Coronavirus

27. Februar 2020 21:07; Akt: 28.02.2020 09:35 Print

«Die aktuelle Epidemie ist nicht mehr aufzuhalten»

Ein Experte erwartet einen schnellen Anstieg der Anzahl Erkrankungen. Das BAG bereitet sich darauf vor.

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Richard Neher ist Professor am Biozentrum der Universität Basel und Experte für die Verbreitung von Viren. Für ihn ist klar, dass sich die aktuelle Epidemie nicht mehr aufhalten lässt. In den nächsten Tagen rechnet er mit einer schnellen Zunahme der Erkrankungen. 36 Barttypen – doch welche davon sind mit Atemschutzmasken kompatibel? Die US-Gesundheitsbehörde CDC zeigt auf, welche Styles am sichersten sind. Um sich vor einer Ansteckung mit dem neuen Coronavirus zu schützen, setzen viele Menschen auf Masken, wobei man zwischen Hygiene- und Atemschutzmasken unterscheiden muss. Die einfachen (Bild) sind nach zwei bis drei Stunden durchgefeuchtet. Daher müssen sie dann spätestens ausgetauscht werden. Nur so können sie leisten, wofür sie gedacht sind: die Übertragung von Erregern durch Sekrettröpfchen zu verhindern. Schutz für den Träger bieten sie jedoch nicht. Anders : Je nach FFP-Schutzklasse schützen sie vor ungiftigen Stäuben (FFP1), vor giftigen Stäuben (FFP2) oder vor giftigen und gesundheitsschädlichen Stäuben, Rauch und Aerosolen (FFP3). Um sich vor dem Virus Sars-Cov-2 zu schützen, wird zu FFP3 geraten. Momentan sind die Masken fast überall ausverkauft. Bei Sars-Cov-2 (Bild) handelt es sich um ein Virus, nicht um ein Bakterium. Der Unterschied? Während Bakterien Einzeller mit eigenem Stoffwechsel sind, die sich selbst reproduzieren können, bestehen Viren nur aus einer Eiweisshülle, in der sie ihre Erbsubstanz aufbewahren. Um sich zu vermehren, sind sie auf einen Wirt (Zellen) angewiesen. Unterschiede gibt es auch hinsichtlich der Behandlung: Gegen Bakterien verwendet man Antibiotika, die die Zellwand zerstören oder die Vermehrung hemmen. Gegen Viren werden spezielle Medikamente, sogenannte Virostatika, eingesetzt, die das Eindringen des Virus in einen Wirt verhindern oder das Erbgut des Virus zerstören. (Im Bild: Sars-Cov-2-Partikel) Ersteres beschreibt den Moment der Ansteckung, in dem der Erreger in den Organismus eindringt und diesen im Folgenden stört. Das verrät auch der lateinische Ursprung. Das Wort «infectio» bedeutet so viel wie Vermischung, Verunreinigung, Vergiftung. Die Inkubation (Latein «incubatio») beschreibt dagegen die Zeit, die zwischen der Infektion und dem Auftreten der ersten Symptome vergeht. Während dieser vermehren sich die Keime und die Erkrankung etabliert sich im Körper. Bei Covid-19 geht man von einer Inkubationzeit von bis zu 14 Tagen aus. In seltenen Fällen kann sie aber auch bis zu 24 Tage dauern. Der lateinische Ursprung ist auch die Erklärung dafür, warum es beispielsweise infizieren heisst und nicht infiszieren, wie häufig zu hören ist. Auch heisst es Desinfektion und nicht Desinfikation. Bei Ersterem handelt es sich um ein Anzeichen einer Krankheit. Das heisst um eine für eine bestimmte Krankheit charakteristische Erscheinung. Der Ausdruck stammt vom Griechischen «sýmptoma», was Zusammenfall, vorübergehende Eigentümlichkeit bedeutet. Auch der Begriff Syndrom stammt aus dem Griechischen. Konkret vom Ausdruck «syndromé», der «das Zusammenlaufen, Zusammenkommen» bedeutet. Und tatsächlich beschreibt ein Syndrom exakt das: ein Krankheitsbild, das sich aus dem Zusammenkommen von verschiedenen Symptomen ergibt. Ersteres beschreibt eine zeitlich und örtlich in besonders starkem Masse auftretende und ansteckende Erkrankung. Darunter fällt etwa Bei einer Pandemie handelt es sich dagegen um eine Epidemie besonders grossen Ausmasses, die ganze Landstriche und Länder erfasst. Ihre Bezeichnung stammt aus dem Griechischen – «pan» für «alle, jeder» und «demos» für «Volk». (Im Bild: Spanische Grippe, die von 1918 bis 1920 grassierte.) Heisst es nun ? Erlaubt ist beides: Ein Virus kann sowohl ein Neutrum als auch maskulin sein. Allerdings empfiehlt der Duden den sächlichen Artikel. Der Ausdruck Virus stammt aus dem Lateinischen, wo «virus» Schleim oder Gift heisst. Das lateinische Substantiv ist ein Neutrum, was den sächlichen Artikel im Deutschen erklärt. Beim kommt es auf die Kombination von Einseifen, Reiben, Abspülen und Trocknen an, sonst bringt es nichts. Das heisst: Die Hände nass machen, dann einseifen, am besten mit Flüssigseife. Die Hände reiben, bis es schäumt. Dabei Handrücken, Fingerzwischenräume, Fingernägel und die Handgelenke nicht vergessen. Anschliessend gut abtrocknen. Es heisst und nicht Karantäne, wie manch einer schreibt. Der Begriff leitet sich vom französischen Wort «quarantaine» ab, was eine Zeitspanne von 40 Tagen bezeichnet. So lange dauerte früher die Hafensperre für Schiffe mit seuchenverdächtigen Personen.

