Geissenmann

22. Mai 2016 12:54; Akt: 22.05.2016 13:10 Print

«Die Herde hat mich als Ziege akzeptiert»

von T. Bircher - Der Brite Thomas Thwaites lebte als Ziege in den Schweizer Alpen. Nun ist sein Buch darüber erschienen. Im Interview erzählt er, weshalb er kein Elefant sein wollte.

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Herr Thwaites, Sie haben als Ziege in den Schweizer Alpen gelebt. Diese Woche wurde ihr Buch über diese Erfahrung veröffentlicht. Wie sind Sie auf diese durchgeknallte Idee gekommen?
Durchgeknallt ist ein gutes Stichwort. Viele haben genau das zu mir gesagt, als ich ihnen von meiner Idee erzählte. Auch danach bekam ich viele Mails von Leuten, die mich einen Spinner nannten.

Umfrage
Was halten Sie vom Ziegenmann?
44 %
2 %
19 %
26 %
1 %
8 %
Insgesamt 7007 Teilnehmer

Und, sind Sie ein Spinner?
Das kann ich nicht beurteilen. Aber ich hatte auf jeden Fall mein Leben satt. Ich brauchte eine Pause. Ich war arbeitslos und rang mit vielen persönlichen Problemen. Ich empfand den Alltag als anstrengend. Dieser tägliche Kampf ums Dasein, diese ewige Last, zu überleben. Es war mir alles zu viel. Eines Tages ging ich mit dem Hund einer Freundin spazieren. Ich sah dieses freundliche, aufgestellte Tier, das mir komplett sorglos erschien, und dachte: «Wäre es nicht toll, wenigstens einen Tag du sein zu dürfen?»

Sie wollten also ein Hund werden?
Nein, denn ich mag kein Fleisch. Ich wollte eigentlich ein Elefant sein. Doch nach gründlichen Nachforschungen realisierte ich, dass Elefanten Menschen in vielem extrem ähneln. Sie trauern, leiden und erleben sogar posttraumatischen Stress – doch davon wollte ich ja genau loskommen. Schliesslich besuchte ich eine Freundin in Kopenhagen, und die sagte zu mir ohne zu zögern: «Was überlegst du eigentlich? Du musst eine Ziege werden.»

Und wie wird man eine Ziege?
Das war ein langer Weg. Da ich Designer bin, wollte ich natürlich auch etwas kreieren, das mich vielleicht aus der Arbeitslosigkeit retten könnte. Ich recherchierte im Internet, in Bibliotheken und Archiven über Mythologie, Tiermenschen und Verwandlungen. Ich interviewte Experten wie Neurowissenschaftler und Tierverhaltensforscher und sprach mit Freunden über meinen Plan. In einer Klinik in der Nähe von Manchester, die Prothesen für Menschen mit Amputationen herstellt, fand ich schliesslich, wonach ich suchte. Ich sagte ihnen, ich brauche Beine wie eine Ziege. Gemeinsam mit den Ärzten designte ich vier solche Prothesen, die dort dann massgeschneidert fabriziert wurden.

Nun hatten Sie Beine. Wie fanden Sie die Ziegen?
Ich fand in den Schweizer Alpen bei Wolfenschiessen NW einen Hirten, der bereit war, mir seine Herde auszuleihen. Als ich dort ankam, wurden die Ziegen gerade auf die Sommerweide getrieben. Ich dachte, da mache ich mit. Dies war allerdings nicht annähernd so einfach, wie ich erwartet hatte. Erstens waren die Prothesen trotz eingebauten Kissen extrem unbequem, zweitens musste ich auf allen Vieren gehen – dafür ist die Anatomie des Menschen nun mal nicht gedacht –, und drittens kam ich den Ziegen auf dem unwegsamen Gelände schlicht nicht hinterher. Sie hängten mich andauernd ab.

Klingt nicht sehr entspannend. Wollten Sie nicht eigentlich eine Auszeit vom harten Leben?
Ja, tatsächlich litt ich sehr – andauernd. Abgesehen davon, dass ich etliche Male den Hang hinunterfiel und Gras essen musste, schienen mich die Ziegen zunächst nicht besonders zu mögen. Es gab da einen Moment, da dachte ich, jetzt greifen sie mich an. Sie schüttelten ihren Kopf mit diesen unglaublich gefährlich aussehenden Hörnern. Sie wollten mir wohl klarmachen, dass unter ihnen eine strikte Hierarchie herrscht, der ich mich unterzuordnen habe.

Gab es auch schöne Momente?
Ja, eigentlich vor allem einen: Eine Ziege freundete sich schliesslich mit mir an. Sie folgte mir überall hin, stupste mich mit der Nase und liess mich nahe an sie heran. Am Ende sagte der Hirte sogar, er glaube, die Herde habe mich als einen von ihnen akzeptiert.

Wie lautet denn nun Ihre Bilanz?
Obwohl mein Experiment als Ziege völlig anders herauskam, als ich erwartet hatte, ziehe ich eine positive Bilanz: Ich habe etwas Wichtiges gelernt. Auch Ziegen haben ein hartes Leben, auch sie müssen für ihre Existenz kämpfen, jeder Tag ist anstrengend. Das gehört wohl einfach zum Leben. Ausserdem bin ich jetzt Schriftsteller, was das Jobproblem auf jeden Fall gelöst hat.

Und welche Botschaft erfährt der Leser, wenn er Ihr Buch liest?
Dass Ziegen die besseren Menschen sind. Sie leben viel mehr im Moment und führen einem vor Augen, dass man alles ein bisschen ruhiger angehen sollte.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Alfred Eisler am 21.05.2016 17:56 Report Diesen Beitrag melden

    Sehr gut!

    Alles ist besser als Smartphone Zombies!

  • ls am 21.05.2016 18:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Yeah

    Irgendwie irrsinnig aber doch cool und interessant :D

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  • Saemi S. am 21.05.2016 18:31 Report Diesen Beitrag melden

    Ziege sucht Zie-ensch

    Die arme Ziege, die ihren Freund wieder verloren hat. Der Mensch ist halt doch eine Enttäuschung....

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Die neusten Leser-Kommentare

  • R.SS am 22.05.2016 19:43 Report Diesen Beitrag melden

    Der Wolf

    und was wenn der Wolf kommt? =)

  • TigTag am 22.05.2016 18:27 Report Diesen Beitrag melden

    Break time

    Manchmal muss man Ausbrechen aus dem Wahnsinn der Masse und mal etwas anderes machen, um wieder klar zu sehen.

  • Yann am 22.05.2016 17:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hilfe

    Der arme - der waere wohl lieber in die Psychiatrische gegangen, dass haette Ihm sicher mehr genutzt als halb Geiss zu spielen den ich denke nicht, dass er sich wie die richtigen Geissen melken liess.

  • Spejbl am 22.05.2016 16:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ups

    ich dachte erst, das ist ein Beitrag über Erd...oh, jetzt hätte ich mich beinah versündigt, Satire ist ja jetzt strafbar ;)

  • Marco S am 22.05.2016 16:53 Report Diesen Beitrag melden

    Melkmaschine

    Aufgegeben hat er erst, als man ihn an die Melkmaschine anschliessen wollte....