Deutscher Atomaufseher

11. August 2015 12:57; Akt: 11.08.2015 12:57 Print

«Die Schweiz sollte Beznau sofort abschalten»

Der deutsche Atom-Experte Dieter Majer war am Montag im Bundeshaus. Er rät den Parlamentariern: «Stellt Beznau schnellstens ab!»

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Herr Majer, gestern waren Sie Gast in der Kommission des Ständerats, welche die Energiestrategie diskutiert. Was war Ihre Botschaft?
Ich habe erläutert, dass es die absolute Sicherheit für Kernkraftwerke nicht gibt. Zu Beginn der Kernenergienutzung hat man eine Kernschmelze ausgeschlossen. Mittlerweile hat jeder Bürger mittleren Alters drei Kernschmelzen erlebt – Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima. Das muss man der Bevölkerung transparent machen: Die Schweiz ist ein kleines Land. Wenn da eine Anlage mit der richtigen Windrichtung hochgeht, können Sie die Schweiz vergessen.

Strittig dürfte im Ständerat vor allem die Frage des Fahrplans sein: Der Nationalrat will Beznau I und II um das Jahr 2030 herum stilllegen (siehe Box). Ist der Plan vernünftig?
Nein. Ich kann nicht verstehen, dass man die Anlagen Beznau und Mühleberg nicht sofort vom Netz nimmt. Sie haben grundlegenden Sicherheitsdefizite – dabei geht es um Fragen wie Schweissnähte oder die Gestaltung des Reaktordruckbehälters, die wichtigste sicherheitsrelevante Komponente in einem Kernkraftwerk. Wenn diese versagt, ist eine Kernschmelze unumgänglich.

Sie waren lange Jahre Aufsichtsbeamter im deutschen Umweltministerium. Ist man dort strenger?
In Deutschland sind mindestens sieben vergleichbare Anlagen nicht mehr am Netz. Das Kernkraftwerk Obrigheim hat man schon vor zehn Jahren abgeschaltet – es entsprach, abgesehen von einigen Nachrüstungen, ziemlich genau Beznau. Siedewasser-Reaktoren vom Typ Fukushima wie in Mühleberg sind alle abgeschaltet.

Aber Beznau wurde gerade wieder für 700 Millionen Franken aufgerüstet. Gemäss der Betreibergesellschaft Axpo ist damit ein Betrieb deutlich über 50 Jahre gegeben.
Nach meiner Auffassung ist ein weiterer Betrieb von Kernkraftwerken nur dann vertretbar, wenn sie dem heutigen Stand von Wissenschaft und Technik entsprechen. Doch eine entsprechende Nachrüstung ist aus technischen und wohl auch aus ökonomischen Gründen gar nicht möglich. Dies käme einem Neubau der Anlage gleich. Auch die Alterungsprozesse darf man nicht unterschätzen: Materialien verspröden, korrodieren, ermüden. Damit werden die Reserven im Vergleich zum Errichtungszeitpunkt kleiner.

Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) sagt, dass ein Kraftwerk nur so lange laufe, wie es sicher sei. Machen unsere Inspektoren ihren Job nicht?
Das Ensi hat eine eigene Sicherheitsphilosophie. Ein Kraftwerk müsse dem «Stand der Nachrüsttechnik» entsprechen. Nur weiss niemand, was das genau heisst. Meiner Meinung nach hat die Nachrüstung bei den alten Kraftwerken nicht dazu geführt, dass die Anlagen hinreichend sicher sind. Letztlich ist es eine politische Frage, ob man das Risiko eingehen will.

Beznau I steht im Moment still, weil man Schwachstellen beim Reaktordruckbehälter entdeckt hat. Was bedeutet das?
Dank neuen Ultraschallmethoden konnten Defizite in verschiedenen Anlagen festgestellt werden. Niemand weiss im Moment, was das für Befunde sind. Sind es Gaseinschlüsse, Materialunzulänglichkeiten, die bei der Herstellung des Behälters entstanden sind? Oder sind sie eine Folge des Betriebs? Wäre Letzteres der Fall, könnte es zu einem Spontanbruch des Reaktordruckbehälters kommen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Beznau I einfach wieder hochgefahren wird.

Trotzdem: Im Stresstest der EU schnitten die Schweizer AKWs sehr gut ab.
Von vielen Sicherheitsebenen hat der Stresstest nur einen kleinen Ausschnitt geprüft: Erdbeben und Hochwasser. Das sind vielleicht fünf Prozent der sicherheitsrelevanten Themen. Und man hat nur geschaut, was man tun kann, wenn ein Unfall schon eingetreten ist. Dabei wäre das Entscheidende, den Unfall zu verhindern.

