber gegen eine Armee wie den IS nicht gewinnen.