Schweizerin in Wuhan

29. Januar 2020 18:32; Akt: 29.01.2020 18:32 Print

«Leute haben Angst vor meiner Rückkehr»

Fabienne Blaser (27) lebt in Wuhan. Sie erzählt, wie die Versorgung mit Lebensmitteln funktioniert und was sie deprimiert.

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Die Bernerin Fabienne Blaser (27) lebt derzeit in Wuhan. «Natürlich sehe ich den Sinn der Quarantäne. Trotzdem deprimiert es mich, so von der Aussenwelt isoliert zu sein», sagt sie. Das bayerische Gesundheitsministerium informierte am 28. Januar über den ersten Coronavirus-Fall in Deutschland. Ein 33-jähriger Firmenangestellter habe sich bei einem chinesischen Gast angesteckt. Im Zürcher Triemlispital befanden sich zwei Personen in Quarantäne. Das Coronavirus konnte in der Zwischenzeit bei ihnen ausgeschlossen werden. Die beiden grössten Vergnügungsparks in Hongkong, Disneyland und Ocean Park schliessen wegen des Virus ab Sonntag ihre Pforten. (26. Januar 2020) Sicherheitspersonal in Schutzanzügen misst die Körpertemperatur von Passagieren am Eingang einer U-Bahn-Station in Peking, China. (25. Januar 2020) Hongkong hat den «Virus-Notstand» ausgerufen. Sämtliche öffentlichen Neujahrsfeiern in der chinesischen Sonderverwaltungszone wurden abgesagt. (25. Januar 2020) Wuhan hat mit dem Bau neuer Krankenhäuser mit jeweils rund 1000 Betten begonnen. Das erste Spital soll am Montag in einer Woche erste Patienten aufnehmen. (24. Januar 2020) Am 24. Januar 2020 gaben die französischen Behörden bekannt, dass zwei Patienten positiv auf das Coronavirus getestet worden seien. Damit hat das Virus Europa erreicht. Ab Donnerstag, 22. Januar 2020, werden wichtige Verkehrsverbindungen von und nach Wuhan gekappt. Die Bürger sollen die Millionenstadt nur unter besonderen Umständen verlassen. Am WEF in Davos hat sich Bundesrat Alain Berset unter anderem mit WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus über das Coronavirus ausgetauscht. Die Schweiz sei gut vorbereitet, sagte er im Anschluss. In Asien sorgt das Virus für Angst. Das Foxconn-Werk hat beispielsweise seine Mitarbeiter aufgefordert, von Taiwan nicht nach Wuhan zurückzukehren. (Archivbild) Im Fall der mysteriösen Lungenkrankheit in China wurden erstmals zwei Fälle einer Übertragung von Mensch zu Mensch bestätigt. (20. Januar 2020) In der Provinz Guangdong habe sich medizinisches Personal infiziert. Die Ausbreitung der rätselhaften Lungenkrankheit ist möglicherweise viel grösser als bisher angenommen. Experten schätzen die wahre Zahl der Infizierten auf mehr als 1700. (19. Januar 2020) Kurz nachdem bekannt worden war, dass sich mehrere Menschen in der chinesischen Metropole Wuhan mit einem bislang unbekannten Virus infiziert haben, hiess es: Es ist kein Sars (schweres akutes respiratorisches Syndrom). Doch laut dem Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin ist es das doch: «Es ist dieselbe Virusart, nur in einer anderen Variante.» Unterschiede gebe es vor allem bei den Proteinen, mit denen das Virus an menschliche Zellen andocke. In die Ursachenfindung ist auch die WHO involviert. Sie verfolge die Situation aufmerksam und stehe in Kontakt mit den chinesischen Behörden, hiess es. Grund für die Beteiligung der WHO war die schnelle Zunahme der gemeldeten Fälle in der zentralchinesischen Millionenmetropole Wuhan. Dort, so wird vermutet, nahm die mysteriöse Lungenkrankheit ihren Anfang – auf dem Huanan Seafood Market, auf dem Fische und andere Tiere verkauft werden. Sie gelten als mögliche Virusquelle. Der Markt wurde inzwischen geschlossen und soll gründlich gereinigt werden. Bereits vergangene Woche teilten chinesische Forscher mit, dass es sich beim Erreger um ein bislang unbekanntes Virus aus der Familie der Coronaviren handelt. Dafür spreche einiges. (Im Bild: ein Coronavirus) Auch ausserhalb Wuhans wurden Sicherheitsmassnahmen ergriffen, etwa im mehreren 100 Kilometer entfernten Hongkong. (4. Januar 2020) Dort wurden am Flughafen Fieber-Messgeräte installiert. Reisende aus Wuhan werden gesondert kontrolliert. Auch an vier thailändischen Flughäfen – Suvarnabumi, Don Mueang, Phuket und Chiang Mai – werden aus Wuhan kommende Fluggäste thermisch untersucht. Des Weiteren wird den Reisenden ein Kärtchen mit Verhaltensanweisungen überreicht. Sollten sie sich innerhalb der nächsten 14 Tage krank fühlen, sollten sie sofort zum Arzt gehen. Laut Presseberichten gibt es bislang auch Verdachtsfälle ausserhalb Chinas. So wurde in Singapur ein dreijähriges Mädchen, das Wuhan, aber nicht den dortigen Fischmarkt besucht hatte, ins Spital gebracht. Weitere Verdachtsfälle wurden in Thailand und Südkorea gemeldet. Diese seien allerdings mit Vorsicht zu beurteilen, selbst wenn eine vermeintliche Laborbestätigung vorliege, so Drosten. Die Aussagekraft der eingesetzten Tests sei unterschiedlich, möglicherweise müssten Testergebnisse im Nachhinein revidiert werden. (Im Bild: Chinesische Forscher untersuchen Proben einer Erkrankten) Schon vor einigen Tagen war den Fachleuten klar gewesen, dass es sich bei der Virus-Erkrankung nicht um Mers (Middle East respiratory syndrome coronavirus) handelt. Auch Grippe und Vogelgrippe (Bild) konnten da schon ausgeschlossen werden.

