Pendlerverkehr

21. Januar 2011 15:54; Akt: 21.01.2011 16:19 Print

«Die Leute müssen wieder mehr zügeln»

von Marius Egger - Die angekündigten Tariferhöhungen im öffentlichen Verkehr erhitzen die Gemüter. Für den Verkehrsexperten Ulrich Weidmann ist die Schmerzgrenze damit nicht erreicht. Er sieht langfristig vor allem eine Lösung.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Der Bundesrat will Pendler vermehrt zur Kasse bitten. Die Preise für Zugbillette sollen demnach in den nächsten Jahren schrittweise steigen, um insgesamt zehn Prozent. Betroffen wären insbesondere die Pendlerinnen und Pendler, denn die Preise sollen nicht pauschal, sondern differenziert erhöht werden. Ziel ist es, die Verkehrsspitzen zu glätten. Dass der Pendlerverkehr zu Stosszeiten durch Preiserhöhungen umgelenkt werden könne, glaubt ETH-Professor und Verkehrsexperte Ulrich Weidmann hingegen nicht, wie er im Interview sagt.

Herr Weidmann, der Bundesrat will die Pendler weiter schröpfen. Wann ist die Schmerzgrenze erreicht?
Ulrich Weidmann: Die Tariferhöhungen der letzten Jahre waren jeweils sehr moderat und haben sich auf dem Niveau der Teuerung bewegt. Im Vergleich zum Ausland und zur Kaufkraft ist der ÖV immer noch günstig. Rund fünf Prozent eines durchschnittlichen Budgets werden heute für den ÖV ausgegeben. Wir sind wahrscheinlich von der Schmerzgrenze noch weiter weg, als wir meinen.

Bringt diese Tariferhöhung die gewünschte Entlastung im öffentlichen Verkehr?
Würde zum jetzigen Zeitpunkt der Preis um die kommunizierten zehn Prozent erhöht, würde die Nachfrage um vier Prozent sinken. Die Nachfrage reagiert also durchaus auf den Preis.

Ein Tropfen auf den heissen Stein im proppenvollen Stossverkehr. Ist es überhaupt möglich, den Pendlerverkehr zu Stosszeiten mit höheren Preisen umzuleiten?
Da glaube ich nicht dran. Eine Statistik aus der Stadt Zürich hat kürzlich gezeigt, dass die Hälfte der Angestellten in der Stadt fixe Arbeitszeiten hat.

Wer zu fixen Zeiten zur Arbeit muss, hat also Pech.
Das ist so und ich halte daher höhere Tarife zu den Stosszeiten für nicht wirklich fair. Weder erreicht man einen Nachfrageausgleich noch haben die Fahrgäste eine Alternative.

Die Preise steigen, aber ändern wird sich kurzfristig nichts?
Die Tarifanpassungen werden das Nachfragewachstum zumindest dämpfen. Auf Engpassstrecken wie Zürich – Bern werden es eher punktuelle, pragmatische Lösungen sein – vielleicht weitere Zusatzzüge mit älterem Rollmaterial und einer Reisezeit von 70 Minuten. Denn eines ist klar: In den nächsten Jahren kann man im ÖV nicht überall den schweizerischen Perfektionismus erwarten.

Welche Alternativen gibt es?
Es braucht eine grössere Flexibilität bei der Wahl des Wohnorts. Die Leute zügeln heute weniger als früher. Das muss sich ändern.

Eine Wohnung in den Zentren zu finden ist heute schon schwierig und teuer.
Ich begreife den Zorn der Leute. In Zürich liegt die Leerwohnungsziffer ja fast bei null. Der Wille, in der Stadt zu leben, wäre aber da. Warum nicht über eine Stadt Zürich mit bis zu 500 000 Einwohnern nachdenken? Das wäre ein sehr wirksames Mittel gegen die Pendlerströme.

In Trams und S-Bahnen herrscht heute schon dichtes Gedränge, Zürich würde noch mehr an seine Grenze kommen. Wie wollen Sie das lösen?
Beim Tramverkehr braucht es ein Umdenken. Oberirdisch liegt nichts mehr drin, da ist die Limite erreicht. Ein Teil des Tramnetzes der Innenstadt müsste unter die Erde, aber nur punktuell.

Fernpendeln wird teurer und soll durch Wohnsitzwechsel weiter abnehmen. In den letzten Jahren aber hat man Millionen investiert, um etwa die Fahrzeit Zürich – Bern zu verkürzen. Ist das nicht ein Widerspruch?
Als die Bahn 2000 ausgebaut wurde, wurde diese Entwicklung nicht erwartet. Das jetzige System ist auf den klassischen Fernreiseverkehr ausgerichtet. Langfristig war dieser Ausbau richtig und muss konsequent weitergeführt werden, damit die Konkurrenzfähigkeit zum Auto verbessert wird. Kurz gesagt: Verdichtet bauen, die Bahn schneller machen und die Preise erhöhen, vor allem für die Schnellverbindungen.

Konkret?
Unser heutiges Preissystem belohnt den Massenkonsum. Mittel- und Langstreckenpendeln ist sehr kostengünstig. Das GA ist zu billig, das Halbtax auch und vereinzelt wohl auch die Verbundabos. Wenn Sie heute die Strecke Zürich – Bern pendeln, haben Sie nach zirka drei Monaten den Preis rausgefahren. Das kann nicht sein.