Antibiotika-Resistenzen

10. November 2018 07:21; Akt: 10.11.2018 07:21 Print

«Die Schweiz hat das Problem verschlafen»

von Noah Knüsel - Der Bund will mit einer Kampagne die Bevölkerung für Antibiotika-Resistenzen sensibilisieren. Höchste Zeit, findet eine Ärztin.

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Am Freitag lancierte das Bundesamt für Gesundheit die Kampagne Antibiotika: «Nutze sie richtig, es ist wichtig». Sie soll Wissenslücken in der Bevölkerung über Antibiotika stopfen und ist auf vier Jahre angelegt. Pro Jahr stehen 1,1 Millionen Franken zur Verfügung. Die Kampagne wird mit TV-Spots, Plakaten, Online-Werbung und einer Website geführt. «Wichtig ist, dass man Antibiotika so einnimmt, wie sie der Arzt verschrieben hat», sagt BAG-Abteilungsleiter Daniel Koch. Oder auch, dass man sie etwa nicht einfach das WC hinunterspüle. Laut Sarah Tschudin Sutter, Leitende Ärztin an der Abteilung Infektiologie und Spitalhygiene am Unispital Basel, hat die Schweiz das Problem verschlafen. Es gebe heute Infektionen, bei denen die Konstellation sehr gefährlich sei: «Zum Beispiel, wenn Bakterien gegen Carbapeneme resistent sind. Diese Antibiotika wirken gegen viele verschiedene Erreger.» Seien Bakterien aber auch gegen sie resistent, müsse man auf sogenannte «Reserveantibiotika» zurückgreifen – und im Extremfall blieben keine Optionen übrig, so die Ärztin: «Patienten haben dann schlechte Prognosen.» Das sei aber bisher zum Glück sehr selten, sagt sie. «Im Moment nur in etwa 1,7 Prozent der Infektionen mit bestimmten Darmbakterien.» Es seien vor allem Patienten, die im Ausland im Spital waren und in die Schweiz zurückgebracht werden, die solche Resistenzen aufweisen. «Doch Antibiotika-Resistenzen nehmen immer mehr zu, vor allem bei Darmbakterien.» Lösen sie eine Infektion aus, müsse man auf Carbapeneme oder sogar Reserveantibiotika ausweichen, so Tschudin: «Das befeuert das Problem natürlich weiter.»

Zum Thema
Fehler gesehen?

Es gibt immer mehr gegen Antibiotika resistente Bakterien: So sind heute etwa 20 Prozent der E.coli-Bakterien immun gegen Medikamente, doppelt so viel wie vor 14 Jahren. Jetzt will das Bundesamt für Gesundheit (BAG) mit einer Kampagne Gegensteuer geben (siehe Box). «Wir wollen die Bevölkerung für das Thema sensibilisieren, denn es geht alle etwas an», sagt Daniel Koch, Leiter der Abteilung übertragbare Krankheiten.

Laut Sarah Tschudin Sutter, Leitende Ärztin an der Abteilung Infektiologie und Spitalhygiene am Unispital Basel, hat die Schweiz das Problem verschlafen. Sie erklärt, welche Resistenzen am gefährlichsten sind.

Frau Tschudin, ein Fünftel der E.coli-Bakterien sind antibiotikaresistent. Diese Erreger lösen ein Drittel der Infektionen aus, die sich übers Blut verbreiten. Ist die Situation noch unter Kontrolle?
Bei diesem spezifischen Stamm hat man noch Alternativen zur antibiotischen Therapie, es gibt aber Konstellationen, bei denen es eng werden kann.

Zum Beispiel?

Sehr gefährlich ist es, wenn Bakterien gegen Carbapeneme resistent sind. Diese Antibiotika wirken gegen viele verschiedene Erreger. Sind Bakterien aber auch gegen sie resistent, muss man auf sogenannte «Reserveantibiotika» zurückgreifen – und im Extremfall bleiben keine Optionen übrig. Patienten haben dann schlechte Prognosen.

Kommt das oft vor?
Bisher zum Glück sehr selten, im Moment nur in etwa 1,7 Prozent der Infektionen mit bestimmten Darmbakterien. Es sind vor allem Patienten, die im Ausland im Spital waren und in die Schweiz zurückgebracht werden, die solche Resistenzen aufweisen. Doch Antibiotika-Resistenzen nehmen immer mehr zu, vor allem bei Darmbakterien. Lösen sie eine Infektion aus, muss man auf Carbapeneme oder sogar Reserveantibiotika ausweichen. Das befeuert das Problem natürlich weiter.

Auch in Basler Kläranlagen werden resistente Bakterien gefunden. Was bedeutet das?
Das ist alarmierend. Können resistente Bakterien nicht aus dem Abwasser entfernt werden, verbreiten sie sich viel leichter.

Was haben Antibiotikaresistenzen für praktische Auswirkungen auf Patienten im Spital – im BAG-Bericht wird auch das Einstellen von chirurgischen Eingriffen erwähnt?
Trägt ein Patient bestimmte resistente Erreger in sich, müssen
Spitäler Massnahmen ergreifen, um deren weitere Verbreitung zu vermeiden. Dazu muss man etwa den Operationssaal aufwendig reinigen und desinfizieren. Unter Umständen können deshalb nicht zeitkritische Eingriffe verschoben werden. Notfalloperationen werden aber sowieso gemacht.

