Geheim-Geburt

07. Februar 2016 06:27; Akt: 07.02.2016 13:13 Print

«Die Trennung vom Baby ist äusserst schmerzlich»

Die Gegner von Babyklappen werben für das Modell der vertraulichen Geburt. Sibil Tschudin, Expertin für gynäkologische Sozialmedizin, ist skeptisch.

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Oft entscheidet sich die Mutter doch gegen die Adoption, wenn das Kind einmal da ist. (Symbolbild) (Bild: Petro Feketa)

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Frau Tschudin, Gegner des Babyfensters propagieren die vertrauliche Geburt als Alternative. Mit wie vielen Frauen hatten Sie schon zu tun, die im Geheimen geboren haben?
Pro Jahr kann man die Fälle an einer Hand abzählen. Allerdings gibt es ganz verschiedene Gründe, warum eine Frau nicht will, dass ihr Name und die Geburt ihres Kindes publik werden. Nicht alle, die vertraulich gebären, geben ihr Kind anschliessend zur Adoption frei.

Warum wollen Frauen sonst geheim gebären?
Das kann sein, weil sich eine Frau in einer schwierigen Beziehung oder psychischen Situation befindet. Weil sie vielleicht eine Trennung hinter sich hat und vom Ex-Partner bedroht wird. Oft geht es darum, sich selber und das Kind zu schützen. Jeder Fall ist anders, man kann nicht generalisieren.

Wie läuft eine vertrauliche Geburt ab?
Wenn die Frau das wünscht, werden ihre persönlichen Daten zwar erfasst – ihr wird anschliessend aber ein Pseudonym zugeordnet, mit dem sie vom medizinischen Personal auch angesprochen wird. Im Fall einer Adoptionsfreigabe kommen nochmals ganz andere Mechanismen in Gang, die gesetzlich geregelt sind.

Wie sehen diese aus? Kann eine Frau, die ihr Kind zur Adoption freigeben will, nach der Geburt einfach wieder gehen?
Zunächst einmal: Viele Betroffenen «wollen» ihr Kind nicht zur Adoption freigeben, manche trennen sich unter äusserst schmerzlichen Umständen von ihrem Baby. Auch Mütter, die ihr Kind in die Babyklappe legen, tun dies möglicherweise, weil sie es einfach nicht behalten können. Zum Beispiel weil sie unverheiratet schwanger geworden sind und ihr Umfeld ein Kind in dieser Situation nicht akzeptieren würde. Nur wenige fällen diesen einschneidenden Entscheid, weil sie sich nicht bereit fühlen, Mutter zu werden. Natürlich kann eine Frau das Spital verlassen, wenn sie will. Rechtskräftige Schritte hin zu einer Adoption können aber frühestens sechs Wochen nach der Geburt eingeleitet werden.

So lange hat eine Frau also noch Zeit, zurückzukehren und ihr Kind abzuholen?

In den meisten Fällen findet eine Frau, die eine Freigabe zur Adoption in Betracht gezogen hat, heute so oder so eine andere Lösung, wie zum Beispiel die vorübergehende Betreuung des Kindes in einer Pflegefamilie. Wenn das Baby einmal da ist, merkt sie, dass die Bande zwischen ihr und dem Kind zu stark sind, um endgültig durchtrennt zu werden.

Ganz grundsätzlich: Ist die vertrauliche Geburt aus Ihrer Sicht eine Alternative zur Babyklappe?
Da stellt sich wohl erst die Frage, wozu Babyklappen dienen sollen. Es hat sich gezeigt, dass damit nicht verhindert werden kann, dass eine verzweifelte Frau ihr Kind umbringt. Frauen, die sich in einem solchen Ausnahmezustand befinden, schaffen es nämlich gar nicht, ihr Kind in eine Babyklappe zu legen. Ich glaube, vielen Leuten, die sich öffentlich zu diesem Thema äussern, ist das nicht bewusst. Sofern wir schwangere Frauen in Not rechtzeitig erreichen können, ist Mutter und Kind mit einer vertraulichen Geburt sicher viel mehr gedient.

Nun wird auch über das Modell der anonymen Geburt diskutiert, bei dem gar keine persönlichen Daten erfasst würden. Wie verhält es sich damit?
Das ist aus meiner Sicht keine gute Lösung und aus juristischen Gründen auch nicht zulässig, da die Rechte des Kindes nicht gewahrt werden. Ein Kind hat ein Recht darauf zu erfahren, wer seine Eltern sind .

