Erdogans Einfluss

06. Mai 2016 10:01; Akt: 06.05.2016 10:01 Print

«Die Türkei ist mächtiger, als wir dachten»

von D. Pomper - Warum verträgt die Türkei keine Kritik? Türkei-Experte Markus Dressler über Erdogans Machtdemonstrationen in der Schweiz.

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Mag keine Kritik: der türkische Ministerpräsident Tayyip Recep Erdogan. (Bild: Keystone/AP/Yasin Bulbul)

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Herr Dressler, in den letzten Wochen hat die Türkei gezeigt, wie schlecht sie Kritik aus dem Ausland verträgt. So hat Ankara etwa die Schweiz aufgefordert, ein Erdogan-kritisches Foto zu entfernen. Was ist der Grund für diese Dünnhäutigkeit?
Dafür gibt es verschiedene Gründe. Staatspräsident Erdogan ist ein Meister der Politik. Er versteht es perfekt, öffentliche Diskussionen zu lenken. Man könnte auch sagen, er initiiert Ablenkungsmanöver. Man spricht plötzlich über die Affäre Böhmermann und nicht mehr darüber, was zum Beispiel im Osten der Türkei passiert. Zweitens will die Türkei Macht demonstrieren. Gerade im Zug der gestärkten Rolle der Türkei gegenüber der EU und im Zuge der Flüchtlingspolitik versucht man, die eigene Macht auszubauen. Nach innen will sich Erdogan so als starker Mann profilieren, der sich nichts von der EU gefallen lässt. Und drittens ist das Gebaren auch Ausdruck verletzten Stolzes. Die Türkei hat viel unternommen, um der EU beitreten zu können, aber ihrem Empfinden nach nie die entsprechende Anerkennung dafür erhalten.

Wer ist Tayyip Recep Erdogan? Es gibt Kritiker, die ihn als Wolf im Schafspelz sehen: einen gefährlichen religiösen Eiferer, der sich als moderner, gemässigter Politiker ausgibt, um das säkulare Erbe des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk abzuschaffen. Was glauben Sie?
Es gibt zwar Tendenzen zur Religionisierung der türkischen Öffentlichkeit. So wurde etwa ein Projekt zur «Schaffung einer frommen Generation» lanciert. Erdogan aber zu unterstellen, er wolle einen Islamischen Staat schaffen, halte ich dennoch – zumindest noch – für überzogen. Das Hauptproblem ist sein totalitärer Politikstil, der kaum noch Opposition zulässt, ganz egal ob von der Linken, von Kurden, Umweltschützern oder auch politisch anders denkenden frommen Muslimen. Gegen jegliche Kritik wird radikal vorgegangen. Es wird eine aggressive Einschüchterungspolitik betrieben, die vor allem in den Medien und an den Universitäten zur Autozensur führt. Der öffentliche Raum wird immer stärker eingeschränkt.

Erdogan kam 1998 ins Gefängnis, weil er ein religiös-nationalistisches Gedicht rezitiert hatte: «Die Minarette sind unsere Bajonette, die Kuppln sind unsere Helme, die Moscheen sind unsere Kasernen», hiess es darin. In einem Interview hat Erdogan gesagt: «Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufspringen, bis wir am Ziel sind.» Hat er das gar nicht so gemeint?
Dass Erdogan mit Demokratie im Sinne eines pluralen Wettbewerbs um die bessere Politik nicht viel am Hut hat, ist ja offensichtlich. Ich glaube allerdings nicht, dass sein autoritäres Verhalten hauptsächlich religiös motiviert ist. Auch kritisieren gerade Exponenten des frommen Flügels der politisch-islamischen Bewegung sein arrogantes und aggressives Auftreten als unislamisch.

Die türkische staatliche Religionsbehörde Diyanet hat im März in einem Kindercomic den Märtyrertod verherrlicht. Welche Ziele verfolgt Diyanet?
Die Religionsbehörde repräsentiert den Staatsislam. Ihre Aufgabe ist die staatliche Kontrolle der Religion. Zurzeit wächst das Bestreben, Religion in die Öffentlichkeit und Politik zu integrieren, weswegen die Behörde stetig finanziell und personell ausgebaut wird und sich Vertreter der Diyanet auch mehr und mehr in öffentliche und politische Diskussionen einmischen.

