Todesdrohung an Tamilen

27. März 2012 21:24; Akt: 28.03.2012 11:11 Print

«Dies ist unsere letzte Warnung»

von Joel Bedetti - Weil sie an Demos für einen tamilischen Staat gingen, haben Tamilen in der Schweiz Drohbriefe erhalten. Absender könnte der Geheimdienst Sri Lankas sein.

storybild

«Wir sind nur ab und zu an Demonstrationen gegangen»: Tamilen vor dem Bundeshaus, März 2009. (Bild: Keystone/Peter Schneider)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Einige Schweizer Tamilen erhielten letzte Woche unfreundliche Post: einen gelben Umschlag, aufgegeben in der Waadtländer Seegemeinde Bursins. Inhalt: Ein Drohbrief auf Tamilisch und in einigen Fällen auch eine CD mit einer ähnlichen Botschaft.

Und die lautet: «Wir warnen die Unterstützer der LTTE (siehe Box) ein letztes Mal.» Wenn im Ausland lebende Tamilen weiterhin für einen freien tamilischen Staat kämpften, führe dies zum «Untergang des tamilischen Volkes». Der oder die Verfasser des Briefes raten den Tamilen, die sie als «Bürger zweiter Rasse» diffamieren, künftig auf Facebook und Twitter «keine unrichtigen Informationen über die Regierung Sri Lankas zu verbreiten».

Zudem wird davor gewarnt, mit namentlich genannten Exil-Tamilen in Indien, Kanada Frankreich und England gemeinsame Sache zu machen. «Die vorgesehene Strafe dafür wird die Todesstrafe sein.»

«Sie lassen uns nicht in Ruhe!»

Wie viele Personen den Brief erhalten haben, lässt sich zurzeit nicht sagen. Recherchen von 20 Minuten Online zufolge haben aber mindestens ein Dutzend Personen, vor allem im Raum Bern, einen solchen Brief erhalten. «Meine Eltern haben panische Angst, und auch ich traue mich fast nicht mehr aus dem Geschäft», sagt eine Tamilin aus Bern, die den Brief vergangenen Donnerstag erhalten hat.

Besonders tief sitzt der Schock, weil die Familie wie viele andere aus Angst vor Krieg und Repressalien in Sri Lanka in die Schweiz geflohen ist. «Unsere Feinde lassen uns nicht mal hier in Ruhe», sagt die 20-Jährige. Vor allem aber haben sie sowie andere Betroffene Angst um ihre Angehörigen in Sri Lanka.

Verhaftet und exekutiert

Zu Recht - denn seit dem Sieg über die Tamil Tigers 2009 übt Sri Lanka Vergeltung am Kriegsgegner. Amnesty-International zufolge wurden seither hunderte LTTE-Mitglieder oder deren Angehörige ohne Urteil verhaftet, gefoltert oder exekutiert.

Dabei versichern die Betroffenen, keineswegs Mitglieder der Tamil Tigers zu sein. «Wir haben nur an Demonstrationen vor dem Bundeshaus oder der UNO in Genf teilgenommen, haben Carfahrten dorthin organisiert oder Geld für die Heimat gespendet», sagen sie. «Aber der sri-lankische Geheimdienst hat seine Augen und Ohren überall», sagt ein Betroffener.

Geheimdienst an Demos

Womit wir bei der Frage nach dem Absender des Briefes wären. Aufgegeben wurden die Briefe in der Waadtländer Seegemeinde Bursins. «Vermutlich stehen die sri-lankische Botschaft und der Geheimdienst in Bern dahinter», vermuten die Betroffenen. Obwohl dafür keinerlei Beweise vorliegen, ist der Verdacht keineswegs absurd.

Dem Zürcher Anwalt Marcel Bosonnet zufolge sammelt der sri-lankische Geheimdienst in der Schweiz Informationen über die tamilische Opposition. «Wir wissen, dass in Sri Lanka zahlreiche Personenfotos von angeblichen LTTE-Mitgliedern in der Schweiz kursieren», sagt Bosonnet, der ein Mitglied der Tamil Tigers in den Ermittlungen der Bundesanwaltschaft vertritt. Die Agenten würden beispielsweise an Demonstrationen fotografieren.

Polizei muss übersetzen

Im Sicherheitsbericht des Nachrichtendienstes des Bundes NDB ist in der Rubrik «Verbotener Nachrichtendienst» der Geheimdienst Sri Lankas zwar nicht explizit erwähnt, aber es heisst: «Hier wohnhafte Regimegegner stellen häufig Ausforschungsziele der Dienste ihrer Herkunftsstaaten dar. So versuchten Nachrichtendienste die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an Kundgebungen von Oppositionsgruppen zu überwachen und zu identifizieren. Vor allem in Bern und Genf wurden solche Observationen festgestellt.»

Einige der Drohbrief-Empfänger sind am Montag oder Dienstag zur Polizei gegangen, um Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten. Die Polizei muss jedoch erst noch den Brief übersetzen lassen.