Die Welt in Aufruhr – Teil 1

25. August 2014 18:49; Akt: 25.08.2014 18:53 Print

«Der Westen braucht einen Bösewicht»

von Désirée Pomper - Durch den Sturz von Despoten habe der Westen viele Länder ins Chaos gestürzt, sagt Friedensforscher Daniele Ganser. Er warnt davor, nun auch Putin zu dämonisieren.

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Mit der US-Invasion 2003 wurde Saddam Hussein gestürzt und die Diktatur zerfiel. Doch die Militäroperation «Iraqui Freedom» (Irakische Freiheit) brachte keine Befreiung. Es begannen Chaos, Plünderungen und neue Kämpfe um Macht und Vorherrschaft. Religiöse und politische Extremisten setzten eine Gewaltorgie in Gang. Nun wütet die islamistische Terrororganisation IS im Land. Am 17. Dezember 2010 begannen in Tunesien Proteste gegen die Regierung von Staatsoberhaupt Zine el-Abidine Ben Ali. Innerhalb weniger Wochen kam es zu landesweiten Massenunruhen, die auf etliche Staaten in Nordafrika und dem Nahen Osten übergriffen. Die Massenproteste führten bisher zur Absetzung und Flucht des tunesischen Machthabers Zine el-Abidine Ben Ali und zum Rücktritt des ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak. Doch im hochverschuldeten Staat hat sich für einfache, schlecht ausgebildete Menschen in den vergangenen drei Jahren kaum etwas zum Positiven gewendet. Viele junge Männer schliessen sich dem Dschihad an oder versuchen nach Europa zu emigrieren. Nach einem mehrmonatigen Bürgerkrieg schafften die Rebellen mit Unterstützung durch NATO-Truppen, Gaddafi zu stürzen. Am 20. Oktober 2011 wurde Gaddafi aufgegriffen. Er starb wahrscheinlich infolge von Schussverletzungen. Im November 2013 wurde bekannt, dass das Justizministerium eine Umbildung des Rechtssystems gemäss Scharia vorsieht. Der Aufstand in Ägypten begann am 25. Januar 2011, dem «Tag des Zorns». Am 11. Februar 2011 trat der langjährige Staatspräsident Husni Mubarak zurück und ein Militärrat übernahm die Macht. Seitdem gibt es Proteste von Muslimbrüdern, die teilweise in bürgerkriegsähnliche Unruhen übergehen, wobei neben Regierungsvertretern vor allem auch koptische Christen das Opfer von Angreifern werden. Am 22. Januar 2012 übergab der jemenitische Präsident Ali Abdullah Salih die Macht an seinen Stellvertreter Abd Rabbo Mansur Hadi und flog in den Oman aus, von wo aus er zu medizinischen Behandlungen in die USA flog. Ein demokratischer Wandel blieb bisher aus. Der Präsident der Ukraine Viktor Janukowitsch wurde am 22. Februar 2014 abgesetzt. Die EU und Washington hatten zuvor den Druck auf seine Regierung stetig erhöht. Es herrscht Krieg im Land. «Der russische Präsident Vladimir Putin ist für den Westen nach Saddam, Gaddafi und Assad der neue böse Mann», sagt der Schweizer Historiker Daniele Ganser. Der Westen sollte aufhören Putin zu dämonisieren und zu provozieren. Die Russen und die Europäer sollten Freunde sein und sich nicht gegenseitig in den Abgrund reissen.