Kürzlich wurde publik, dass die Diyanet türkische Moscheen in der Schweiz unterstützt. Ankara entsendet Imame, die gemäss Insidern Frauen dazu aufrufen, Kopftuch zu tragen, und Propagandareden der Regierungspartei AKP verbreiten. Warum macht die Türkei das?
Im Ausland verfolgen Abteilungen des Diyanet neben der Bereitstellung religiöser Dienstleistungen für türkischstämmige Muslime generell immer auch das Ziel, die Interessen des türkischen Staates zu unterstützen. Die Türkei versucht auf diesem Weg im Ausland politischen Einfluss auszuüben. In Deutschland ist der Anteil der Wähler der Regierungspartei AKP verhältnismässig viel höher als in der Türkei, weil Auslandstürken tendenziell konservativer orientiert sind. So können viele Wählerstimmen gewonnen werden. Das Engagement der Türkei in Europa ist meines Erachtens stärker politisch als religiös motiviert. Die Diyanet ist allenfalls daran interessiert, von der vom türkischen Staatsislam sunnitisch-hanafitischer Prägung abweichende Islamvorstellungen zu disziplinieren und näher an die eigenen Vorstellungen von korrektem Islam heranzuführen.

Auch in Deutschland wird der Ditib – der Dachverband von über 800 türkischen Moscheevereinen in Deutschland – laut Experten durch den türkischen Staat gesteuert. Gemäss dem Religionswissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi verbindet der Ditib Themen wie Gewalt, Sexualität und Mann/Frau ein konservatives Religionsverständnis, das vom Islam des 7. Jahrhunderts geprägt wird. Ist das nicht bedenklich?
Die genaue Situation in türkischen Moscheen in Deutschland kenne ich zu wenig. Ich glaube, dass zwischen den verschiedenen Ortsvereinen grosse Unterschiede herrschen und man mit Verallgemeinerungen vorsichtig sein sollte. Es gibt konservative Gemeinden und dann aber auch solche, die Homosexuelle zu Diskussionsrunden einladen. Die Spannbreite ist gross. Gleichwohl gibt es in den letzten Jahren meines Wissens eine Tendenz, über Ditib auch in Deutschland ein konservativeres Religionsverständnis aufzubauen.

Was denken Sie, wie mächtig ist die Türkei in der Schweiz und in anderen europäischen Ländern?
Die Türkei ist mächtiger, als wir dachten. Zumindest schafft sie es zurzeit, die Diskussion innerhalb Europas mitzusteuern. Über die Moscheen in Deutschland oder der Schweiz versucht sie, politischen Einfluss auszuüben – wenn man diesen meines Erachtens aber auch nicht überschätzen sollte. Wie man mit diesen Herausforderungen umgehen soll, muss jede Gesellschaft für sich selber entscheiden. Ich würde aber davor warnen, die autoritäre Wende in der Türkei hauptsächlich unter Bezugnahme auf Religion zu erklären. Hier lohnt sich ein differenzierterer Blick. Allerdings ist dies in einer Zeit in der auch Deutschland und die Schweiz nicht zuletzt durch die Flüchtlingsdebatte selber starke Polarisierungen in ihren Bevölkerungen erfahren nicht einfach. Diese Polarisierung führt meiner Ansicht nach auch zu einer gewissen Lähmung in Bezug auf einen pro-aktiven, kritischen Dialog mit der Türkei - wovon Erdoğan profitiert.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Nick P. Wild am 06.05.2016 10:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tja. Kommt davon.

    Kommt davon wenn man sich aus falscher Toleranz vor der Wahrheit verschliesst. Ich könnte jetzt sagen "ich hab's Euch gesagt" aber Ihr würdet noch weiterhin die selben falschen Liebesschwüre herunterbeten wie bis anhin und das bis zum Punkt wo Ihr's nicht mehr umkehren könnt. Dann ist es zu späht.

  • Free Man am 06.05.2016 10:28 Report Diesen Beitrag melden

    Hoffentlich nie in der EU dabei

    Die Türkei hat viel unternommen, um der EU beitreten zu können? ja und macht auch viel das diese hoffentlich nie in EU Akzeptiert wird da dieser Mann sich wie ein Diktator aufführt.

