Streitgespräch

02. Januar 2015 08:16; Akt: 02.01.2015 08:16 Print

«Die Frauen sind auch selber schuld»

von D. Pomper - Warum schaffen es nur wenige Frauen bis ganz nach oben? Wer trägt die Verantwortung dafür? Die Autorinnen Monique R. Siegel und Sonja A. Buholzer im Streitgespräch.

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Beim Wort Feminismus stehen vielen jungen Frauen die Haare zu Berge. Brauchen wir diese Bewegung heutzutage noch?
Sonja A. Buholzer: Feminismus ist so was von vorgestern. Frauen dürfen, ja müssen ihre Weiblichkeit und ihr Anders-Sein mutig ins Management einbringen. Es ist die Angst vieler Frauen vor ihrer eigenen Weiblichkeit, die uns schwächt. Das ist kein Kampf mehr, den wir führen, sondern eine Einladung zur Karriere mit viel Weiblichkeit.

Umfrage
Warum gibt es so wenige Frauen in Toppositionen?
33 %
57 %
10 %
Insgesamt 3730 Teilnehmer

Wie meinen Sie das?
Buholzer: Wir haben unsere Weiblichkeit in den letzten Jahrzehnten unterdrückt, weil wir uns immer angepasst haben. Dabei wollen CEOs richtige Frauen und keine schlechteren Männer. Die Chefetagen wünschen sich Frauen, die nicht in direkter Konkurrenz zu Männern stehen, sondern komplementär wirken. Wir Frauen denken, fühlen und werten anders als Männer. Wir haben ein anderes Verhältnis zu Hierarchien und ein anderes Machtempfinden. Gesang, Tanz, Ästhetik, Humor, das Spielerische – das ist eine matriarchale Wurzel, die wir Frauen teilen. Aber wenn ich mir viele Frauen ansehe – das ist eine Verschwendung von Güte und weiblichen Talenten, die das Management dringend braucht, denn Frauen haben viel zu sagen.

Monique R. Siegel: Wie können Sie behaupten, Feminismus sei von gestern? – Ich bin Feministin durch und durch, aber das heisst für mich: für Frauen, nicht gegen Männer. Ich erinnere mich daran, wie in den USA mein Bus anhalten musste, weil eine Horde wild gewordener Frauen ihre BHs in Brand setzten und drumherum tanzten. Ich wusste nicht, was das sollte, und wollte nichts damit zu tun haben. Später in der Schweiz habe ich für verheiratete Frauen, die sich weiterbilden wollten, ein Weiterbildungsprogramm angeboten, und das hat einen Skandal ausgelöst. Frauen nahmen sich das Familienauto und gingen nach den Seminaren abends noch in die Beiz. Ihre Männer dachten wohl, ihnen würde die Frauen weggenommen. Als ich gemerkt habe, dass es Widerstände gegen Bildung von Frauen gibt, bin ich Feministin geworden.

Buholzer: Bitte, Frau Siegel. Die Generation von heute und von morgen wird dankbar sein für diese Vorreiterinnen – aber jetzt, hier und heute geht es nicht mehr um den Kampf um Rechte, sondern um das gemeinsame Entwickeln von Zukunftsmodellen, in denen nicht nur Frauen, sondern auch Männer neue Arbeits- und Lebensmodelle ausprobieren können. Wir wollen auch zwischen den Geschlechtern wieder Liebe leben statt Rivalität, Wettbewerb statt Konkurrenz und Heterogenität statt Verdrängung.

Siegel: Ich finde es bedenklich, wenn junge Frauen sagen, dass wir keinen Feminismus mehr brauchen. Es gibt keine Zukunft ohne Vergangenheit. Es gibt so viele fantastische Frauen, die für uns den Weg geebnet haben.

