Büezer-Gemeinden

29. Mai 2019 04:49; Akt: 29.05.2019 04:49 Print

«Die Schweiz hat noch nicht genug Akademiker»

von D. Pomper - Strömen Studierte wegen steigender Mietpreise bald in «akademikerlose» Dörfer? Gut möglich, meint der Bildungsökonom Matthias Ammann.

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Die Berner Gemeinde Därstetten hat 855 Einwohner. Zwei davon haben studiert: der Dorfpfarrer und die Dorfärztin. Solche «akademikerlose» Dörfer werden in Zukunft seltener, sagt Bildungsökonom Matthias Ammann. «Die Anforderungen an viele Berufe dürften in Zukunft steigen, so dass sich eine tertiäre Ausbildung auszahlt», sagt Ammann. «Ausserdem ist es auch denkbar, dass Akademiker aus den Städten in Zukunft wieder vermehrt aufs Land ziehen werden. Etwa wegen der hohen Mietpreise oder Steuern und weil abgelegene Regionen dank dem öffentlichen Verkehr immer besser erschlossen sind.» Ammann: «Ländliche Gemeinden besitzen eine hohe Lebensqualität.» «Wir sind sicher nicht dümmer als Studierte», sagt ). Einen schönen Tisch zu schreinern, einen Motor auseinanderzunehmen, technische Abläufe in- und auswendig zu kennen, all das erfordere ebenso einen wachen Geist. Freundin und Pflegefachfrau , die sich schon bald Kinder wünscht, pflichtet bei: «Wir haben hier ein grösseres Wissen über die Natur, eine gesündere Beziehung zur Ernährung und leben nachhaltiger.» Auch das sei eine Art Intelligenz. Während Akademiker die Weltmeere retten wollten, kümmere man sich hier um die lokalen Gewässer. Den Studierten fehle das Geerdete, findet Amanda Wüthrich. Blumendeko am Hauseingang. Katja von Känel (24) ist Sachbearbeiterin in Därstetten. Sie kritisiert, dass die Wertschätzung gegenüber Lehrberufen sinke. Dabei seien Nichtakademiker im Leben standhafter, packten an, ohne tausendmal hin und her zu überlegen. «Studierte sehen das Gute immer im Grossen, in der Globalisierung. Dabei verlieren sie den Blick für die Realität und die einfachen Lösungen», sagt Gemeindepräsident Thomas Knutti (SVP). Für seine Anliegen müsse er im Berner Grossrat viel mehr kämpfen als seine studierten Kollegen. «Dem glaubt man sogar, wenn er die grösste Lüge erzählt.» Knutti vor dem Hof seiner Familie. Ein Gartenzwerg in Knuttis Garten. Knutti ist stolz darauf, dass in seiner Gemeinde fast keine Akademiker leben. In der Berner Gemeinde Därstetten mit 855 Einwohnern gibt es eine Post, ein Schulhaus, eine Beiz und 42 Bauernhöfe.

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Herr Ammann, in Schweizer Städten gibt es immer mehr Akademiker. Warum?
Die Wirtschaft erlebt aufgrund technischer Neuerungen einen stetigen Wandel. Rund 15 Prozent der Arbeitsstellen gehen jedes Jahr verloren, mindestens so viele werden aber wieder neu geschaffen. Der hiesige Arbeitsmarkt fragt heute mehr Arbeitskräfte mit höheren Qualifikationen nach. Die Nachfrage nach Personen mit mittleren Qualifikationen dagegen sinkt.

Nehmen Akademiker weniger gut qualifizierten Arbeitskräften die Jobs weg?
Nein, im Gegensatz zum Ausland beobachten wir hier keine Polarisierung des Arbeitsmarktes. Grund dafür ist unser durchlässiges Bildungssystem in Zusammenspiel mit dem flexiblen Arbeitsmarkt. Auch Lehrlinge können die Berufsmatura und anschliessend einen tertiären Abschluss machen. So kann relativ flexibel auf die Nachfrage des Arbeitsmarkts reagiert werden. Bereits jetzt hat die Hälfte aller 25- bis 34-Jährigen einen tertiären Abschluss.