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Neun bestätigte Fälle des Coronavirus gibt es derzeit in der Schweiz, rund 20 Menschen sind in Quarantänestationen isoliert. Acht Infizierte haben sich in Italien angesteckt, ein Mann aus dem Kanton Waadt stammt aus Frankreich. Die nackten Zahlen klingen, allein betrachtet, wenig erschreckend. Dennoch bereitet sich der Bund auf ein Szenario vor, in dem das Virus sich unkontrolliert verbreitet. Das war am Donnerstag eine der Kernaussagen der Medienkonferenz des Bundesamts für Gesundheit (BAG).

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«Sobald wir es nicht mehr schaffen, mit dem Contact Tracing und dem Isolieren der Fälle einen wesentlichen Beitrag zur Verlangsamung der Epidemie beizutragen, müssen wir die Strategie ändern», sagte Daniel Koch, Leiter der Abteilung Infektionskrankheiten des BAG, vor den Medien. Der Grund sei einfach: «Wir müssen in dem Moment die Kräfte der Fachleute und der Spitäler auf die Personen ausrichten, die schwerer erkrankt sind.» Dann seien die negativen Auswirkungen nicht so gross. «Wann wir diese Massnahme verhängen, hängt nicht von einer konkreten Fallzahl ab, sondern von der Schnelligkeit der Ausbreitung. Es kann aber relativ schnell geschehen», sagte Koch.

«Jeder Erkrankte steckt zwei bis drei weitere an»

Auch Richard Neher, ausserordentlicher Professor am Biozentrum der Universität Basel und Experte für die Evolution und Verbreitung von Viren, geht davon aus, dass wir in den nächsten Tagen einen schnellen Anstieg der Fallzahlen sehen werden. «Eine Ausbreitung des Virus zu verhindern, ist bereits nicht mehr möglich», sagt Neher. «Wir können die Ausbreitung lediglich verlangsamen.» Das Problem einer Epidemie sei, dass das Virus sich wie bei einem Schneeballsystem ausbreite: «Eine erkrankte Person steckt im Durchschnitt zwei bis drei weitere Personen an. Deshalb verbreiten sich Viren bei einer Epidemie so schnell.»

Bei diesen Zahlen könne es Ausreisser nach oben wie nach unten geben: «Wenn jemand isoliert und ohne Kontakt zu anderen Menschen erkrankt und auch wieder genest, kann er natürlich niemanden anstecken. Begibt sich ein Erkrankter aber beispielsweise an ein Konzert oder an einen anderen Ort, an dem sich viele Menschen auf engem Raum aufhalten, kann er auf einen Schlag Dutzende von anderen Menschen anstecken», sagt Neher.

Epidemie könnte schon in wenigen Tagen ausser Kontrolle geraten

Laut dem Experten macht es keinen Sinn mehr, die Infektionskette nachzuvollziehen und so zu versuchen, die Ausbreitung aufzuhalten, sobald sich auf einen Schlag Dutzende von Menschen anstecken. «Dann geht uns schlicht das Personal aus, um die einzelnen Kontakte zu eruieren.» Danach gehe es nur noch darum, die Ausbreitung zu verlangsamen.

Das Beispiel Italien habe gezeigt, dass es nur wenige Tage dauern kann, bis es so weit ist. Zwischen dem 22. und dem 24. Februar stieg die Anzahl bestätigter Erkrankungen dort von 79 auf 239. Obwohl die Regierung ganze Dörfer absperrte, sind mittlerweile bereits über 400 Erkrankungen bestätigt.

Sobald die Behörden sich auf eine Verlangsamung der Ausbreitung des Virus konzentrieren, liegen die nächsten Schritte laut Neher auf der Hand: «Je mehr Kontakt Erkrankte zu anderen Menschen haben, desto grösser ist die Gefahr, dass sie jemanden anstecken. Dann müssen Themen wie Homeoffice, die Absage von Grossveranstaltungen oder das Meiden der öffentlichen Verkehrsmittel angesprochen werden», sagt Neher.