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Die Studentin Fabienne Blaser sitzt in Wuhan fest – in der abgeriegelten chinesischen Stadt, in der das Coronavirus ausbrach. Nun will sie nach Hause. «Ob und wann ich zurückkehren kann, weiss ich aber nicht», sagt sie zu 20 Minuten. Die Schweizer Botschaft kläre mit den Nachbarstaaten Möglichkeiten für eine Rückkehr ab. Deutsche Kollegen, mit denen sie in Kontakt sei, vermuteten, dass sie am Samstag zurückfliegen könnten.

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Tatsächlich hat die deutsche Bundeswehr angekündigt, 90 Menschen aus China zurückzufliegen. Das Eidgenössische Departement für Auswärtige Angelegenheiten (EDA) prüft, ob sich die Schweiz den Rückholaktionen anderer Länder anschliessen könnte, wie es am Dienstag gegenüber 20 Minuten bestätigte.

«Ich bleibe drinnen»

Blaser sagt, die Ungewissheit sei das Schlimmste. Niemand wisse, wann die Quarantäne von Wuhan ende. Nicht alle in der Schweiz hätten Freude, wenn sie zurückfliegen könnte, vermutet sie: «Ich bekomme mit, dass in der Schweiz schon Leute Angst haben vor unserer Rückkehr. Aber natürlich würde auch ich auf das Virus geprüft, bevor ich zurückkehre.»

Momentan müsse sie der Universität, die sie besuche, täglich ihre aktuelle Temperatur melden und sich beim Auftreten der ersten Symptome bei ihr melden. «Ansonsten ist an der Uni nichts mehr los. Das Semester wurde auf unbestimmte Zeit verschoben», sagt Blaser. «Auf dem Campus sind nach wie vor verschiedene Läden offen, die auch Lebensmittel verkaufen. Ich bleibe aber drinnen und nutze die Lieferdienste, die mit Elektrorollern unterwegs sind.» Von diesen sehe man deutlich weniger als üblich auf den Strassen, die Fahrer trügen Schutzmasken. Knappheit gebe es aber nicht.

Lieferdienste für Schutzmasken

Auch für Schutzmasken gebe es Lieferdienste, sagt Blaser. «Die Regierung hat Massnahmen ergriffen, damit sie die Preise nicht erhöhen dürfen.» Blaser sagt, sie meide die Stadt. «Die meisten Anlässe finden sowieso nicht statt, und der ÖV ist ausser Betrieb», so die Bernerin. «Es fahren einige lizenzierte Notfalltaxis, die bestimmte Routen befahren dürfen. Das private Autofahren ist stark eingeschränkt. Es gibt aber Leute, die nach wie vor rausgehen und etwa Sport treiben mit Schutzmasken.»

Sie halte mit häufigem Telefonieren und Kommunikation übers Internet Kontakt mit Kollegen und Bekannten. Den chinesischen Behörden sei kein Vorwurf zu machen, sagt Blaser. «Natürlich sehe ich den Sinn der Quarantäne. Trotzdem deprimiert es mich, so von der Aussenwelt isoliert zu sein.»

Andere könnten nun ihre Familie oder ihre Partner auf unbestimmte Zeit nicht mehr sehen. «In Chats im chinesischen Kurznachrichtendienst WeChat heisst es, die Quarantäne sei der sozialste Akt, der in Wuhan möglich gewesen sei.» Schliesslich werde so die weitere Ausbreitung des Virus verhindert.

(ehs)