Post-Generation Y

06. April 2016 16:37; Akt: 06.04.2016 16:37 Print

«Die heutigen 15-Jährigen sind total kaltherzig»

von R. Landolt - Die Psychologin Martina Leibovici-Mühlberger warnt vor der nächsten Generation. Sie sei «essgestört, chillbewusst und tyrannisch».

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«Kinder werden heute wie Prinzen behandelt, das macht sie kaltherzig oder gar soziopathisch», sagt Jugendpsychologin Martina Leibovici-Mühlberger. (Ausschnitt aus Filmplakat zu «Richie Rich», Warner)

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Frau Leibovici, Ihr neues Buch trägt den Titel «Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden: Warum wir nicht auf die nächste Generation zählen können.» Was läuft schief?
Die Gesellschaft verrät und instrumentalisiert die Kinder. Eltern nehmen ihre Erziehungsverantwortung nicht wahr. Wir erklären ihnen im Namen der grossen Freiheit und der Individualität, dass sie einzigartig sind, Prinzen, die alles machen können und alles ausprobieren sollen. Als Folge dieser Mass- und Grenzenlosigkeit sind viele Kinder essgestört, chillbewusst, leistungsverweigernd, tyrannisch und voll Widerstand.

Umfrage
Finden Sie, die heute 10- bis 15-Jährigen seien Tyrannenkinder?
64 %
11 %
15 %
6 %
4 %
Insgesamt 11491 Teilnehmer

Wie werden sie als Erwachsene sein?
In ein paar Jahren werden sie auf die harte Realität treffen. Schon im Schulalter, spätestens aber als junge Erwachsene wird ihnen klar werden, dass sie keine Prinzen mehr sind. Allerdings werden sie nicht mehr aufholen können, was sie in der Kindheit verpasst haben – zu lernen, wie man sich selbst managt. Sie bleiben in der narzisstischen Selbstspiegelung hängen.

Was bedeutet das für die Umwelt?
Schon jetzt sehe ich in der Praxis, dass viele Kinder total kaltherzig sind. Da denke ich beispielsweise an eine 15-jährige Rudelführerin. Sie setzte in der Gruppe durch, dass diese ein anderes Mädchen mit einem Bannfluch belegte. Das Mädchen wurde so gemobbt, dass es zusammenbrach – was in der Gruppe grosse Belustigung auslöste. Nicht nur kaltherzig, sondern bereits soziopathisch finde ich den Fall eines 17-Jährigen: Er benutzte den Wagen seiner Mutter alkoholisiert, beging grobe Sachbeschädigung und verletzte bei der Festnahme auch noch Polizisten. Er und seine Peergroup schätzten das Ganze als «cool» ein. Als Erwachsene werden solche Kinder wenig humanistische Züge haben. Es wird nur um den Einzelnen und seine Vorteile gehen. Besonders die Alten werden dies zu spüren bekommen. Die Bereitschaft, sie zu pflegen, wird weiter abnehmen.

Wie alt sind die Kinder, von denen Sie sprechen?
Als Massenphänomen von den heute 10- bis 15-Jährigen. Vereinzelt betrifft es auch die heute 25- oder 30-Jährigen.

Egozentrik sagt man doch schon den 18- bis 30-Jährigen nach – der viel zitierten Generation Y. Und doch zeigen Umfragen, dass sie politisch interessiert sind, sich fest freiwillig engagieren, bei der Arbeit gute Teamplayer sind und viele Freunde haben.
Diese Statistiken zeigen nur eine Seite der Medaille: Vertreter der Generation Y gehen zwar rasch Bindungen ein, sind aber auch schnell wieder draussen. Kooperation bei der Arbeit bedeutet denn auch nicht, dass man gute Beziehungen miteinander hat, sondern gut kommuniziert. Das Ziel dieser guten Kommunikation ist oft, den anderen zu benutzen.

Inwiefern unterscheidet sich die Generation Y von den «Prinzen», wie Sie sagen?
Die Generation Y hat noch genügend Selbst-Management-Fähigkeiten erworben. Klar gibt es auch unter den heute 10- bis 15-Jährigen Personen, die sich selbst organisieren können. Im Schnitt aber sind sie mit einem Prinzen-Status aufgewachsen. Werden sie mit hohen Anforderungen konfrontiert, sind sie schnell überfordert. Eine Lehrerkollegin hat bei vielen Kindern Bedenken, dass sie überhaupt fähig sein werden, im Arbeitsmarkt zu genügen.

Geraten Sie nicht in die Falle, alles schwarz zu malen – im Sinne von «früher war alles besser»?
Überhaupt nicht. Das mag Sie nun verwundern: Ich denke, dass wir in der besten aller bisher möglichen Welten leben. Jetzt stehen wir am Scheideweg. Sie könnte noch besser werden, aber sich auch in die gegenteilige Richtung entwickeln. Das können wir nur verhindern, wenn wir uns bewusst werden, wie wichtig Kinder sind. Und sie nicht als Konsumgut betrachten.