Trotz der Feminismus-Bewegung sind Frauen in Kaderpositionen in der Minderheit. Blockieren Männer den Weg nach oben oder sind die Frauen zu wenig kämpferisch?
Siegel: Die Frauen sind ein Stück weit selbst schuld. Es gibt so viele hoch qualifizierte Frauen. Nie waren ihre Chancen besser. Doch sie verpassen sie. Viele stecken noch immer in ihrer Opferrolle fest. Sie reden am liebsten über die Nachteile, die ihr Geschlecht mit sich bringt. Ihre Sicht heisst: me, myself and I. Alles dreht sich um mangelnde Kindertagesstätten oder ungleiche Löhne. Warum gründen sie nicht eine Kita oder kämpfen für Lohntransparenz? Offensichtlich haben es sich viele Frauen in der Mitte ganz gemütlich gemacht. Dort ist es leichter, sich den Herausforderungen eines anspruchsvollen Jobs nicht zu stellen. Anstatt sich auf diese Diskriminierungsidee zu fokussieren, müssen wir endlich damit anfangen, eine humanere Arbeitswelt aufzubauen. Männer und Frauen müssen miteinander aushandeln, was für ein Leben sie wollen. Die Phase in einem Frauenleben, in der Kinder das bestimmende Thema sind, dauert rund 15 Jahre. Es kann doch nicht sein, dass sie ein 90-jähriges Leben prägt – abgesehen davon, dass nicht jede Frau Kinder haben kann oder will.

Buholzer: Frauen haben so viele Pflichten, Arbeiten und Dienste der Männer übernommen, dass sie sich dabei selber verloren haben. Dabei dürfen sie sich vom fatalen Perfektionismus verabschieden, cool sein und sich ohne falsche Bescheidenheit professionell vermarkten. Gerade Frauen in der Schweiz sind viel zu bescheiden. Wichtig ist aber auch, dass sie sich Zeit nehmen für ihre Familie, wo sie Wärme und Geborgenheit bekommen und Energie tanken können. Denn viele Karrierefrauen sind sieben Tage 24 Stunden auf Draht. Sie drehen im Hamsterrad, verlieren ihre Weiblichkeit und haben dann ein Burnout. Am Schluss wird ihre Position dann wieder von einem Mann besetzt.

Siegel: Ja, Frauen sollten wegkommen von der Idee, alles stünde ihnen zu. Auch Männer müssen verzichten, wenn sie Spitzenjobs haben wollen. Ausserdem: Nicht alle Frauen wollen CEOs oder Manager werden. Ich empfehle Frauen, nicht eine Karriere zu planen, sondern ihre Talente und Neigungen zu verwirklichen.

Sie plädieren beide dafür, dass Frauen aus ihrer Opferrolle rausfinden und sich selber besser verkaufen, damit sie ganz nach oben gelangen. Sind Frauenquoten, wie sie der Bundesrat fordert, also überflüssig?
Siegel: Ich war mein ganzes Leben gegen Quoten, weil ich dachte, Frauen brauchen das nicht. Doch ich habe meine Meinung geändert. Studien beweisen, dass gemischte Gremien an der Spitze eine Firma profitabler machen. Dennoch holen Männer kaum Frauen an Bord. Das heisst: Sie betrügen ihre Aktionäre. Deshalb macht eine auf fünf Jahren begrenzte Quote leider Sinn. Das wäre ein selbstverschuldetes Strafmandat.

Frau Buholzer, hätten Sie Lust eine Quotenfrau zu sein?
Buholzer: In der Schweiz passiert nichts ohne Druck. Nur wenn wir die kritische Grösse von rund 30 Prozent Frauen in den Verwaltungsräten haben, können wir einen wirklichen Kulturwandel in Unternehmen vollziehen. Es gibt einen Pool von hoch qualifizierten Frauen, die längst bereit für den Einsitz in renommierten Verwaltungsräten sind. Aber solange Seilschaften unter Männer funktionieren, haben sie einen schweren Stand. Insofern: Ja, ich bin bereit.

Was für eine Rolle spielt eigentlich der Mann in dieser neuen Gesellschaftsordnung?
Siegel: Eine wichtige. Die Männer müssen sich nur ihre Väter anschauen, die einen Herzinfarkt erlitten haben oder ein Burnout. Und sie müssen sich fragen: Will ich auch so enden? Viele Männer wollen heutzutage ein anderes Familienleben haben, nicht permanent für ihre Firma verfügbar sein, dafür ihre Kinder aufwachsen sehen. Veränderungen können wir nur gemeinsam bewirken.

