Strafrecht

15. Februar 2019 09:12; Akt: 15.02.2019 09:12 Print

Heimlich Kondom entfernt – folgt schärferes Gesetz?

von D. Krähenbühl - Ein Student entfernt heimlich das Kondom während dem Sex – und wird vor Gericht freigesprochen. Politiker und Gynäkologen reagieren mit Unverständnis.

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Ein Tinder-Date endete vor Gericht. Ein 18-Jähriger hatte während dem Sex das Kondom abgezogen – ohne das Einverständnis oder das Wissen seiner Partnerin. Gestern wurde er vom Bezirksgericht Bülach vom Vorwurf der Schändung freigesprochen. Das Entfernen des Kondoms ohne ihr Einverständnis, das sogenannte «Stealthing», sei lediglich eine Missachtung der Spielregeln beim Sex gewesen. Eine Schändung habe nicht vorgelegen, so das Gericht. Für die Zürcher Gynäkologin und Sexualtherapeutin Yvette Plambeck ist das Gerichtsurteil «ein Schlag ins Gesicht der Frauen». Den Männern werde gezeigt, dass man mit Frauen alles machen könne, was man wolle. Frauen empfehle sie,vor dem Geschlechtsverkehr klare Spielregeln durchzugeben, sagt Plambeck. Und wenn der Mann auf Geschlechtsverkehr ohne Kondom beharrt? «Dann kommt er einfach nicht mit ins Bett.» «Der medizinische, psychologische und finanzielle Schaden ist gross – und völlig unnötig», sagt David Scheiner, Gynäkologe am Universitätsspital Zürich. Das Gerichtsurteil ist für ihn indessen ein Schritt zurück in mittelalterliche Zeiten. «Es zeigt, dass beim Sex die Frau dem Mann auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist.» Ähnlich sieht es Andrea Gisler, Anwältin und Präsidentin der Frauenzentrale Zürich: «An diesem Beispiel sieht man, wie vorsintflutlich unser Strafrecht funktioniert.» FDP-Ständerat Andrea Caroni. «Wir werden in der Rechtskommission bald über Sexualdelikte sprechen und sollten dabei auch diese Konstellation anschauen. Es ist offensichtlich, dass der Sex nach dem Abstreifen des Kondoms nicht mehr einvernehmlich war.» Ob jetzt im Strafrecht ein expliziter Konsens beim Sex gefordert werden sollte, steht auch für Min Li Marti zur Diskussion. Vorschnell handeln will sie nicht: «Weil meist Aussage gegen Aussage steht und die Beweisführung schwierig ist, könnte es trotz Gesetz zu keinen Verurteilungen kommen.»

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Das erste Treffen auf dem Uetliberg verlief gut. So gut, dass die damals 18-jährige Frau ihr Tinder-Date am Abend zu sich in die Wohnung einlud und es zum Sex kam – mit Kondom. Weil der 19-Jährige dieses schon kurze Zeit später heimlich entfernte, zeigte sie ihn an. Das Bezirksgericht Bülach sprach den Jus-Studenten nun aber frei. Das Entfernen des Kondoms ohne ihr Einverständnis, das sogenannte «Stealthing», sei lediglich eine Missachtung der Spielregeln beim Sex gewesen. Eine Schändung habe nicht vorgelegen (siehe Box).

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Für die Zürcher Frauenärztin und Sexualtherapeutin Yvette Plambeck ist es «ein Schlag ins Gesicht der Frauen, wenn ein Mann nicht zur Verantwortung gezogen werden kann, wenn er heimlich das Kondom auszieht und sie damit gefährdet.» Es impliziere, dass Männer solche Übergriffe machen können und damit davonkommen, sagt Plambeck. «Sexuell übertragbare Infektionen nehmen stetig zu, das Risiko, sich mit etwas zu infizieren, hat zugenommen.»

Psychische Belastung

Frauen empfehle sie, vor dem Geschlechtsverkehr klare Spielregeln durchzugeben, sagt Plambeck. Und wenn der Mann auf Geschlechtsverkehr ohne Kondom beharrt? «Dann kommt er einfach nicht mit ins Bett.» Dass Frauen auf solche Weise getäuscht werden, kommt aber immer wieder vor. Für die Frauen gehe mit der Täuschung ein grosser Vertrauensverlust einher – sowohl in die Männer als auch in sich selbst. Plambeck: «Betroffene Frauen haben stets Angst, dass es wieder passiert und machen sich gleichzeitig selber Vorwürfe.»

Dass ein solcher Vorfall für betroffene Personen extrem belastend sein kann, bestätigt David Scheiner, Gynäkologe am Universitätsspital Zürich. «Bis man abschliessend weiss, ob man tatsächlich HIV-positiv ist, vergehen drei Monate.» Die zahlreichen Arztbesuche, die Tests und die dafür aufgewendete Zeit kämen hinzu.

Überholtes Strafrecht

«Der medizinische, psychologische und finanzielle Schaden ist gross – und völlig unnötig.» Schliesslich brauche es nur ein Kondom, um all dem vorzubeugen. Das Gerichtsurteil ist für ihn indessen ein Schritt zurück in mittelalterliche Zeiten. «Es zeigt, dass die Frau dem Mann auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist.»

