No Billag

28. Januar 2018 20:11; Akt: 14.02.2018 17:26 Print

«Die Nein-Kampagne war eine Panik-Reaktion»

von Nikolai Thelitz - Verschiedene Umfragen sagen ein Nein zu No-Billag voraus. Trotzdem findet ein Experte die Nein-Kampagne nicht gelungen.

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Herr Graf, 60 Prozent sind laut SRG-Abstimmungsbarometer gegen die No-Billag-Initiative. Können sich die No-Billag-Gegner zurücklehnen?
Die Zustimmung nimmt ab. Das war zu erwarten, zumal es eine radikale Initiative ist. Der Drama-Faktor war sehr hoch, obwohl das Ja-Lager keine besonders gute Kampagne gefahren hat.

Umfrage
Was halten Sie von den Kampagnen von Gegnern und Befürwortern?

Wie meinen sie das?
Die Initianten haben davon profitiert, dass die Initiative frühzeitig viel mediale Aufmerksamkeit erhalten hat, weil es im Herbst keine Abstimmung gab. Das Nein-Lager, welches die wirtschaftliche, politische und kulturelle Elite umfasst, ging überhastet in die Offensive. Jede Interessengruppe hat für sich eine Kampagne gemacht. Das war keine geplante Strategie, sondern eine eher Panikreaktion in einem Abstimmungskampf mit einem Gegner, den man gar nicht einschätzen konnte. Die Gefahr besteht, dass die das Nein-Lager als elitär wahrgenommen wird und der Befürworter näher am Puls des Volkes sind.

Was wurde denn konkret falsch gemacht?
Die Gegner der Initiative haben in der ersten Phase eine kopflastige Kampagne gefahren und die emotionale Seit vernachlässigt, Dabei sind das Schweizer Fernsehen wie das Radio ist ein wichtiger Teil der Lebenswelt vieler Schweizer. «Die Schweiz im Herzen» als Slogan des SRF passt da sehr gut. Nur auf Promis als Lautsprecher zu setzen, die gegen No Billag auftreten, finde ich eine heikle Strategie.

Was ist daran problematisch?
Es ist eine klassische Top-Down-Kampagne, in der die Bevölkerung selbst kaum zu Wort kam. Dabei ist doch das SRF etwas sehr Alltägliches und nahe am normalen Bürger, ein Teil des Landes. Diese Aspekte zu zeigen, hat man verpasst. Auch die Musiker, die sich gegen No Billag einsetzen, profitieren ja selbst von der SRG und sind - im Jargon der Billag-Befürworter - "verfilzt" mit dem Mediensystem. Das bleibt den Stimmbürger nicht verbogen und macht die Statements nicht gerade glaubwürdig.

Haben die Gegner auch etwas gut gelöst?
Das der Stecker gezogen wird beim SRF, dass es um alles oder nichts geht, das war ein starkes Argument. Doris Leuthard mit der Gebührenreduktion auf 1 Franken pro Tag oder sogar noch weniger war die beste Campaignerin.

Die Befürworter wollen nun plötzlich Steuergelder einsetzen. Ein Rückwärtssalto?
Da fehlt der Wille, die Sache durchzuziehen. Sie haben an Glaubwürdigkeit eingebüsst und es fehlt die konsequente Haltung. Radikalität verstärkt die Mobilisierung im eigenen Lager, wie etwa bei der Minarett-Initiative. Eine klare, einfache, anziehende Message ist essentiell für eine Initiative. Wenn man im Schlussspurt an Prägnanz verliert, demobilisiert man die eigenen Leute. Das Bild, das die Befürworter abgeben, wirkt abgekämpft und desolat.

Viel wurde geredet über die Folgen einer Annahme. Was passiert bei einer Ablehnung?
Die SRG wird von allen Seiten in die Mangel genommen werden. Hinter den Kulissen geht es vor allem um das Online-Geschäft. Dieses ist für die SRG überlebenswichtig, denn dorthin wandern die Zuschauer ab. Doch der Verband der Schweizer Medien ist vehement gegen eine starke Präsenz der SRG im Internet weil er sein Geschäft bedroht sieht. Die Gegner haben es geschafft, dass der nötige Online-Ausbau verlangsamt wird, weil der politische Druck zunimmt. Dabei ist es wichtig für unsere Demokratie, dass die journalistische Leistung des SRF auch die Jungen erreicht, die am Handy statt am TV Inhalte konsumieren. Darüber wurde noch viel zu wenig geredet. Man kann sagen: Auch wenn die Gegner der Initiative gewinnen, haben die Jungen jetzt schon verloren.

Hat eine Halbierung der SRG Chancen?
Wenn das Anliegen wuchtig abgelehnt wird, vermutlich nicht. Die Leute werden sich zwei Mal überlegen, 100'000 Unterschriften für etwas zu sammeln, dass nicht viel bessere Chancen hat. Auch Doris Leuthard hat bei der Höhe der Gebühren den Wind aus den Segeln genommen. Ausserdem gibt es, wie die jüngsten Umfragen zeigen, eine Schwarmintelligenz im Volk, die der Meinung ist, dass es eine SRG braucht, nicht nur private Medien.