Bootsflüchtlinge

02. Juli 2014 13:25; Akt: 02.07.2014 17:01 Print

«Die Kinder strahlten, als sie gerettet wurden»

von Romana Kayser - SRF-Italien-Korrespondent Philipp Zahn hat die italienische Marine vor der Küste Libyens begleitet. Er war dabei, als die Behörden Flüchtlinge aus dem Meer retteten.

SRF-Italien-Korrespondent Philipp Zahn hat für die «Rundschau» die italienische Marine bei der Rettung von Bootsflüchtlingen begleitet.

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Philipp Zahn, seit letztem Samstag hat die italienische Marine bereits wieder 5000 Flüchtlinge gerettet und in einem Boot mit rund 590 Insassen hat sie 30 Leichen gefunden. Wie haben Sie die fünf Tage im Juni auf der Rettungsmission «Mare Nostrum» der italienischen Marine erlebt?
Das war ein sehr heftiges Erlebnis. Wie die Leute da in ihren winzigen Nussschalen in der immensen Weite des Meeres trieben, ist mir sehr eingefahren. Ohne Wasser und Verpflegung, in der brütenden Sonne, wie Vieh zusammengepfercht in instabilen Booten. Das Risiko, nicht entdeckt zu werden, zu verdursten oder unterzugehen, ist riesig. Welches Leid muss diese Menschen antreiben, dass sie solche Strapazen und Gefahren auf sich nehmen? Diese Frage lässt mich nicht mehr los.

In was für einem Zustand befinden sich die Flüchtlinge, wenn sie gerettet werden?
Die Menschen sind von den enormen Strapazen der Reise gezeichnet. Viele sind völlig erschöpft, ausgehungert und haben verbrannte Haut von der Sonne. Besonders beeindruckt haben mich aber die Kinder. Trotz all der Erschöpfung strahlten ihre Augen voller Lebensfreude, als sie gerettet wurden. Diese Kinder leben im Jetzt, sie sind die Zukunft. Als ich in ihre Augen sah, schien es mir, als verstünde ich, weshalb diese Menschen all diesen Stress und die Risiken der Flucht auf sich nehmen.

Wie werden die Flüchtlinge auf dem Rettungsschiff untergebracht?
Während den fünf Tagen, die ich an Bord verbrachte, hat die italienische Marine rund 1400 Flüchtlinge gerettet. Für all die Menschen gab es aber nur 4 Chemieklos. Es stank grauenhaft! Trotzdem schienen die Flüchtlinge irgendwie glücklich, so wie sie da alle zusammen sassen. Sie glaubten, sie hätten ihr Ziel erreicht. Dabei hat ihre Reise gerade erst begonnen.

Die Schlepper machen mit den Flüchtlingen ein grosses Geschäft. Was ist ihre Strategie?
Die Flüchtlingsboote sind extrem schlecht ausgerüstet. Die Schlepper wissen, dass die italienische Marine vor der lybischen Küste wartet und schicken die Flüchtlinge deshalb in billigen Booten los, die es gar nicht erst bis nach Europa schaffen würden. Das ist makaber, denn wenn die Marine sie nicht findet oder schlechtes Wetter kommt, dann sind die Flüchtlinge völlig chancenlos.

Die Schlepper profitieren also von der italienischen Rettungsaktion?
Ja, die «Mare Nostrum»-Mission wird von den Schleppern auf jeden Fall einkalkuliert. Sie beauftragen sogar Fischer, die die leeren Flüchtlingsboote nach der Rettung durch die Italiener wieder zurück ans Festland bringen. Dort werden sie dann für die nächste Menschenfracht eingesetzt.

