Einseitige Bildung

21. Juli 2013 18:24; Akt: 22.07.2013 15:26 Print

«Die Jugendlichen verblöden»

von Andreas Bättig - Forscher Bernhard Heinzlmaier provoziert: Jugendliche sind in Europa auf dem besten Weg in die komplette Verblödung. Für die Schweiz hat er aber noch Hoffnung.

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Soziale Netzwerke wie Facebook dienen in erster Linie der Selbstinszenierung. Es geht um die Ökonomie der Aufmerksamkeit, sagt Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier.

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Sie schreiben in Ihrem neuen Buch*, Jugendliche seien verblödet und Egoisten. Was meinen Sie damit?
Bernhard Heinzlmaier: Sie haben keinen Gemeinsinn mehr. Ihnen ist jedes Mittel recht, um ihre egoistischen Bedürfnisse zu befriedigen. An den Mitmenschen denken sie wenig. Er wird primär als Konkurrent wahrgenommen. Ihr persönlicher Nutzen steht im Zentrum. Mit Verblödung meine ich, dass sie nur noch technisch und naturwissenschaftlich ausgebildet werden. Sie werden zu einseitigen Experten ohne Bildung gemacht, die in erster Linie dazu da sein sollen, der Wirtschaft und ihren Profitinteressen zu dienen. Kulturelle und humanistische Werte bleiben auf der Strecke. Sie haben keine Ahnung mehr, wer Schubert war, wann der Zweite Weltkrieg begann usw.

Solche Dinge können Junge doch schnell mit dem Handy googeln.
Aber dieses Wissen bleibt so nur oberflächlich. Es ist kein lebendiges Wissen, mit dem aktiv und kreativ gearbeitet werden kann, weil es nicht im Kopf der Menschen ist, sondern ausserhalb bleibt, in einer Datenbank.

Dank dem Internet ist das Wissen der Jugend heute aber so gross wie nie.
Das Internet ist eine Volksverblödungs-Maschine und kein Bildungsmedium. Es ist ein Sammelsurium von wild zusammengewürfelten Informationen. Und es regt nicht zur Selbstbildung an, sondern zur Selbstunterhaltung.

Aber wir leben in der Zeit der sozialen Netzwerke. Facebook oder Twitter verbindet die Menschen doch?
Facebook dient in erster Linie der Selbstinszenierung. Es geht um die Ökonomie der Aufmerksamkeit. Seiten wie Facebook haben dazu geführt, dass sich Menschen mit den gleichen Interessen verbinden. Sie isolieren sich von anderen Gruppen. Es findet kein Austausch zwischen den verschiedenen sozialen Schichten und kulturellen Milieus mehr statt.

Sie kritisieren auch die Wirtschaft und den Konsum. Was ist daran so schlecht?
Alles wird dem neoliberalen Markt unterworfen. Das persönliche Glück wird über den Erwerb von Statussymbolen definiert. Wenn man den Menschen all die Konsumgüter wegnehmen würde, wäre ihr Leben ziemlich leer. Dabei ist es eben nicht die Ökonomie, die glücklich macht, sondern die Kultur.

Welche Folgen hat das auf die Jugendlichen?
Sie werden zu Karrieristen und verblöden zunehmend. Sie schmieden mit 14, 15 schon Zukunftspläne, die sie auf Gedeih und Verderb umzusetzen versuchen, auch wenn sich diese gegen ihre eigenen, ganz persönlichen Träume, Wünsche und Bedürfnisse richten.

Wer trägt denn die Verantwortung?
Das ist sehr komplex. Die Politik, die Bildungsinstitutionen, der Markt, die Ökonomisierung des Denkens. Am Ende wird heute in vielen Schulen primär neoliberales egozentrisches Denken gelehrt, das für die Wirtschaft verwertbar ist. Denn der Egozentriker ist ein perfekter Konsument. Er braucht jeden Tag neue Statusprodukte, um sich der Gesellschaft als etwas Besonderes und Einzigartiges immer wieder von Neuem aufzudrängen zu können.

Das klingt düster. Haben die Jugendlichen keine Ideale mehr?
Klar, aber die falschen. Es zählt nur noch individuelle Ziele und Selbstinszenierung. Das eigene Ego ist die heilige Kuh. Die Gemeinschaft, das grosse Ganze einer Wertegemeinschaft, haben sie nicht mehr im Blick.

Was müsste sich denn ändern?
Dafür ist es zu spät. Die Gesellschaft ist verloren. Wir sind alle schon zu sehr «brainwashed». Wir düsen mit Hochgeschwindigkeit durchs Leben ohne Reflexion. Der einzige Ansatz, der mir sinnvoll erscheint, ist der Rückzug aus der Gesellschaft, für alle jene, die zur Besinnung kommen. Man kann ein erfülltes, menschengerechtes, sinnerfülltes Leben nur mehr ausserhalb dieser Gesellschaft führen, in alternativen Wohn- und Wirtschaftsprojekten, mit eigenen alternative Kindergärten und alternative Schulen. Was in der Gesellschaft nicht mehr möglich ist, sollte man in kleinen Gemeinschaften ausserhalb dieser Gesellschaft versuchen. Das wäre mein Rat vor allem für die Jugend.

Gibt es Unterschiede zwischen den verschiedenen Ländern? Wie verblödet sind Jugendliche zum Beispiel in der Schweiz?
Natürlich ist die Schweiz auch von der Ökonomisierung der Kultur, ja des ganzen Lebens betroffen. Aber ich glaube, dass die Schweizer kultivierter sind als andere Bürger in Europa. Hier gibt es ein grosses Traditionsbewusstsein. Humanistische Werte spielen eine grössere Rolle in der Bildung als anderswo. Ich glaube, in der Schweiz leben die Menschen noch in und mit einer gemeinsamen Geschichte. Sie wissen, wo sie herkommen und haben ein gemeinsames Ziel, wohin sie gehen möchten. Und das, obwohl die Schweiz multikultureller ist als andere vergleichbare Länder.

