Muslime in der Schweizer Armee

20. Januar 2009 11:26; Akt: 20.01.2009 12:24 Print

«Die Schweizer Armee braucht Imame»

von Marius Egger - Was würde bei einem Schweizer Militäreinsatz in einem islamischen Land passieren? Kann ein Schweizer Muslim auf andere Muslime schiessen? Angesichts solcher Fragen und stark steigender Zahlen von Muslimen in der Armee fordert der Präsident der Föderation islamischer Dachorganisationen geistigen muslimischen Beistand.

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Hisham Maizar, Präsident Föderation islamischer Dachorganisationen der Schweiz: «Für die Zukunft rüsten». (Bild: zvg)

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Herr Maizar, die Zahl der Muslime in der Schweizer Armee steigt (20 Minuten Online berichtete). Einen Imam wollen die Verantwortlichen derzeit aber nicht engagieren. Verstehen Sie das?
Nein. Die Zahl der Muslime in der Armee hat zugenommen. Und sie wird in Zukunft weiter ansteigen. Es wäre jetzt höchste Zeit, sich für die Zukunft zu rüsten.

Sind Sie mit der Situation unzufrieden?
Ich bin nicht restlos glücklich. Momentan gibt es für Ernstfälle eine Ansprechperson für den Chef der Armeeseelsorger und das bin ich. In solchen Fällen müsste ich einen Imam organisieren. Aber in einem Ernstfall muss es meistens schnell gehen. Ob ich dann innert kürzester Zeit einen Imam organisieren kann, weiss ich nicht.

Sie fordern einen Imam?
Wir würden einen Imam begrüssen, ganz klar. Ich habe diesen Punkt als Vermittler zwischen der muslimischen Gemeinschaft und der Armee auch schon mit dem Chef der Armeeseelsorger besprochen. Es blieb allerdings bisher bei diesem einen Kontakt.

Die Armee kommt laut eigenen Aussagen den Muslimen bereits heute entgegen, nimmt Rücksicht auf Gebete, Essen und Feiertage. Reicht das nicht?
Es geht mir primär um die Integration, und in diesem Zusammenhang stellen sich den jeweiligen Kulturen Fragen, die nicht von jedermann beantwortet werden können. Es ist absolut nicht meine Absicht, die katholischen oder evangelischen Seelsorger zu beanstanden. Aber es stellen sich einem Muslim andere Fragen als einem Christen.

Welche?
Wenn es um Trauerarbeit geht, zum Beispiel wegen dem Tod eines Kameraden. Auch die Frage des eigenen Todes gehört dazu. Der Imam wäre in dem Fall die Person, die religiöse und rituelle Antworten geben beziehungsweise Lösungen erbringen müsste. Es stellen sich aber auch militärische Fragen.

Konkret?
Was passiert bei einem militärischen Einsatz in einem muslimischen Land? Schiesst er oder schiesst er nicht? Diese Frage muss mit den Soldaten in der Ausbildung besprochen werden. Vielleicht ist diese Frage momentan noch nicht so aktuell, weil sich die Schweiz bezüglich Auslandseinsätzen zurückhält. Aber diese Fragen werden kommen. Man denke nur an den Kosovo oder Somalia.

Ein Muslim der Schweizer Armee fragt sich in einem muslimischen Land tatsächlich, ob er auf einen anderen Muslim schiessen soll oder nicht?
Diese Frage wird kommen, wenn man die Soldaten nicht islamkonform darauf vorbereitet.

Soldaten stehen im Einsatz für ihr Vaterland. Da darf die Religion doch keine Rolle spielen?
Die Muslime müssen für ihr Vaterland kämpfen, und sie müssen für ihr Vaterland schiessen, wenn es denn soweit kommen sollte. Das gilt auch für Muslime in der Schweizer Armee, gar keine Frage. Und das ist für Muslime auch nicht schwieriger als für Schweizer. Aber sie brauchen dazu entsprechende Begleitung und Betreuung.

Ist es für muslimische Soldaten also schwieriger, auf Glaubensbrüder zu schiessen?
Ich glaube, dass es auch für nichtmuslimische Soldaten nicht immer leicht ist, im entscheidenden Augenblick das Richtige zu tun. Deshalb braucht es Imame im Militär, die solche und andere Fragen angehen und beantworten können.

Darf er überhaupt schiessen? Oder gibt es Muslime, die das auf Grund ihrer Religion nicht dürfen oder mehr Mühe haben?
Es muss für den Soldaten klar sein, dass er in erster Linie ein Soldat der Schweizer Armee ist. Seine religiösen Fragen muss er mit einem kompetenten Imam besprechen. Deshalb braucht es eben solche Imame.

Wurden Sie wegen eines Ernstfalls schon einmal von der Armee kontaktiert?
Ich hatte erst einmal ein Gespräch. Das war im letzten Mai, als ich zur Kontaktperson ernannt wurde. Aber eine Kontaktperson genügt nicht. Es braucht in der Armee Imame, die das Thema Integration zusammen mit den katholischen und evangelischen Seelsorgern konstruktiv angehen. Die Armee muss sich deshalb heute für die Zukunft rüsten. In Deutschland und Österreich gehören Imame bereits zur Armee. Das Thema wird auch die Schweiz nicht ignorieren können.