Gewalt an Frauen

26. November 2008 16:02; Akt: 27.11.2008 10:27 Print

«Die sexuelle Gewalt ist ein grosser Faktor»

von Amir Mustedanagic - In der Schweiz sterben jährlich 25 Frauen an den Folgen von Gewaltanwendung durch ihre Partner. Das Problem zieht sich durch alle Schichten und manchmal genügt schon der Kauf der falschen Orangensorte, sagt Expertin Barbara Dahinden im Interview mit 20 Minuten Online.

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20 Minuten Online: Frau Dahinden, trotz Kampagnen und verschärften Gesetzen hat die Zahl der Fälle von Gewalt an Frauen in den vergangenen Jahren zugenommen. Warum?
Barbara Dahinden: Früher gab es keine Erhebung zu diesem Thema. Aufgrund der gesetzlichen Besserstellung der Frauen im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt werden heute sicher mehr Fälle gemeldet. Deshalb ist es schwierig zu sagen, ob es sich um einen zunehmenden Trend handelt. Aber die Dunkelziffer dürfte noch um einiges grösser sein.

Gewalt gegen Frauen wird meist mit Ausländern aus der Unterschicht in Verbindung gesetzt. Stimmt dieses Bild?
Nein, überhaupt nicht. Gewalt an Frauen ist kein reines Ausländer-Problem. Es gibt auch gut ausgebildete Schweizerinnen, die von ihren gut ausgebildeten Schweizer Männern geschlagen werden. Gewalt gegen Frauen zieht sich durch alle Schichten: vom kleinen Arbeiter bis zum Akademiker. Das hat nichts mit Bildung oder Einkommen zu tun.

Was ist dann das Problem?
Eine grosse Rolle spielen immer noch die bestehenden Rollenbilder von Mann und Frau. Der Mann ist immer noch gefangen im Bild, er müsse Kontrolle über seine Frau ausüben. Wenn dies nicht der Fall ist, fürchtet er um sein Ansehen und verliert sein Selbstwertgefühl. Ein weiterer Aspekt ist, dass die Männer wenig Erfahrung im Umgang mit ihren Aggressionen haben. Männer werden mehr als Frauen zum «Cool-Sein» erzogen. Deshalb sind Gefühle für Männer häufig ein Tabuthema.

Was sind die Auslöser solcher Gewaltausbrüche?
Es gibt zwei verschiedene Grundformen von Gewalt. Einerseits sind es spontane Gewaltausbrüche, die zum Beispiel durch einen Streit ausgelöst werden. Anderseits ist es das systematische Macht- und Kontrollverhalten, das Männer zu Gewalt verleitet. In diesen Fällen kann die Frau tun, was sie will, der Mann wird immer einen Grund finden sie zu schlagen oder einzusperren. Auslöser dazu kann alles sein – der Kauf der falschen Orangensorte, ein schiefer Blick zum Partner oder einfach dessen schlechte Laune. Dieses Gewaltverhalten ist typisch für gewaltätige Männer in einer Beziehung. Die eigene Ohnmacht und Frustration wird über die Gewalt an der Frau stabilisiert.

Welche Art von Gewalt steht bei häuslicher Gewalt im Vordergrund?
Nebst Schlägen ist die sexuelle Gewalt ein grosser Faktor. Der Mann erzwingt dies oft nicht nur mit physischer Gewalt, sondern mit Drohungen gegen die Frau oder auch gegen sich selbst. Ein häufiges Druckmittel ist auch der Geldentzug.

Viele Frauen gehen trotzdem immer wieder zurück zu ihrem prügelnden Ehemann. Warum?
Die Frauen hoffen darauf, dass die ursprünglichen Liebesbeziehung wieder hergestellt werden kann. Sie setzen grosse Hoffnungen in die Beteuerungen des Mannes, es nie wieder zu tun. Das macht es für die Frauen schwierig, die Konsequenzen aus den Übergriffen zu ziehen.

Auch die Gewalt von Frauen an Männern steigt laut Statistik. Könnte das bald zum ähnlich grossen Problem werden?
Das ist ein extrem tabuisiertes Thema. Für einen Mann ist es noch viel schwieriger zu sagen: «Ich bin ein Opfer, ich komme alleine nicht klar und brauche Hilfe.» Aber das Tabu wankt. Immerhin gibt es jetzt bereits Statistiken zu diesen Fällen und auch Beratungsstellen für Männer. Zu einem ähnlich grossen Problem wie bei Frauen wird es aber kaum werden.