Inwiefern spielt das Alter der Anlagen bei Bedrohungen durch Terrorismus eine Rolle?
Das Alter spielt beim Szenario von gezielten Flugzeugabstürzen eine Rolle: In der Schweiz hat Mühleberg teilweise eine Betondecke von nur 15 Zentimetern – schon ein Hubschrauber oder ein Kleinflugzeug könnte die Schutzhülle durchschlagen. Allerdings ist kein Kraftwerk in der Schweiz oder in Deutschland gegen einen Einschlag eines Jumbos oder eines A380 gewappnet.

Fielen in der Schweiz Atomkraftwerke auf einen Schlag weg, wäre die Versorgungssicherheit in Gefahr. Oder man müsste wie Deutschland Kohle verbrennen.
Ich habe auch nicht daran geglaubt, dass es geht mit alternativen Energien – aber Deutschland hat das Gegenteil bewiesen. Es war allerdings mit grossen Anstrengungen und Subventionen verbunden. Es ist immer eine Frage der Abwägung, ob man die Risiken der Kerntechnik in Kauf nehmen will oder nicht. Aber machbar ist es, vor allem für die technisch hochentwickelte Schweiz. Sie hat viel Wasserkraft und auch Windkraft hat Potential – in den Bergen weht der Wind zum Teil ganz schön stark.

Windräder in den Alpen sind halt nicht besonders hübsch anzusehen.
Das ist ein ästhetisches Problem, da haben Sie völlig recht. Deshalb sage ich ja: Es ist eine politische Frage, die nicht Fachexperten an der Bevölkerung vorbei entscheiden dürfen – insbesondere nicht in einem so demokratischen Land wie der Schweiz, das meiner Meinung nach die höchste Form der Demokratie hat.

(daw)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Peter am 11.08.2015 13:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Abstimmen!

    Wieso kann eigentlich nicht einfach mal die Bevölkerung über die Abschaltung abstimmen?? Wir tragen schliesslich auch den grössten Schadenn wenn was hops geht!

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  • Pragmatiker am 11.08.2015 13:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und ich...

    ...fordere, dass Deutschland sofort alle extrem umweltschädlichen Kohlekraftwerke abschaltet... ;-)

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  • Fredi am 11.08.2015 13:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kompromiss

    Wie wäre es die zwei ältesten Atomkraftwerke zu schliessen und ein neues auf dem Stand der heutigen Technik zu bauen? Ich denke dass sich in den letzten 50 Jahren doch einiges in diesem bereich verändert hat, oder liege ich da falsch? Vielleicht gleichzeitig noch in die Erforschung von erneuerbaren und Atom ernergien invistieren so dass wir velleicht bis 2100 andere (sinnvolle) alternativen haben?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Turi Monete am 12.08.2015 23:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wer soll das bezahlen

    weil niemand weiss wer den Abriss bezahlen soll. Der ist im Strompreis nicht einkalkuliert und geht bei 2 AKW's in die Milliarden.

  • Dosen Stecker am 12.08.2015 23:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Masse nicht gleich Klasse

    weil der Mob die Komplexität der Materie nicht versteht.

  • Rolli S. am 12.08.2015 18:42 Report Diesen Beitrag melden

    Jod-Tabletten wofür ?

    Naja, wenn man Jod-Tabletten ( die eh nix nützen ) gratis verteilt bekommt, dann sollten einem schon die Augen auf gehen. Wenn alles so sicher ist, braucht es diese Massnahme nicht. Insofern gehe ich davon aus, das eben nichts so sicher ist, wie gesagt. Warum sonst die Tabletten ? Der Deutsche hat schon Recht, gut wen er Klartext redet auch wenns sie Schweizer mal wieder anders sehen.

  • dw am 12.08.2015 13:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    aber sofort

    Gute Idee. Abschalten aber erst ein neues bauen. Gerne darf Deutschland einen Unkostenbeitrag an den neu Bau geben.

    • Jost B. am 12.08.2015 18:44 Report Diesen Beitrag melden

      Nachbarschaftshilfe

      Deutschland räumt die Reste der Schweiz nach dem Gau auf, ja .. das könnte man machen so aus Nachbarschaftshilfe. Aber Geld, das ist doch in der Schweiz im Überfluss, dafür braucht es kein Bittgebet an Deutschland.

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  • Thomas R. am 12.08.2015 11:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Angstmacherei?

    Ach ja, erinnern wir uns an letztes Jahr, Jodtabletten-Verteil-Aktion, die haben wir vom Bund bekommen weil nie was passieren kann, das ist vermutlich auch, reine Angstmacherei!

    • Steuerzahler am 12.08.2015 15:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Ja aber

      wenn nun die AKW Gefahr gebannt ist mit dem Rückbau, muss ich die guten und teuren Jodtabletten dann einfach entsorgen? Das kostet doch sicher sehr viel Geld, da könnte man die Kraftwerke doch einfacher und billiger weiterlaufen lassen.

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