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  • Franz Karl am 06.05.2016 10:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Türkei

    Jetzt muss man der EU klar machen, vor allem Frau Merkel, dass die Türkei nicht in die EU gehört und ab sofort die Visumspflicht nicht aufhebt.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Simply_Pero am 06.05.2016 15:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ich vergass..

    die usa versucht ja nicht sich überall einzumischen..

  • derTürke am 06.05.2016 14:26 Report Diesen Beitrag melden

    Lasst es gut sein

    Es hat keinen Wert oder ein tropfen Vorteil wenn man sich wegen Erdogan aufregt. Er ist Staats Präsident der Türkei und sein Amt dauert genau 8 Jahre also noch 7 Jahre. Was wollen sie sich 7 Jahre aufregen? Ja gut wenn 20 Minuten jeden Tag über Erdogan berichtet bleibt einem auch nichts mehr übrig sich doch zu aufregen.

  • M.Türk am 06.05.2016 14:26 Report Diesen Beitrag melden

    Zirkulation soll eine Ende finden

    Türkei braucht ein Wendekreis - Zwar hoffe ich so schnell wie möglich! Wieso Premier Minister "Herr Ahmet Davutoglu" seinen Amt verlässt, sollte das türkische Volk "jetzt" kritisch hinterfragen und diese Zirkulation bei den nächsten Wahlen auf Papier bringen.

  • HerrCool.es am 06.05.2016 14:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ein Dankeschön an die Ausländer in der Schweiz

    Woher wollen denn die Deutschen wissen, wie mächtig die Türkei ist? In Deutschland gilt ein Ausländeranteil von UNTER 20% schon als Überfremdung. Wenn wir Als Schweizer ihnen in einer Diskussion sagen, wie hoch bei uns der Ausländeranteil ist, dann herrscht betretenes Schweigen. Aber sonst, wissen unsere Nachbarn vom grossen Kanton alles...oder glauben es wenigstens. Merkel gibt die Richtung vor

    • Fammi Volare am 06.05.2016 14:38 Report Diesen Beitrag melden

      weltfremd

      Aber Sie wissen schon, dass man in D (wie auch in anderen EU Ländern) nach 5 Jahren einen Pass bekommt? Die (einstigen SVP Propaganda-) 20% sind vielleicht in den letzten 5 Jahren hinzugestossen. Bei Gelegenheit mal durch Frankfurt oder Berlin laufen, oder einmal einer Türkendemo mit paar 10'000 enden beiwohnen. Die Deutschen wissen nur allzugut wie stark die Türkei im Lande vertreten ist.

    • HerrCool.es am 06.05.2016 20:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Fammi Volare

      Selber schuld! CDU zu lange an der Macht! In welcher Demokratie gibt es keine Amtszeit-Beschränkung für Präsident, bzw. Kanzler/in? Die Groko hat sehr sehr wenig mit Basis-Demokratie zu tun

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  • Eftelia am 06.05.2016 13:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Einer für fast 74 Millionen!

    Pressefreiheit ist eingeschränkt, alle Kritiker werden verhaftet. In der Türkei gibt es keine "Mitte" mehr entweder ist man für Erdogan oder gegen. Das ist meiner Meinung nach keine Gesunde Entwicklung.

    • John Livers am 06.05.2016 14:04 Report Diesen Beitrag melden

      @ Eftelia

      Was? 74 Millionen, wenn man alle Türken in Europa dazu Zählt sind es locker das Doppelte.

    • MKA1919 am 06.05.2016 20:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @John Livers

      zur Info: In der Türkei leben im Moment knapp 80 mio Türken und auf der ganzen Welt noch ca 10-15 mio.

    • Eftelia am 06.05.2016 23:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @MKA1919

      Infrastruktur ist immer noch nicht fähig alle Geburten zu registrieren in der Türke! Viele alte Leute haben nicht mal einen Ausweis. Wenn man dass in Betracht sieht dürften es ein paar Millionen mehr sein.

    • MKA1919 am 07.05.2016 12:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Eftelia

      aber noch lange nicht doppelt soviel... höchstens 1 mio

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