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Herr Ganser, im Irak und in Syrien wütet die Terrororganisation «Islamischer Staat» IS. Der Konflikt zwischen Israel und Palästina ist wieder in vollem Gang. Zwischen Russland und der Ukraine brodelt es. Dazu breitet sich die Krankheit Ebola rasant aus. Tragische Flugzeugabstürze haben die Menschen noch zusätzlich verunsichert. Viele haben das Gefühl, die Welt gerät aus den Fugen.
Diese Angst ist verständlich. Aber die Schweiz ist sicher, wir hatten seit 160 Jahren keinen Krieg. Die Angst rührt daher, dass im Ausland viele Zivilisten betroffen sind und wir uns mit diesen identifizieren können. Viele Leute haben das Gefühl: Die Welt spielt verrückt. Noch nie war es so schlimm wie jetzt. Das stimmt aber nicht. Es gibt immer wieder unruhige Zeiten, zuletzt 2001 nach 9/11, dem Grounding der Swissair und dem Amoklauf in Zug. Damals hatten die Leute auch das Gefühl, dass jetzt die Welt aus den Fugen gerät. Aber wir müssen realistisch sein. In der Schweiz ist die Sicherheit extrem hoch. Die grössten Risiken hierzulande sind Verkehrsunfälle und Suizide.

Dabei herrschte noch vor wenigen Jahren Aufbruchstimmung. Mit dem Arabischen Frühling begann eine hoffnungsvolle Ära. Verschiedene Despoten wurden in den letzten Jahren mit Hilfe des Westens ausgeschaltet – Diktator Ben Ali in Tunesien, Hosni Mubarak in Ägypten, Ali Abdullah Sale in Jemen, Muammar Gaddafi in Libyen, Saddam Hussein im Irak. Doch die «befreiten» Länder versinken jetzt im Chaos. Was ist schiefgelaufen?

Die Idee, dass Frieden einkehrt und die gesellschaftliche Entwicklung vorangetrieben wird, wenn man einen Despoten eliminiert, ist ein grosser Irrtum. Gewalt führt nur zur Destabilisierung und zum Auseinanderbrechen der Region. Es ist naiv zu glauben, man könne den Irak bombardieren und dadurch der Demokratie zum Durchbruch verhelfen. Doch wir glauben noch immer fest daran. Denn wir Westler wollen die Rolle der Guten behalten. Dafür brauchen wir Feindbilder. Wenn der Feind bekannt ist, hat der Tag Struktur. Früher waren das die bösen Kommunisten. Dann die arabischen Diktatoren. Jetzt die militanten Islamisten. Dabei stellt man jedes Mal fest: Der eine Bösewicht wird einfach durch den nächsten ersetzt, von Milosevic über Bin Laden zu Saddam Hussein: immer das gleiche Spiel, das der Rüstungsindustrie Milliardenumsätze garantiert.

Der Westen fördert die Demokratie also gar nicht, sondern bremst sie sogar?

Uns wird weisgemacht, der Westen fördere Demokratie und Menschenrechte. Das stimmt aber nicht. Spitzenpolitiker erzählen die Geschichte mit der Demokratieförderung nur als Vorwand, um knallharte Wirtschaftskriege zu führen. Es geht einzig um den Ressourcenzugang wie etwa zu Erdöl oder Erdgas und Macht.

Umfrage
War es richtig, dass der Westen den Sturz zahlreicher Despoten unterstützt hat?
13 %
78 %
9 %
Insgesamt 7781 Teilnehmer

Können Sie Beispiele nennen?
Würde es dem Westen wirklich um die Demokratieförderung gehen, hätten die USA 1953 die damals demokratische Regierung im Iran oder 1973 die demokratische Regierung in Chile nicht gestürzt. Amerika hätte nicht in den 80er Jahren Saddam Hussein im Irak oder die Mudschaheddin von Bin Laden in Afghanistan aufgebaut. Unter dem Vorwand der Demokratieförderung wurde Präsident Janukowitsch in der Ukraine gestürzt. Ersetzt wurde er aber durch einen ebenbürtigen Despoten, der sich genauso wenig für die Mittelschicht interessiert. Aber Poroschenko steht auf der Seite des Westens und befürwortet einen Nato-Beitritt.