Hat die Operation «Mare Nostrum» den Ansturm auf Europa zusätzlich verstärkt?
Das weiss man nicht. Man weiss ja auch nicht, wie viele Boote gesunken sind oder wie viele Flüchtlinge sonst gekommen wären. Dass die Leute nach Italien und weiter nach Europa wollen, ist nicht neu, Libyen ist ja schon seit Jahren ein Transitland für Flüchtlinge. Die Bootsflüchtlinge wären so oder so gekommen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Visionär am 02.07.2014 16:46 Report Diesen Beitrag melden

    der richtiger Weg

    Wie weit soll das noch gehen? 90% Wirtschaftsflüchtlinge, von denen nur die wenigsten eine Chance haben, eine Arbeit zu bekommen (viel Millionen Menschen in Europa sind bereits arbeitslos). Die Lösung: An verschiedenen Orten in Afrika Prüfstellen schaffen, wo bereits über den Asylantrag entschieden wird und die, die dann durch Schlepper oder auf eigene Faust über das Mittlemeer kommen, direkt die Einreise verweigern bzw. deportieren. Also - vor Ort helfen - Hilfe zur Selbsthilfe, denn alles andere ist, war und bleibt ohne Erfolg...

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  • Erik Schiegg am 02.07.2014 19:26 Report Diesen Beitrag melden

    "Die Kinder strahlten"

    Und trotzdem: Die richtigen Flüchtlinge bleiben in Afrika, ganz einfach, weil sie die Schlepper nicht bezahlen können. Die echten Flüchtlinge bleiben in Afrika und die Bootsflüchtlinge kommen in Seenot, weil sie bereits viel besser gestellt sind als echte Flüchtlinge und nicht wenig Kohle haben, die sie auf dem Rücken der zurückgebliebenen echten Flüchtlinge verdient haben. Und mit diesen Ablassflüchlingen (Schleppergeld) sollen wir solidarisch sein und die echten, zurückgebliebenen Flüchtlinge vergessen? Besser Vor-Ort-Hilfe zur Selbsthilfe als Aufnehmen, oder?

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  • Gino Gelatino am 02.07.2014 18:37 Report Diesen Beitrag melden

    Big Business

    Innert 48 Stunden hat die italienische Marine 5'000 Bootsflüchtlinge auf hoher See (Mittelmeer) "gerettet" und sicher nach Süditalien gebracht, wo viele gleich mit dem Zug Richtung Schweiz und Deutschland gefahren sind. Während Franzosen und Spanier Schlepper-Boote gleich nach dem Auslaufen abfangen und zurückführen, warten die Italiener, bis die "Flüchtlinge" weit draussen im Meer sind, dann wird "gerettet"... Da verdient die Mafia wohl kräftig mit, 5000 Personen mal 4000 Dollar ergibt 20'000'000 Dollar für die kriminellen Schlepper und Mafiosi in 48 Stunden

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Konrad Lorenz am 03.07.2014 13:31 Report Diesen Beitrag melden

    Koloniales Denken überwinden

    Warum riskieren afrikanischen Flüchtlinge ihr Leben und flüchten nach Europa? Sichere afrikanische Länder liegen doch viel näher. Weil es nicht um Sicherheit vor Verfolgung sondern um wirtschaftliche Gründe geht! Wer hier für eine Verantwortung des Westens gegenüber allen "armen" Ländern plädiert, hat offenbar immer noch eine imperialistische Weltanschauung, wie zu Zeiten des Kolonialismus. Der Westen ist weder das Sozialamt noch der Vormund der sog. dritten Welt. Die sind seit Jahrzehnten selber für ihre Versäumnisse verantwortlich! Oder wie lange geniessen diese Länder noch "Kinderschutz"?

    • Liselote Meier am 03.07.2014 14:05 Report Diesen Beitrag melden

      Stimmt nicht

      Erstens ist Imperialismus und Kolonialismus nicht immer deckungsgleich. Zweitens ist das Zeitalter des Imperialismus noch nicht überwunden, läuft heutzutage einfach unter dem Deckmantel "Globalisierung". Form verschieden (früher Kanonen und Bajonette, heute Konzerne und Marktanteile) Inhalt der selbe (Ressourcenbeschaffung, Profitmaxmierung). Solange die Gewinne aus Afrika nicht in Afrika bleiben (Öl, Metalle usw.) sondern die Gewinne und die Minen mehrheitlich westlichen Konzernen gehören (Glencore z.B), und paar korrupte "Führer" installiert werden, wird sich an der Situation nichts ändern.

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  • CHer am 03.07.2014 13:13 Report Diesen Beitrag melden

    was guckst du?