Ähnlich sieht es Andrea Gisler, Anwältin und Präsidentin der Frauenzentrale Zürich: «An diesem Beispiel sieht man, wie vorsintflutlich unser Strafrecht funktioniert.» Denn gerade Fälle, in denen der Mann das Kondom heimlich abstreift, würden vom Gesetz nicht erfasst. «Hier existiert eine Lücke, die von der Politik geschlossen werden muss.»

Bundesgericht soll entscheiden

Eine Verantwortung, vor der sich die Politik nicht drücken sollte, sagt Rechtsanwalt und FDP-Ständerat Andrea Caroni. «Wir werden in der Rechtskommission bald über Sexualdelikte sprechen und sollten dabei auch diese Konstellation anschauen. Es ist offensichtlich, dass der Sex nach dem Abstreifen des Kondoms nicht mehr einvernehmlich war.» Caroni rät der betroffenen Frau deshalb, gegen das Urteil zu rekurrieren: «Ein Entscheid des Bundesgerichts würde Klarheit schaffen.»

Ob jetzt im Strafrecht ein expliziter Konsens beim Sex gefordert werden sollte, steht auch für Min Li Marti zur Diskussion. Vorschnell handeln will sie nicht: «Weil meist Aussage gegen Aussage steht und die Beweisführung schwierig ist, könnte es trotz Gesetz zu keinen Verurteilungen kommen.» Für die Opfer wäre das schlimm, ja vielleicht sogar kontraproduktiv. Das ist nicht das Ziel», sagt Marti.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Cornelia am 15.02.2019 09:52 Report Diesen Beitrag melden

    Hinterhältigkeiten und Gemeinheiten

    Es steht völlig ausser Frage, dass Stealthing ein NoGo ist. Obwohl ich das Urteil nicht befürworten kann, scheint der Freispruch hier aber irgendwie logisch, weil die Vergangenheit zeigt, dass Bösartigkeiten beim Sex offenbar bei einigen dazugehören. Eine Frau, die heimlich die Pille absetzt, um ihrem Partner ein Kind unter zu schieben, wird ja nach Schweizer Recht auch nicht belangt. So gleicht sich das aus. Wärt ihr alle nur wieder etwas netter mit euren Mitmenschen, wäre das Zusammenleben einfach einfacher.

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  • ueli am 15.02.2019 09:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    kein verständnis

    Ich bin auch eun Mann. Ich mag Sex ohne Kondom auch lieber und das geht in euner Beziehung durchaus auch in Ordnung. Aber ganz sicher nicht bei ONS oder ähnlichem. Ich habe absolut kein Verständnis für sein Verhalten. Hat wohl zuviele Pornos mit diesem Verhaltengeschaut. Was für ein A......!

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  • Susi Susanna am 15.02.2019 09:54 Report Diesen Beitrag melden

    Schwangerschaft

    Geschlechtskrankheiten sind das eine, was ist mit einer ungewollten Schwangerschaft? Trägt er das Kind aus? Muss er eine Abtreibung machen an seinem Körper? Muss er sein Leben an ein Kind anpassen? Nein. Frechheit so was. Ausserdem, will man ein Kind von einem Typen der so einen schlechten Charakterzu aufweist. Auch Nein

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Valerio M. am 15.02.2019 19:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    schlimm, aber

    Warum ein Englischer Begriff? Macht man sowas nur im Englischsprechenden Raum? Zudem: Kondom wegzunehmen ist fies. Sowas macht man nicht. Kondom ist aber selbst wenn es nicht weggenommen wird kein allzu sicherer Schutz und man sollte nicht zusammen schlafen wenn man, im "worst case" , ein Kind nicht akzeptieren würde.

  • Silvia K. am 15.02.2019 17:18 Report Diesen Beitrag melden

    Ähm

    Sorry, dass sollte man als frau schon bemerken wenn das komdom fehlt.

  • Normalo am 15.02.2019 17:00 Report Diesen Beitrag melden

    Straftat?

    Ist die Gefährdung der Gesundheit eines anderen Menschen nicht strafbar? Weiß doch keiner was der Andere für Krankheiten hat. Anlügen und schnell Mal stealth mässig AIDS verteilen wäre also völlig OK?

    • Valerio M. am 15.02.2019 19:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Normalo

      Man soll auch mit keiner Person schlafen von der man nicht weiss ob sie gesund ist, denn auch ein Kondom kann platzen oder reissen.

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  • Trans Girl am 15.02.2019 16:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    PS...

    Einige schreiben hier sex gehört in die Ehe und ist unverantwortlich sex zu haben ohne verheiratet zu sein. Ich können niemanden heiraten ohne zu wissen ob der sex gut ist oder nicht. Hatte schon unglaublich schlechte Liebhaber.

    • Valerio M. am 15.02.2019 19:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Trans Girl

      Ja und? Ist auch nicht das Wichtigste in der Ehe.

    • Trans Girl am 15.02.2019 21:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Trans Girl

      Ich meine ja man will niemand heiraten wenn der sex schlecht ist oder? Und PS bin auch gegen kondome die rauben einer Frau das Gefühl.

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  • Rasko am 15.02.2019 16:37 Report Diesen Beitrag melden

    Beweislast = unmöglich zu beweisen

    Schliesslich kann es ja auch aus Versehen passiert sein und er hat davon nichts mitbekommen.