Buholzer: Immer mehr männliche Manager in meinen Executive Coachings stellen sich die Frage: «Wars das schon?» Auch sie wollen ein Leben neben Karriere einfordern, echter Partner sein und ihre Vaterrolle bewusst leben. Ich stelle auch fest: Es gibt immer mehr reife, starke Männer in den Chefetagen, die bereit sind, ebensolche Frauen als Chefinnen und Mitarbeiterinnen zu respektieren. Sie wollen von ihnen lernen und mit ihnen eine Zukunft mit einer neuen Wirtschaftsordnung schaffen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Patrick Thal am 02.01.2015 08:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Peinlich

    Es ist ja peinlich für alle Frauen welche im Beruf stehen, wenn das Geschlecht als Ausrede dient für verpasste Karrierechancen, Löhne usw. Die Leistung zählt und nichts anderes.

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  • Marcel Wittwer am 02.01.2015 08:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Quote

    Quoten? Nein danke - damit ist für jede Frau die Karriere schon vorbei vermur sie begann. Dann heißt es im Betrieb: "sie mal Frau xy., die ist wegen der Frauenquote in dieser Position und nicht weil sie gut ist"

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  • Pascal Bertrand am 02.01.2015 08:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frauen haben nicht die gleichen Prioritäten

    Umfrage mit falschen Fragen. Frauen sind so selten im Management wegen Frauen. Aus Erfahrung, die ich mit vielen Männern teile. Fördert man eine Frau innerhalb des Unternehmens, dann kommen folgende Reaktionen. Kolleginnen setzen Bettgeschichten im Umlauf, die Lebenspartnerin des Chefs beginnt Eifersuchtszenen zu machen, der VR fragt ob die Frau noch Kinder will, und schliesslich wenn Mann glaubt, alle Hindernisse besiegt zu haben, kommt die mit viel Energie und Zeit Geförderte und sagt, sie möchte doch Kinder haben und sich um sie kümmern.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • femme rouge am 03.01.2015 22:31 Report Diesen Beitrag melden

    Es geht BEIDES

    "Ästhetik, Tanz, Gesang (...) das ist eine matriarchale Wurzel, die wir Frauen teilen" - BLABLA. Ich bin eine Frau, die zu ihrem Frau-Sein steht und dennoch waren meine Stärken immer die Naturwissenschaften - ich studierte Biologie und Chemie - und nicht Gesang, Tanz etc. Ich habe einige Kolleginnen, die Mathematik oder Physik studiert haben. Hören Sie auf alle Frauen in die "sanfte, emotionslastige" Rolle zu zwängen. Es gibt viele Frauen, die ihr Intellekt nutzen, nicht gefühlsduselig UND DENNOCH richtige Frauen sind. Der scharfe, logische Verstand schliesst Emotionalität nicht aus.

  • Dummer Schweizer am 03.01.2015 17:29 Report Diesen Beitrag melden

    Erkannt

    Die Frauenquote mit der ganzen künstlichen Lobby, ist doch eigentlich nur da, um den gebeutelten Dummschweizern von den "wahren Missständen" abzulenken. Es wirkt ;-)

  • Marie am 03.01.2015 16:36 Report Diesen Beitrag melden

    Schon mal daran gedacht,

    dass vor allem Frauen sich gegenseitig schaden? Selber schon erlebt, dass man von der Chefin schlecht gemacht wird, Sachen unterstellt werden und man mehr leisten soll. Viele Frauen, die in einer höheren Position als andere Frauen sind, kratzen und beissen nach unten, aber lecken und kriechen nach oben. Hauptsache sie selber und keine andere Frau. Viele Frauen wollen die eigene Karriere vorantreiben und keine andere Frau unter oder neben sich haben, die mehr oder gleiche Kompetenzen hat und eine Gefahr für die eigene Position ist.

    • Peter B. am 03.01.2015 16:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Mànnern

      Ist es bei den Männern anders...volld....

    • Sepp am 03.01.2015 19:03 Report Diesen Beitrag melden

      das nennt sich Radlerprinzip

      Nach unten trampen und nach oben buckeln. Das ist bei Männern nicht anders !

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  • Urs Zulauf am 03.01.2015 15:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frauliche Arbeit'swelt

    Eine Quotenfrau ist Eine, die dank der Quote vorwärt's gekommen ist,und nicht aus hartem Arbeitswillen.

  • Bald Wahnsinnig am 03.01.2015 13:17 Report Diesen Beitrag melden

    Schöne neue Welt

    Und als nächstes bitte noch die Transsexualitätsquote! Wir wollen doch kein Geschlecht vergessen oder gar diskriminieren!? So sind beide Geschlechter gleichzeitig an der Spitze :)