Nun steht der russische Präsident Vladimir Putin im Visier des Westens. Tut der Westen gut daran, ihn in Ruhe zu lassen, da er sonst riskiert, dass in der Region das Gleiche passiert wie in den Staaten des Arabischen Frühlings?
Putin ist für den Westen nach Saddam, Gaddafi und Assad der neue böse Mann. Dabei ist es verständlich, dass er sich durch die drohende Ausdehnung der Nato bedroht fühlt. Vor allem in Anbetracht der Erfahrungen, die Russland während dem Zweiten Weltkrieg machen musste. Der Westen sollte aufhören, Putin zu dämonisieren und zu provozieren. Die Russen und die Europäer sollten Freunde sein und sich nicht gegenseitig in den Abgrund reissen.

Der Westen hat den Sturz von Diktatoren wie Gaddafi und Hussein herbeigeführt. Dies hat sich als Eigentor erwiesen. Europa fürchtet sich jetzt vor Flüchtlingsströmen und rückkehrenden Dschihadisten.
Das nennt man Blow Back. Gaddafi war ein Despot, aber er hat Nordafrika stabilisiert. Als Ex-US-Präsident George W. Bush den Diktator Saddam Hussein stürzte, hat man nicht daran gedacht, dass das auch für den Westen negative Konsequenzen haben könnte. Um Assad in Syrien zu schwächen, haben Frankreich, die Türkei und Grossbritannien zusammen mit Katar und Saudi-Arabien die radikalen Sunniten unterstützt. Damals hat man gedacht: Sollen doch diese militanten Typen Assad stürzen. Viele haben die Eigendynamik unterschätzt. Jetzt fällt diese Intervention auf den Westen zurück.

Was hätte der Westen rückblickend anders machen müssen?
Man hätte diese Diktatoren und Gotteskrieger nie aufbauen und bewaffnen dürfen. Sie zu kontrollieren hat sich als viel schwieriger herausgestellt, als man anfänglich dachte.

Wie kann in den Krisenländern Sicherheit und Stabilität einkehren?
So banal es klingt: Konflikte sollten immer ohne Gewalt gelöst werden. Es schaut für beide mehr heraus, wenn man sich nicht umbringt. Das ist ein wichtiges Prinzip der Friedensforschung.

Ist eine kriegerische Intervention nicht manchmal notwendig um noch schlimmeres Leid zu verhindern? Etwa im Fall des IS?
Kriege haben unter dem Strich praktisch nie zu einem positiven Resultat geführt.

Immerhin konnten die Allierten dank einem militärischen Angriff Hitler stoppen.
Gerne geht vergessen, dass England froh um Hitler war, als er im Spanischen Bürgerkrieg die Sozialisten bombardierte und die Sowjetunion attackierte.

Wann denken Sie wird in Syrien und im Irak wieder Stabilität und Ruhe einkehren?
Das hängt natürlich vor allem von den Menschen vor Ort ab. Aber auch von uns im Westen: Wollen wir uns mutig für den Frieden einsetzen oder wollen wir Politikern wie Bush und Blair das Feld überlassen, die mit Gewalt und Bombenhagel ihre Machtgelüste befriedigen, Ressourcen erbeuten und andere Länder ins Chaos stürzen? Wir haben die Wahl, weil der Westen ein mächtiger Akteur auf der Weltbühne ist.

Lesen Sie im zweiten Teil, warum es höchste Zeit wird, dass Europa das Thema Religion nicht länger tabuisiert.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • stock am 25.08.2014 19:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

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    endlich mal ein wirklich schlauer Beitrag. Der nicht von den Weltmedien (90% der Weltmedien werden von einer Person geleitet und sind allesamt PRO Amerika) kopiert wird. Momentan interessiert sich ja kaum jemanden mehr für die Aufklärung des Absturzes von MH17, ausser Russland. Amerika könnte zweifelslos aufklären, mit welchen Waffen geschossen und Wer da am Werk war, dass haben sie in den letzten Jahren bereits einige Male bewiesen. Ich würde es begruessen wenn hier weitere Amerika kritische Beiträge veröffentlicht werden

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  • mensch am 25.08.2014 19:11 Report Diesen Beitrag melden

    wow 20 minuten

    jetzt muss ich euch aber mal ein kompliment machen. herrn daniele ganser zu wort kommen zu lassen, zeigt das es gute und ehrliche berichterstattung doch noch gibt, wenn auch selten. macht weiter so und helft mit den 3.en zu verhindern...danke

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  • objektiver beobachter am 25.08.2014 19:04 Report Diesen Beitrag melden

    richtige schlussfolgerung

    super beitrag, meine gedanken! russland ist nicht unser feind und will es auch nicht sein.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Säsch am 26.08.2014 13:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nix Neues

    Alle die ein wenig über den Tellerrand hinausdenken können, kommen da selber drauf.