(jbu)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Eve B. am 07.02.2016 08:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich wurde auch zur Adoption

    ... freigegeben. Meine Adoptiveltern sind für mich meine Eltern. Sie waren liebevoll, haben mir vieles ermöglicht und ich bin ihnen so dankbar für die Liebe die sie mir gegeben haben. Meine biologische Mutter ist ein paar Jahre nach neiner Geburt gestorben. Ich kannte sie nicht, aber meine Familie schon. Für mich war sie nur meine Erzeugerin. Meine wahren Eltern sind die, die mich aufgezogen und geliebt haben.

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  • TOCA am 07.02.2016 08:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mein Mitleid...

    Die Geburt unserer Kinder, war mit Abstand das größte. Und heute bin ich Stolzer Großvater. Frauen die aus x welchen Gründen ihr Baby weggeben müssen, Gebührt mein Mitleid. Verurteilen käme mir nie in den Sinn, denn jede Mutter leidet ihr Leben lang beim Verlust ihres Kindes, ob gewollt oder nicht gewollt.

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  • Liz am 07.02.2016 07:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Adoptionstraenen

    Ich bin ein sogenanntes ,,,Adoption Baby,,, Heute 59 Jahre alt. Der Schmerz darüber ist heute noch sehe gross in mir, Geht täglich ,,,nie,,, weg und eine Narbe die lebenslang eitert. Nicht schön!!!!! Bitte tut das nicht und wenn schaut die Adoptiveltern mehr als genau an. Danke Ich bin gebrochen innerlich.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • überraschter am 08.02.2016 16:14 Report Diesen Beitrag melden

    Für den

    Titel kriegt Ihr sicher den Pulitzer. Habe bis jetzt immer gedacht Mütter würden ihre Kinder mit Freude weggeben.

  • WaleLi am 08.02.2016 10:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verhüten...

    Verhüten, wenn's vielleicht nicht gewirkt hat, hilft die Pille danach weiter. Wenn alle Stricke gerissen sind, löst eine Abtreibung das Problem und das mit 100%-iger Sicherheit.

  • Mann am 08.02.2016 08:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Pro Mann

    Wenn es die Pille für den Mann gäbe, würden sicherlich weniger Kinder "produziert" werden. Bis jetzt ist die Frau am Steuer.

    • Frau am 08.02.2016 11:57 Report Diesen Beitrag melden

      Wirklich?

      Ist Ihnen das Konzept des Kondoms neu?

    • Mann am 08.02.2016 21:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Frau

      Nein, aber ich habe eine Latex-Allergie

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  • cecile am 08.02.2016 07:55 Report Diesen Beitrag melden

    Antibabypille

    Meine Mutter sagte zu mir, wenn es damals die Antibabypille gegeben hätte, wäre ich und eine meiner Schwestern nicht auf der Welt. Sie war im Altersheim und 85 Jahre alt. Ich habe alles für sie gemacht.

    • "ungewollt?!" am 08.02.2016 09:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @cecile

      Liebe Cecile Meine Mutter sagte das selbe einmal zu mir! Im ersten Augenblick war ich unendlich wütend und traurig. Doch Jahre später verstehe ich sie. Jetzt selbst Mutter verstehe ich wie anstrengend Kinder sein können. Meine Mutter war 45 als ich kam und hatte nicht mehr die besten Nerven und gesundheitlich war auch nicht alles zum Besten gestellt! Das waren die Gründe für die Aussage. Nicht dass sie mich nicht liebt! Wir haben, seit ich das begriffen habe, wieder ein wunderschönes Verhältnis zueinander!

    • WaleLi am 08.02.2016 10:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @cecile

      Du hattest Glück, dass Deine Entstehung nicht durch die Antibabypille verhindert wurde. Zig-Millionen aber nicht, allerdings wissen diese nichts davon ;-)

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  • Heinrich Zimmermann am 08.02.2016 05:18 Report Diesen Beitrag melden

    Ja schmerzhaft, aber wen kuemmerts?

    Ich wurde zwar nicht in einer Babyklappe abgegeben oder sonstwie ausgesetzt, aber es muss wohl in der Familie selbst sowas wie ausgestossen gewesen sein. Klar leben konnte ich, aber seelisch verwarlost... ist auch nicht schoen.