Kinder sind Konsumgüter?
Ja, die Eltern instrumentalisieren sie als Produkte ihrer Anstrengungen – oft getrieben durch falsche Erziehungs-Grundsätze. Ich spreche auch von Projektkindern. Die Eltern schweben wie Helikopter über ihnen, erlauben ihnen alles und glauben, dass sie so am besten für ihr Wohl sorgen. Das hat aber nichts mit Erziehungsverantwortung zu tun.

Also sollte man wieder mehr Disziplin üben, mehr Grenzen setzen?
Nein, das meine ich nicht so. Mehr Grenzen sollte man dann setzen, wenn das Verhalten des Kindes zeigt, dass es das benötigt: Macht ein Achtjähriger seine Hausaufgaben selbstständig, soll er dies tun können. Macht er es nicht, muss ich ihm klarmachen, dass er sie machen soll. Ein weiteres Beispiel: Will meine 4-jährige Tochter bei Minustemperaturen Sandalen anziehen, verbiete ich ihr das. Will sie aber zu ihrem violett-blauen Kleid grün-gelb gestreifte Strumpfhosen anziehen, ist das ihre Entscheidung. Heute überlassen viele Eltern den Kindern viel zu viel Selbstverwaltung.

Ist diese Diskussion nicht ein alter Hut? Den Laissez-faire-Erziehungsstil der 68er kritisiert man doch schon seit mehreren Jahren.
Ja, aber das Problem ist, dass die Empfehlungen nicht umgesetzt wurden. Der Erziehungsinstinkt der Eltern ist nach wie vor schwach. Grenzen setzen klingt nach Freiheitsberaubung, Individualitätsbeschränkung. Das kollidiert mit der heutigen Gesellschaftsnorm, in der man sagt, man solle die Kinder tun lassen, was sie wollten.

Sie sind Mutter von vier Kindern. Sind auch sie manchmal kaltherzig, essgestört, chillbewusst, leistungsverweigernd oder tyrannisch?
Gott sei Dank bisher nicht! Wir hatten auch als Familie Herausforderungen zu bewältigen: ein plötzlicher Todesfall und eine schwere Erkrankung des Vaters. Das hat uns aber die realen Werte des Lebens noch mehr vor Augen geführt und uns darin bestätigt, dass wir auf Bindung und Beziehung setzen sollten.

Sind Sie mehr als 16 Jahre alt und finden, die Jugendpsychologin liege falsch?

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Daniel Vuilliomenet am 04.04.2016 06:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alles Hochbegabte

    Kinder gelten in den Augen gewisser Eltern schon als hochbegabt, wenn sie alleine atmen können...

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  • Verena C. am 04.04.2016 05:41 Report Diesen Beitrag melden

    Gebären und dann ?

    Kinder gebären und dann keine Zeit mehr haben für diese, so sieht das heute aus. Man gibt diese ab und geht den eigenen Interessen nach.

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  • Heidi Keller am 04.04.2016 05:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Düstere Aussichten

    Die Frau hat leider recht. Nur nützt es nichts, weil die heutigen Eltern gar nicht verstehen, was sie sagt. Und ihre Bälger weiterhin nicht erziehen, sondern verwöhnen, betreuen, hätscheln. Bis aus ihnen kaltherzige, erwachsene Mo stet geworden sind.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Pascal2605 am 21.04.2016 13:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    3 Kritikpunkte am Text

    Grundsätzlich hat sie recht, allerdings habe ich 3 Kritikpunkte: 1. Sie kritisiert in ihrem Bericht auch die Kinder(bzw.10-15-jährige), jedoch werden diese ja von ihrem Umfeld(Also grösstenteils den Eltern) zu dem gemacht, was sie sind und 2. hatte man diese Meinung von Jugendlichen schon seit die Menschheit existiert und man kann schlecht überprüfen, ob das jetzt schlimmer oder besser ist. Der 3. Punkt wäre, dass von Kindern auch immer mehr verlangt wird und sie vlt. deswegen mehr von ihrem Umfeld verlangen, dh. sie wollen sozusagen eine Belohnung für ihre Leistung? Ansonsten ein sehr guter Text, verstehe auch nicht, wie man die eigenen Kinder so vernachlässigen kann...

  • Reeto Theber am 06.04.2016 19:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Meins...

    Mein Haus, mein Auto, mein Schiff, meine Frau, meine Kinder... Wie es die Werbung vormacht!

  • marius am 06.04.2016 19:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ahv

    die kommen einmal alle für unsere AHV auf toll, freue mich darauf, diese Generation arbeitet aber nicht 100% . toll.

  • PDS am 06.04.2016 19:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sorgenlos

    Vielleicht trifft die harte realität ja auf uns ;)

  • Nationless am 06.04.2016 19:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Beunruhigt

    Was mich befremdet ist, dass offenbar gegenüber Mitmenschen kaltherzig sind aber gegenüber Tieren oh Wunder sehr barmherzig sind.