Raubtier gegen Vieh

21. Juli 2014 04:25; Akt: 21.07.2014 08:36 Print

«Der Wolf reisst Schafe, weil sie ihn verwirren»

von Nicolas Saameli - Ein Wolf hat im Wallis Dutzende Schafe gerissen. Stefan Inderbitzin vom WWF erklärt, warum das Raubtier mehr Schafe reisst, als es frisst.

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Im Wallis wurden in den letzten Tagen 30 Schafe von Wölfen gerissen. Die Bauern fordern einen Abschuss.
Stefan Inderbitzin: Beides ist sehr bedauerlich. Ich kann gut nachvollziehen, dass die Bauern wütend sind. Man muss aber auch sehen, dass in jedem Jahr rund 300 Schafe von Wölfen getötet werden – etwa 4000 aber sterben gleichzeitig auf den Alpen im Sommer, weil sie nicht genug gut betreut werden. Die Rolle des Wolfes muss hier ein wenig relativiert werden.

Heisst das, dass die Bauern eine Mitverantwortung tragen?
Man sollte das eine nicht gegen das andere ausspielen. Die Erfahrung zeigt aber schon, dass die Schafe fast nur auf unbewachten Alpen von Wölfen getötet werden. In anderen Kantonen, wie etwa Graubünden, haben wir gute Fortschritte mit dem Herdenschutz gemacht. Im Wallis besteht aber schon lange ein Nachholbedarf.

Die Bauern sagen, ihnen fehle das Geld, um die Schafe ausreichend zu bewachen.
Hier muss man drei Dinge beachten: Erstens wird die Schafzucht in der Schweiz jährlich mit 48 Millionen Franken subventioniert, zweitens hat der Bund die Herdenschutz-Subventionen deutlich erhöht und drittens werden im Wallis viele Schwarznasenschafe gehalten. Diese Zucht ist ein Nebenerwerb und hauptsächlich Liebhaberei. Das ist natürlich ein fester Teil der lokalen Kultur, aber Wolle oder Fleisch von solchen Schafen kann man in der Regel nicht kaufen.

Die Wolfsattacken sind aber für die Schafe äusserst brutal.
Auch das muss man relativieren. Brutalität ist ein menschlicher Begriff und kann im Tierreich so nicht angewendet werden. Natürlich sehen Bilder von gerissenen Schafen schrecklich aus. Für Tiere gilt aber in vielen Fällen tatsächlich das Gesetz «Fressen und gefressen werden». Der Wolf ist nun mal ein Raubtier, das andere Tiere tötet. Er ernährt sich aber vorab von Wildtieren.

Die Wölfe haben aber viele Schafe nur getötet und nicht gefressen. Wieso passiert so etwas?
Hierfür gibt es verschiedene Thesen. Man hat aber noch keine definitive Erklärung gefunden. Manche sagen, es passiere, weil der Wolf in eine ungewohnte Situation kommt, wenn er auf eine Herde Schafe trifft. Normalerweise jagt er Wildtiere, die einen Fluchtreflex haben wie Rehe. Schafe aber rotten sich zusammen und reagieren verstört. Das verwirrt den Wolf. Er beisst in solchen Situationen nach allem, was ihm vors Maul läuft. Andere Experten sagen, dass der Wolf auf Vorrat und fürs Rudel jage. Deshalb erlege er so viele Tiere wie möglich.

Wie soll man jetzt mit dem Wolf umgehen?
Die Frage ist heute nicht, ob der Wolf in der Schweiz Platz hat, sondern wie wir möglichst konfliktfrei mit ihm umgehen können. Es werden immer wieder Rudel aus Italien einwandern. Wir müssen also sinnvolle Strategien entwickeln, um ein gutes Zusammenleben von Bauern und Raubtieren zu ermöglichen. Dazu gehören Herdenschutzhunde, Behirtung und das Informieren der Bevölkerung.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Carlos am 21.07.2014 07:19 Report Diesen Beitrag melden

    Idee

    Ich denke, der Wolf braucht ein Sonder-Setting.

