Arber Bullakaj (SP)

12. September 2015 11:59; Akt: 12.09.2015 11:59 Print

«Die Zeit ist reif für einen Balkan-Nationalrat»

von J. Büchi - Arber Bullakaj will als erster kosovarischer Politiker ins Bundeshaus. Die Secondos bräuchten eine Stimme in Bern.

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Arber Bullakaj will hoch hinaus. (Bild: 20 Minuten/ jbu)

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Am Anfang von Arber Bullakajs politischer Karriere standen Schafe. Genauer: Die schwarzen Schafe, mit denen die SVP 2007 für ein Ja zur Ausschaffungsinitiative warb. «Plötzlich war die ganze Schweiz mit diesen Plakaten zugepflastert, die suggerierten, dass Ausländer kriminell seien», erinnert sich der gebürtige Kosovare. Das wollte er nicht auf sich sitzen lassen. Im Alter von 21 Jahren beschloss er, selber in die Politik zu gehen.

Damals hatte er gerade den Schweizer Pass erworben. Heute, acht Jahre später, ist Bullakaj Vizepräsident der SP Kanton St. Gallen, sitzt im Wiler Stadtparlament und kandidiert für den Nationalrat. «Ich bin nicht der Typ Mensch, der die Faust im Sack macht. Ich will etwas bewirken.» Bullakaj spricht St. Galler Dialekt, während des Gesprächs trinkt er ein Rivella blau.

«Ich denke auch gewinnorientiert»

Auf den ersten Blick entspricht der 29-Jährige nicht dem Klischee des typischen Sozialdemokraten. Der selbständige Unternehmer trägt ein weisses Hemd und einen grauen Anzug. Für das Treffen hat er das Restaurant Loft Five in der Zürcher Europaallee vorgeschlagen. Die Wahl überrascht, zumal linke Kritiker das Luxus-Quartier als Symbol des Kapitalismus bezeichnen. Bullakaj siehts pragmatischer: Er arbeite in der Nähe an einem Projekt, und das Lokal gefalle ihm.

Er finde es nicht verwerflich, wenn Leute Geld verdienen wollten: «Als Unternehmer denke ich auch gewinnorientiert.» Für ihn sei es jedoch zentral, dass dabei die Verantwortung für sozial Schwächere nicht auf der Strecke bleibt. Im Balkan sei es selbstverständlich, dass sich Familienmitglieder und Nachbarn umeinander kümmerten. «Man stirbt nicht im Altersheim, sondern wird bis zuletzt vom Umfeld gepflegt.» Weil die Schweizer individueller organisiert seien, sei es umso wichtiger, die Menschen am Rand der Gesellschaft zu schützen. «Dieses Engagement ist es, was mir an der SP gefällt.»

«Ein unmenschlicher Blödsinn»

Bullakaj war acht Jahre alt, als er mit seiner Mutter und drei Geschwistern in die Schweiz kam. Als die ethnischen Spannungen im Kosovo zunahmen, folgten die fünf dem Vater in die Schweiz. Dieser arbeitete bereits seit den 80er-Jahren als Saisonnier hier – in der Landwirtschaft, als Dachdecker und Fabrikarbeiter. In seinen ersten Lebensjahren hatte Arber deshalb kaum etwas von seinem Vater. «Das Saisonnier-Statut ist ein unmenschlicher Blödsinn», sagt er heute. «Man reisst Familien auseinander, holt nur die Männer her und bezahlt ihnen Hungerlöhne – da sind Probleme vorprogrammiert.»

Die Integrationspolitik steht neben Wirtschaftsthemen im Zentrum von Bullakajs politischem Interesse. Im Wiler Stadtparlament kämpft er für tiefere Einbürgerungsgebühren und kürzere Wohnsitzfristen im Kanton St. Gallen. «Wie lange eine Person schon im selben Kanton lebt, ist weniger entscheidend als ob sie gut integriert ist und die Sprache beherrscht», ist Bullakaj überzeugt. Grundsätzlich sei es der falsche Weg, Einbürgerungswilligen möglichst viele Steine in den Weg zu legen. «Das ist wie in einem Unternehmen: Fördert man die Mitarbeiter, zahlt sich das aus.»

Bullakaj selber wartete nicht darauf, bis ihn jemand förderte. Mit neun, beim Übertritt von der Integrationsklasse in die normale Schule, bestand er darauf, direkt in die vierte Klasse gehen zu dürfen. Er wollte kein Jahr verlieren. Nach der Wirtschaftsmittelschule legte er in einem globalen Consulting-Unternehmen eine steile Karriere bis in die Geschäftsleitung hin. Seit drei Jahren nun führt er seine eigene Consulting-Firma. «In der Schweiz kann jeder alles erreichen – die Frage ist, wie viel Mühe man dafür aufbringen muss.» Viele Secondos scheiterten am Versuch, Vorurteile und politische Hürden zu überwinden. Gerade deshalb bräuchten sie in Bundesbern eine Stimme.

Wermuth und Levrat als Vorbilder

«Ich will an den Wahlen nicht nur ein gutes Resultat machen, ich will gewählt werden», stellt Bullakaj klar, und lacht schelmisch. Bei Listenplatz 9 und nur zwei bisherigen St. Galler SP-Nationalräten sind seine Chancen mathematisch gesehen nicht gerade gross, das weiss er. «Die Unterstützung, die ich seit Bekanntgabe meiner Kandidatur erfahren habe, ist aber so überwältigend, dass mir alles möglich erscheint.» Immer mehr freiwillige Helfer hätten sich bei ihm gemeldet. «Auch die Rückmeldungen auf der Strasse zeigen mir: Es ist Zeit für den ersten Nationalrat aus dem Balkan.»

Geht sein ehrgeiziger Plan auf, politisiert Bullakaj schon ab Dezember Seite an Seite mit seinen Vorbildern. Er schwärmt von Parteikollegin Barbara Gysi («eine sehr konsequente Politikerin»), Parteipräsident Christian Levrat («ein ausserordentlich guter Stratege ») und Nationalrat Cédric Wermuth («ein grosser Rhetoriker»). Im Wahlkampf kann er auch auf die volle Unterstützung seiner Ehefrau Barbara zählen. «Sie ist mein grösstes Glück», sagt er stolz.