Sexuelle Belästigung durch Professor

29. Juni 2018 15:13; Akt: 29.06.2018 15:13 Print

«Die ETH muss dringend über die Bücher»

Ein Architektur-Professor soll an der ETH Studentinnen sexuell belästigt haben. Laut SP-Nationalrätin Martina Munz muss die Hochschule nun handeln.

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Frau Munz, ein Professor soll Studentinnen sexuell belästigt haben. Was bedeutet ein solcher Vorfall für die ETH?
Es ist ein weiterer Fall in kürzester Zeit, der die Hochschule in ein negatives Licht rückt. Nach den Mobbing-Fällen und den geäusserten Problemen mit dem enorm hohen Arbeitsdruck steht für mich fest: Die ETH muss dringend über die Bücher bezüglich Arbeitsklima, sonst riskiert sie einen Reputationsschaden.

Die Abteilung für Chancengleichheit für Mann und Frau hat seit einer Weile Informationen zu dem Fall gesammelt und diese letzte Woche der ETH-Leitung überreicht. Was halten Sie von diesem Vorgehen?
Es ist richtig, dass die zuständige Abteilung, die Fällen zuerst verifiziert, bevor sie handelt. Das sollte allerdings zügig geschehen. Wie lange bereits Informationen der Abteilung zugespielt wurden und was bereits unternommen wurde, kann ich nicht beurteilen. Die Interventionsstelle muss sich der Tragweite für Opfer und Täter bewusst sein. Wichtig ist, dass die Studierenden schon während der Abklärungen rasch Unterstützung erhalten und sich nicht allein gelassen fühlen. Auf der anderen Seite darf es nicht sein, dass ein Professor unverschuldet in Verruf kommt.

Was erwarten Sie nun als Politikerin von der ETH-Leitung, auch im Bezug auf den Professor?
Eine vorübergehende Freistellung von Tätigkeiten mit Kontakt zu Studierenden, bis der Fall geklärt ist. Die ETH muss sich grundsätzlich mit dem Arbeitsklima auseinandersetzen. Die Kampagne ‹Respekt.Punkt› ist ein guter Ansatz. Damit wird an der ganzen Hochschule der Verhaltenskodex thematisiert. Das genügt aber nicht.

Ich erwarte nun von der ETH eine höhere Sensitivität. Mit einer niederschwelligen Anlaufstelle sollte Missbrauch gemeldet werden können, ohne die eigene Karriere zu gefährden. Dabei geht es einerseits um Mobbing und sexuelle Belästigung, aber auch beispielsweise um Manipulation von wissenschaftlichen Daten.

Viele Studenten nehmen keine Hilfe in Anspruch, weil sie Angst haben. Woher kommt diese Angst?
Das Abhängigkeitsverhältnis von Doktorierenden und Postdoktoranden kann sehr ausgeprägt sein. Die Karrierechance an der Hochschule ist abhängig von der Bewertung der vorgesetzten Professorin oder des Professors. In einigen Universitäten hat man das Problem erkannt und gehandelt.

Die ETH hat ja eine Kampagne mit dem Titel «Respekt.Punkt» lanciert. Dazu wurde ein hauseigener Verhaltenskodex formuliert. Nützt das wirklich etwas?
Ja, das ist sehr hilfreich. So wird das Problem sinnvoll thematisiert. Mit der Kampagne macht die ETH deutlich, dass sie das Problem angehen will, das ist sehr erfreulich. Das darf aber nicht die einzige Massnahme sein. Es braucht eine niederschwellige Anlaufstelle und klare Massnahmen gegenüber allfälligen Tätern.

Verweist der Fall auch auf tiefgreifende, strukturelle Gender-Ungleichheiten im Departement Architektur bzw. der ETH?
Als ehemalige Studentin kann ich bestätigen, dass es an der ETH Gender-Ungleichheiten gab. Zu meinen Zeiten begrüsste uns am ersten Tag ein Professor mit den Worten ‹Die Männer in diesem Saal sind gute Ehemänner für euch›. Diese Zeiten sind vorbei! Die ETH hat dieses Problem schon länger erkannt und bemüht sich, die Frauen in allen Domänen gleich zu behandeln. Das gelingt ihr aber sicher nicht lückenlos. Werden Frauen diskriminiert, müssen diese Vorfälle unbedingt gemeldet werden, nur so wird das Problem erkannt. Die ETH ist noch immer sehr männerlastig, obwohl auch die technischen Berufe auf weiblichen Nachwuchs angewiesen sind.

(qll)