    In Afrika leben zur Zeit ca. 1000 Millionen Menschen. Philipp Zahn wird also noch viel zu gucken haben, bis der hinterste und letzte Afrikaner an der Schweizer Grenze steht. Wieso nur schleppt man die Flüchtlingsboote (mit Inhalt) nicht einfach sicher an die afrikanische Küste zurück? Nur so wird dem Sterben im Meer und dem Flüchtlingsstrom Einhalt geboten - das spricht sich nämlich rum.

  • Percussion am 03.07.2014 12:50 Report Diesen Beitrag melden

    Und in ein paar Jahren

    Und in ein paar Jahren berichtet 20min , dass einige von den Flüchtlingen zurück in die Heimat gereist sind, um sich einer Terrorgruppe anzuschliessen.

  • Silvan am 03.07.2014 12:01 Report Diesen Beitrag melden

    Nur gestellt.

    Ich weiss nicht ob das gestellt ist oder echt. Ich traue den Organisationen alles zu um einen guten Grund mehr zu haben in die Schweiz zu kommen. Für viele mag meine Einstellung extrem und Menschenunwürdig. Aber ich bin nicht der einzige der so denkt. Es gibt hier in der Schweiz immer mehr Menschen die sind übersättigt von dem ganzen Tema. Es wird und ist vielen Menschen hier in der Schweiz zu viel.

    • Adrian U. am 03.07.2014 12:56 Report Diesen Beitrag melden

      Gegensätze

      Also sollen wir Kindersoldaten, Vergewaltigungen, Massenmorde, Folterungen, usw. weiterhin tollerieren weil wir finden, dass der Platz in der Schweiz langsam zu eng wird. Und wir sollten sie auch nicht im Heimatland unterstützen, denn ich möchte mir ja weiterhin teuren Schuck kaufen können. Sehen Sie diesen Gegensatz? Bitte hört auf immer von Wirtschaftsflüchtlingen zu reden. In grossen teilen Afrikas herrscht Krieg, Menschenrechte werden verletzt, usw. Geht euch mal im Internet informieren.

    • Markus Pfister am 03.07.2014 13:25 Report Diesen Beitrag melden

      Pure Polemik

      @Adrian U Das ist pure Polemik was Sie hier betreiben. Kein Mensch in der Schweiz tolleriert diese Dinge, im Gegensatz zu all den Ländern in denen sie passieren. Also muss man da ansetzen. Glauben Sie wirklich, dass die Schweiz und Europa 45 Millionen Flüchtline aufnehmen kann ? Wem ist dann geholfen wenn unser Sozialsystem zusammenbricht und der Frieden im eigenen Land gefährdet ist? Dann haben Sie 2 Volksgruppen demoliert, nämlich die Flüchtlinge und die Schweizer.

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  • Hil Billi am 03.07.2014 10:49 Report Diesen Beitrag melden

    RIESEN PROBLEM

    Das Problem besteht darin, das gerettete Flüchtlinge nach Europa gebracht werden. Man kann sollte doch einfach wieder dorthin bringen wo sie mit ihrem Boot gestartet sind. So kommen immer mehr, denn sie werden ja auf halbem Weg abgeholt.

    • A. Pollon am 03.07.2014 11:17 Report Diesen Beitrag melden

      Klasse Shuttle-Service

      Warum richtet die EU nicht gleich einen Taxi-Service ein, der die illegalen Einwanderer direkt in Libyen abholt?! Ein starkes falsches Signal! Lösung: Illegale zurückbringen und das Schlepper-Boot dort zerstören. Harte Sanktionen gegen Nordafrikanische Staaten, die nicht genug gegen die Schlepper-Mafia unternehmen.

    • Omar am 03.07.2014 11:29 Report Diesen Beitrag melden

      Bravo

      Super Idee, Sie haben nun das Problem gelöst, Gratuliere...

    • Anton Eff am 03.07.2014 12:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Ital. Marine sei Dank

      Du hast verstanden, dass sie sterben und trotzdem kommen. Wenn die Italiener sie nicht raus holen, sterben nur noch mehr Menschen.

    • Jacky M. am 03.07.2014 12:52 Report Diesen Beitrag melden

      @ Anton Eff

      Wenn sie wüssten, was auf sie zukommt, würden sie das gar nicht machen - leider wissen sie es nicht.

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