Das Thema ist nicht neu. Trotzdem wurde erst vor drei Jahren eine nationale Strategie verabschiedet, am Freitag lanciert das BAG eine Informationskampagne. Zu spät?
Die Kampagne ist ein wichtiger Schritt. Trotzdem muss man sagen, dass die Schweiz, wie viele andere Länder auch, die Problematik verschlafen hat.

Wie steht die Schweiz im internationalen Vergleich da?
Beim Verbrauch nicht schlecht, es gibt aber immer noch Luft nach oben. Besonders die skandinavischen Länder und Holland stehen besser da. Grundsätzlich heizt jeglicher unnötige Verbrauch von Antibiotika das Problem weiter an.

In der Veterinärmedizin hat sich der Verbrauch von Antibiotika in den letzten zehn Jahren halbiert. Trotzdem liegt die Schweiz immer noch vor anderen europäischen Ländern wie etwa Schweden. Dort wurden bei der ungefähr gleichen Menge an Nutztieren 2016 fast viermal weniger Antibiotika verabreicht. Muss in der Landwirtschaft mehr passieren?
Grundsätzlich muss mehr gemacht werden, in allen Bereichen. Man könnte versuchen, die Haltungsbedingungen so zu verbessern, dass die Tiere gar nicht erst krank werden. In beengten Ställen können sich Erreger viel leichter verbreiten.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jes am 10.11.2018 09:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schon länger

    Bereits vor 20 Jahren wusste man davon, machte aber einfach weiter.

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  • Ich wer sonst am 10.11.2018 09:13 Report Diesen Beitrag melden

    Und was ist mit der Landwirtschaft

    Die Kampagne ist eher bei den Bauern nötig, kein Land verabreicht den Tieren so viel Abtibitotika wie die Schweiz

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  • artr2d2 am 10.11.2018 10:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Absurd

    In der CH kann man Antibiotika nur mit Rezept kaufen. Jetzt jammern die Ärzte. Sie sollen einfach vorsichtiger mit dem Verschreiben von Antibiotika. Nicht die Bevölkerung muss sensibilisiert werden, sondern die Ärzte. !!!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Quirlige Eidgenossin am 11.11.2018 10:39 Report Diesen Beitrag melden

    Und täglich grüsst das Murmeltier

    Das ist bei weitem nicht das einzige kritische Thema, das die Schweiz verschläft. Die Verantwortlichen sollten mal ihren Zahltag verschlafen...

  • NixDrin am 11.11.2018 09:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zur Info ...

    ... in Südostasiesn tragen etwa 8 von 10 Personen Multiresistente Bakterien in sich ! In Europa etwa 2 von 10, ausnahme Schweden, da haben etwa 4 von 10 diese. Das grösste Problem ist, dass viele eine Antibiotikakur vorzeitig beenden sobald es ihnen besser geht(Hintergedanke da, nur nicht zuviel Medis einnehmen) und so entwickeln sich ein Grossteil der 3- oder 4MRGN's.

  • Seppl am 11.11.2018 09:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alles klar

    Gerade habe ich den Artikel Heilmittelgesetz Gibt es Hustensirup bald nur noch auf Rezept gelesen. Hier wird gefordert das der Bund etwas unternimm, bzw. wird Untätigkeit vorgeworfen. Dort wird geschumpfen dass der Bund alles überregulieren will und wir doch so mündige Schweizer sind die selber entscheiden was sie wollen und was nicht. Besser hätte man die Ursache für das Resistenzen Problem nicht darstellen können. Leute mit viel Meinung zu einer Thematik zu der sie leider kaum Ahnung haben richten eine Katastrophe an und wollen sich nun mit Schuldzuweisungen aus der Verantwortung ziehen.

  • Isabelle W. am 11.11.2018 08:38 Report Diesen Beitrag melden

    Mitverursacher

    Wer will denn in der Schweiz schon etwas unternehmen, wenn laut DOK-Sendung von dieser Woche die Schweizer Chemiefirmen zu den indirekten Mitverursachern gehören? Das Problem ist viel schlimmer als gedacht und wird die Menschheit in den nächsten Jahren ganz gehörig reduzieren.

  • Frau Schweizer am 11.11.2018 08:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wir sind es!

    Und wieder wird ein ganzer Berufsstand verunglimpft.... Bauern und Fleischproduzenten sind zwei ganz verschiedene Dinge! Bauern wollen wir doch gar nicht mehr haben, jeden Tag muss darum auch ein Bauernbetrieb in der CH dicht machen! Aus dem einfachen Grund, weil sie sich ihren grösseren Aufwand, ihren Anstand gegenüber dem Tier, ihre Wertschätzung und ihr Verantwortungsbewusstsein zu ihren Produkten, zu Recht, auch bezahlen lassen wollen. Wir wollen doch lieber billig, das bekommen wir auch, von den Fleischproduzenten. Aus Massentierhaltungen. Wir sind eigentlich die Hauptschuldigen! Durch unser Konsumverhalten und unsere Gleichgültigkeit.