*Bernhard Heinzlmaier: Performer, Styler, Egoisten. Über eine Jugend, der die Alten die Ideale abgewöhnt haben. Berlin, 2013, 196 Seiten. Verlag: Archiv der Jugendkulturen

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Ausgewählte Leser-Kommentare

"Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte." Sokrates 449 - 399 v. Chr. – alte griechen

Heinzlmaier hat das ganze unglücklich formuliert und mit seinen Aussagen alle Jugendlichen in einen Topf geschmissen. Ganz unrecht hat er aber nicht. Fakt ist, dass der Bildungsstand der Gesellschaft zurückgeht. Im Artikel wird nach einem Grund dafür gesucht. Ich denke nicht, dass es nur einen Grund gibt, sondern dass all die genannten Gründe und noch viele weitere zusammenspielen. Viel mehr Sorgen bereitet mir aber eher, wie viele Menschen über keinen gesunden Menschenverstand oder jegliche moralische Grundsätze mehr verfügen. Gerade auch junge Leute. – 26-jähriger

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • B. S. am 21.07.2013 20:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Klarsicht

    Gratuliere. Endlich mal jemand der durchblickt.

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  • Andy am 24.07.2013 14:13 Report Diesen Beitrag melden

    Er hat recht

    Ich finde er hat absolut recht. Es sind sicher nicht alle so, aber de grosse Teil ist exakt wie es beschrieben wurde - vor allem in der Stadt. Oberfläche und kurzfristige Erfüllung sowie Opportunismus ist für die meisten alles. Zumindest bis sie dann mal im Leben stranden und merken dass dies der falsche Weg war. Schuld sind jedoch nicht die Kinder, sondern unsere Gesellschaft und die Eltern welche viel zu wenig Verantwortung wahr nehmen wichtige Werte mit ins Leben mitzugeben.

  • roger mafli am 22.07.2013 15:11 Report Diesen Beitrag melden

    Alles richtig ...

    ... aber Schuld haben die Eltern. Diese lassen sich Kindergeld auszahlen, kümmern sich einen Deut um ihre Zöglinge. Die Allgemeinheit darf dann laufend finanziell mittragen und die Schäden beseitigen. Da bereits die Eltern mit dem Strom schwimmende Nullnummern waren (heiraten, Kinder kriegen, hohle Hand machen, iPod kaufen) können sie ihrer Brut natürlich weder geistig noch finanziell etwas mit auf den Weg geben. Die Allgemeinheit zahlt dann auch noch für die greisen Eltern da sich die Kinder natürlich gebührend bedanken und sich ebenfalls nicht kümmern.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • P-A Bertholet am 25.07.2013 17:16 Report Diesen Beitrag melden

    «Die Jugendlichen verblöden»

    "Die Jugendlichen verblöden"! Immerhin gibt es Hoffnung! Wow!

  • Andy am 24.07.2013 14:13 Report Diesen Beitrag melden

    Er hat recht

    Ich finde er hat absolut recht. Es sind sicher nicht alle so, aber de grosse Teil ist exakt wie es beschrieben wurde - vor allem in der Stadt. Oberfläche und kurzfristige Erfüllung sowie Opportunismus ist für die meisten alles. Zumindest bis sie dann mal im Leben stranden und merken dass dies der falsche Weg war. Schuld sind jedoch nicht die Kinder, sondern unsere Gesellschaft und die Eltern welche viel zu wenig Verantwortung wahr nehmen wichtige Werte mit ins Leben mitzugeben.

  • Erik am 24.07.2013 13:41 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht traurig sein:

    Man kann auch nicht so gescheiter Erwachsener erfolgreich sein: "Can she be THAT stupid?" auf youtube. Hab mich totgelacht, eine bildschöne Lady wird im TV-Quiz von Drittklässern fertiggemacht! Aber trotzdem scheint sie Erfolg im Leben zu haben. Es gibt halt nicht nur DIE Intelligenz, sondern verschiedene Arten von Schläue...

  • Schweizmann am 24.07.2013 12:57 Report Diesen Beitrag melden

    auch wir waren blöd

    Man merkt das halt erst wenn man älter ist. Dinge die ich früher selbst gemacht habe, nerven heute vielfach wenn die Jungen das Selbe tun. Selbsterkenntnis ist ja bekanntlich der erste Schritt zur Besserung. Dass man als Teenager das nicht so sehen kann ist klar, schliesslich waren wir "Alten" schon mal in deren Alter, die aber noch nie in unserem. Aber keine Sorge, kommt schon noch :)

  • Luca M am 24.07.2013 12:42 Report Diesen Beitrag melden

    Es sind nicht alle gleich

    Stimmt zum Teil schon, mit der Verdummung, aber man darf nicht alle in den gleichen Topf werfen. Es gibt zum Beispiel auch viele Anständigen Jugendliche, die nicht in eine Bar gehen, nur mich sich zu besaufen, alles randalieren müssen oder alle Mitmenschen beleidigen!! Klar, sind viele Jugendliche so, keine Zweifel, aber wenn man die eine Seite zeit, soll man auch die andere Seite, bzw. die "anständigen" Teeny`s zeigen, denn es gibt immer und überall zwei Seiten. Und noch etwas wegen dem Geld: Geld bedeutet überleben, und das wollen ja schliesslich alle, denke ich zumindest.