Im schlimmsten Fall drohen Zustände wie in Wuhan

Der Experte skizziert gegenüber 20 Minuten ein bestmögliches und ein schlimmstmögliches Szenario für die Schweiz: «Im besten Fall breitet sich das Virus jetzt langsam aus und die Zahl der Neuansteckungen erreicht im Sommer einen Tiefststand. Bis im Herbst ist eine effiziente Impfung jedermann zugänglich. So könnte die Epidemie relativ schnell in den Griff gekriegt werden.»

Zum Worst-Case-Szenario sagt Neher nur: «Wuhan.» In der chinesischen Metropole ist das Virus erstmals ausgebrochen. Die Regierung hat schnell drastische Massnahmen eingeleitet und die Stadt abgeriegelt. Mehr als acht Millionen Menschen dürfen die Stadt nicht verlassen, trotzdem leiden schon jetzt Tausende unter der vom Coronavirus verursachten Lungenkrankheit.

(dgr)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Cs am 27.02.2020 21:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schon lange

    schon lange zu spät! Ihr habt zu lange zugesehen und nichts unternommen!

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  • jetzt geht's los am 27.02.2020 21:14 Report Diesen Beitrag melden

    "...müssen wir die Strategie ändern"

    Konnte bisher irgend jemand im Tun des BAG so etwas wie eine Strategie erkennen? Bitte melden!

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  • Nadia Kunz am 28.02.2020 00:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Harmlos od gefährlich - was nun????

    Was ich nicht verstehe, ist, dass das BAG immer wieder betont, wie harmlos u ungefährlich das Coronavirus sei u trotzdem werden Schulen, Kitas u öffentl. Gebäude geschlossen u die Menschen müssen in Quarantäne usw.... Das BAG sagt, das Grippevirus sei viel schlimmer... aber es wurde deswegen noch nie so ein TAM TAM veranstaltet??????????

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Neumann am 15.03.2020 17:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ja

    Das sind die Auswirkungen der Globalisierung und vorallem des Kapitalismus. In einem reinen sozialistischen System wäre sowas nie vorgekommen. Jetzt ein paar Monate alle Grenzen dicht, kein Import, kein Export, kein Handel und auch keine Reisen, jeder bleibt wo er ist. Jetzt haben die Kapitalisten die Folgen ihres Tuns zu tragen, sollen die jetzt auch diese Corona-Kosten tragen und nicht wieder die Büezer und Rentner wie immer!

  • Dan y el am 09.03.2020 11:41 Report Diesen Beitrag melden

    Verhaeltnissmaessigkeit

    Am Coronavirus sind bis jetzt weniger als 4000 weltweit gestorben. An den Folgen der Luftverschmutzung sterben jaehrlich 8000000.

  • Karl Mos am 01.03.2020 21:30 Report Diesen Beitrag melden

    Wo ist unser Recht

    1 Woche im BL wie lange noch bis Ihr endlich den Eltern die es wollen erlaubt die Kinder zurück zu behalten ohne Busse. Verstehe ja das man kein General Verbot machen kann. Es sind unsere Kinder Ihr macht schon genug Handel hinter geschlossenen Türen mit Ihnen müsst Ihr nun auch noch uns Eltern Nötigen. Es sollte doch nun jedem selbst überlassen sein.

  • CH-Meinung am 01.03.2020 19:30 Report Diesen Beitrag melden

    Angesteckte stecken immer weitere an

    Alles gleicht einem Rattenschwanz ohne Ende. Der Corona-Virus muss in Grenzen gehalten werden, d.h. Grenzen müssten auf unbestimmte Zeiit total geschlossen werden, sonst geht verteilt / weitet / sumiert sich das Carona-Virus weiter aus und die die Sache wird unübersichtlich.

    • M.D. am 05.03.2020 00:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @CH-Meinung

      Am besten bleibt für 3 wochen die gesamte schweiz zuhause, damit jeglichste kmu zugrunde gehen und die wirtschaft den bach runter geht. ansonsten abwarten und dann sorgen machen wenn man den virus hat ;))

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  • Winterwonderland am 01.03.2020 18:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Restaurants

    Ich hätte da ein paar Fragen: War gestern Abend & heute Morgen an verschiedenen Orten Essen & Trinken, weil es anders nicht ging: Das Personal räumt schmutziges Geschirr weg & greift sofort neue Sachen zum Servieren. Die Gläser werden überall im Randbereich angefasst, wo man trinkt. Kalte Speisen werden serviert.. Ich habe NIEMANDEN gesehen, der Hände wäscht oder desinfiziert. Alle gehen sie mal mit den Händen ins Gesicht und wieder ans Geschirr... Habe ich etwas nicht begriffen oder fehlt in der Gastronomie völlig die Kontrolle. Ich verschiebe jedenfalls meine Auswärtsbesuche