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  • Einer Weniger am 21.07.2014 08:05 Report Diesen Beitrag melden

    Problembetrachtung aus akad. Sicht

    Mein Vorschlag: Organisieren Sie für den Wolf ein Sondersetting und für die Schafe sollte ein Care-Team zum Einsatz kommen. Dieses könnte den Schafen erklären, weshalb der Wolf seinen Beissreflex einfach nicht unter Kontrolle bringen kann, wenn ein paar nervöse Schafe vorbeirennen und den Wolf müsste man psychologisch betreuen und ihm beibringen, dass man zwar Verständnis hat für sein Verhalten, aber dass er sich vielleicht ein Stück Holz, das aussieht wie ein Schaf zum Abreagieren des Reflexes vornehmen sollte, womit dann beiden Seiten enorm geholfen wäre... He, das war ironisch gemeint...

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  • P. Wittwer am 21.07.2014 22:52 Report Diesen Beitrag melden

    Wolfabschuss bevor Nutztiere reissen

    Unter bestimmten Bedingungen und Ausnahmen können die Mitgliedsstaaten geschützte und streng geschützte Tiere töten: Zur Verhütung ernster Schäden an Kulturen, Viehbeständen können die Vertragsparteien vom Tötungsverbot abweichen (Artikel 9, Berner Artenschutzabkommen). Das heisst: Ein Grossraubtier kann in einer Region mit Viehzucht getötet werden, bevor das erste Nutztiere gerissen wird, ohne auf 25 oder 35 Risse zu warten.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Marco am 29.07.2014 21:41 Report Diesen Beitrag melden

    Existenzfrage

    Wie lange schaut die Nutztierlobby noch zu. Es sollten vielmehr andere Nutztiere vom Wolf angegriffen als nur Schafe (Kälber, Hunde, usw.). Viele der Beführworter wissen gar nicht, dass es um Existenzfragen und Entscheide geht betreffend der Wolfstoleranz.

  • Georges Junginger am 29.07.2014 16:10 Report Diesen Beitrag melden

    Ein natürliches Verhalten

    Das ist ein natürliche Verhalten des Wolfes in so einer Situation, darum sind die Wölfe seit jeher so unbeliebt bei den Tierhaltern.

    • kriti am 29.07.2014 22:11 Report Diesen Beitrag melden

      wert der schafe

      schafe sind auch schützenswerte TIERE,wenndiese die Alpen nicht schützen durch das abweiden,werden wir das noch zu spühren bekommen

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  • Peter Wittwer am 28.07.2014 22:36 Report Diesen Beitrag melden

    Wolfsrudelbildung BE-FR

    In den Jahren 2009 bis 2013 hielt sich das Wolfsweibchen F05 alleine in der Umgebung von Freiburg Bern auf. Im Jahr 2014 erscheint plötzlich, aus heiterem Himmel, das Wolfsmännchen M46. Woher ist M46 wohl gekommen? Wer hat M46 angesiedelt? Es muss doch ein Rudel gebildet werden und das mit Hilfe des Menschen! (Raubtierbefürworter)

  • P.Wittwer am 24.07.2014 14:10 Report Diesen Beitrag melden

    Herr Inderbitzin: Tierschutz ?

    Herr Inderbitzin wenn ich Euren Bericht lese, frage ich mich warum arbeiten Sie beim WWF ? Wie viel kassieren Sie persönlich von den Subventions-Millionen? Wenn Sie der Meinung sind, dass 4000 Nutztiere nicht gut genug betreut werden, warum unternehmen Sie nichts dagegen? Es ist doch himmelschreiend dass Sie sowas hinnehmen? Und noch viel mehr stört mich, dass Sie zulassen zu den 4000 Nutztieren zusätzlich 300 pro Jahr durch Raubtiere zu töten! Das ergibt im ganzen 4300 Nutztiere! Wie mehr Raubtiere umso grösser die Zahl der getöteten Nutztiere. Diese Zahl wird sich von Jahr zu Jahr verdoppeln

  • Nicola K. am 23.07.2014 18:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Adios Wuuulfii

    Ganz einfach. In meinem privaten Wald würde ich den Wolf erschiessen. Auf einem Privatgrundstück kann der Eigentümer machen was er will. Es gibt genügend Orte um den Kadaver unbemerkt zu entsorgen.