  • Liliana am 26.08.2014 12:57 Report Diesen Beitrag melden

    Danke 20Min.für diesen Beitrag.

    D.Gansler sagt,was Viele denken,aber sich nicht getrauen, zu sagen.Was im Moment,z.B. mit Putin abgeht,erinnert mich stark,an Andere Kriege,die mit Lügen,begonnen wurden!Ich wünsche mir,das bald Alle aus ihrem Schneewittchen-Schlaf erwachen!

  • Abdel am 26.08.2014 08:31 Report Diesen Beitrag melden

    Bravo an Daniele Ganser

    Zu den Aussagen von Daniele Ganser kann ich nur sagen: GETROFFEN! Endlich Jemand der es ausspricht und die Gelegenheit dazu hat! Ich kenne speziell das Beispiel in Libyen, dort zittern nicht nur die Einwohner vor den neuen Unruhen sondern ganze Familien flüchten, als Folge der Westlichen Demokratie! Der Westen ist eine grosse SCHANDE was er dort angerichtet hat! JA, wir reden von Despoten, aber unter deren Politik waren die Bewohner dieser Länder sicher und das ganze System war geregelt! Niemand hungerte oder hatte Angst vor'm Nachbarn!

    • Dany am 26.08.2014 13:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Lustig

      Leider waren einige Länder tatsächlich unter Despoten stabiler; weil sie momentan nicht fähig sind, sich selber zu verwalten und regieren. Ihr Statement ist ein Hohn für die Tausenden Ermordeten und Gefolterten unter Saddam, Gaddhafi und Co.! Ihr macht es euch schon sehr einfach mit eurer Kritik! Seht doch mal, wie viele Leute in diesen Krisengebieten nach der Hilfe des Westens rufen...

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  • Franz am 26.08.2014 08:25 Report Diesen Beitrag melden

    Wenn man gegen den Strom schwimmt

    sollte man plausiblere Fakten haben. So einfach funktioniert die Welt nicht, wie dargestellt. Ausser man glaubt, dass alles vorbestimmt sei.

    • Buffy am 26.08.2014 13:52 Report Diesen Beitrag melden

      @ Franz

      Herr Dr. Ganser trifft den Nagel sehr genau auf den Kopf. Seine Aussagen hier sind übrigens ziemlich harmlos, im Gegensatz zu seinen Vorträgen. Schon klar, dass seine Aussagen (die klar auf Fakten beruhen) denen nicht passen, die ein verlogenes System zu verteidigen haben.

    • Denker am 26.08.2014 14:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Oh doch Franz!

      Genau so einfach funktioniert die Welt!

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  • Auf klärer am 26.08.2014 08:21 Report Diesen Beitrag melden

    verdeckte Kriegsführung

    Herr Ganser analysiert schon länger die verdeckte Kriegsführung von Geheimdiensten. Verdeckte Kriegsführung heisst, dass absichtlich getäuscht wird um Kriege zu legitimieren. Der Irak ist das offentsichtlichste Beispiel. Durch False-Flag-Operations werden werden Falsche-Beweise geschaffen um dann den Krieg auszulösen und schliesslich an das wertvolle Öl zu kommen! Denn der Ölverbrauch sinkt ständig und es wird schwieriger / mühsamer / kostspieliger neues Öl zu finden / fördern. Ich rate jedem auf Youtube Daniele Ganser einzutippen um dann selbst die Videos ansehen zu können.