Reicht das? Hat die Schweiz genug Akademiker?
Nein, zurzeit nicht. Die Schweizer Wirtschaft braucht nach wie vor mehr gut qualifizierte Arbeitskräfte, um die Nachfrage des Arbeitsmarktes zu decken. Deshalb sind wir auf die Zuwanderung ausländischer Fachkräfte angewiesen. Das zeigen denn auch die Zahlen: 57 Prozent der nach Inkrafttreten der Personenfreizügigkeit aus dem EU-Raum zugewanderten Arbeitskräfte verfügt über einen Tertiärabschluss. Die Arbeitslosigkeit nimmt trotz Zuwanderung nicht zu.

Und was ist mit den Menschen mit tieferen Qualifikationen, etwa Hilfskräften?
Bemerkenswerterweise profitieren auch sie von der steigenden Akademikerrate. Die Nachfrage nach ihren Dienstleistungen steigt, weil ein Akademikerpaar beispielsweise eine Haushaltshilfe oder einen Krippenplatz beansprucht.

Es gibt Dörfer wie Därstetten im Berner Oberland, wo es fast keine Akademiker gibt. Dürfte sich das in den nächsten Jahren ändern?
Ganz generell darf die Qualität einer Gemeinde nicht an der Akademikerquote gemessen werden. Statistisch gesehen werden solche «akademikerlose» Gemeinden in Zukunft wahrscheinlich seltener.

Warum?
Die Anforderungen an viele Berufe dürften in Zukunft steigen, so dass sich eine tertiäre Ausbildung auszahlt. Denken wir etwa an einen Schreiner, der einen Abschluss als Ingenieur in Holztechnik erwirbt, um Hochhäuser aus Holz zu entwerfen. Ausserdem ist es auch denkbar, dass Akademiker aus den Städten in Zukunft wieder vermehrt aufs Land ziehen werden. Etwa wegen der hohen Mietpreise oder Steuern, und weil abgelegene Regionen dank dem öffentlichen Verkehr immer besser erschlossen sind. Ländliche Gemeinden besitzen eine hohe Lebensqualität.

Was bedeutet es für die Bürger von Därstetten, wenn die Schweiz zunehmend studierter wird? Geraten sie unter Druck oder bieten sich gar neue Chancen?
Abgehängt werden sie dank dem durchlässigen Bildungssystem sicher nicht. Tatsächlich könnten sie sogar profitieren. Gibt es weniger Schreiner oder Elektriker, steigt der Wert ihrer Arbeit. Ihre Löhne steigen. Zwischen 1996 und 2016 haben die tiefen Löhne um 20 Prozent zugelegt.

Warum leben denn in ländlichen Gebieten viel weniger Akademiker?
In den Städten lassen sich um die Hochschulen herum wissensintensive Unternehmen wie Google, Disney Lab IBM oder grosse Pharmaunternehmen nieder. Die physische Nähe in einem Cluster erlaubt den schnellen und manchmal zufälligen Austausch von Ideen und ermöglicht dadurch Innovationen. Es ist ein Arbeitsmarkt für hochspezialisierte Arbeitskräfte entstanden, den es im ländlichen Raum kaum gibt. Entsprechend ziehen Akademiker eher in Städte.

Der Kanton St. Gallen versucht die gymnasiale Maturitätsquote anzuheben, was sich aber schwieriger gestaltet als gedacht. Warum?
Der Stellenwert eines Studiums oder einer Berufsbildung ist kulturell verankert. Es liegt in der Natur der Sache, dass man das, was man selber kennt, seinen Kindern weitergeben möchte.

Wie gross ist die Toleranz Studierter gegenüber Handwerkern und umgekehrt?
Vielleicht mag es Vorurteile geben. Aber ich habe den Eindruck, dass zwischen den Gruppen keine grossen Animositäten bestehen, zumal die Grenze immer durchlässiger wird. Tatsache ist, die Schweiz gilt als bestes Beispiel für die fruchtvolle Zusammenarbeit spezialisierter Arbeitskräfte. Es ist kein Nullsummenspiel – alle profitieren davon.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Dani am 29.05.2019 05:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich bin stolz auf meine Lehre!

    Was für ein Quadratplauderi! Demnach sind nur studierte Arbeitskräfte qualifizierte Arbeitskräfte. Ich habe eine Lehre gemacht und saniere heute erfolgreich und nachhaltig Firmen, die von studierten Plauderis in die roten Zahlen geritten wurden. Ich bin stolz auf meine Lehre! Der Erfolg der Schweiz fusst nicht auf Akamikern!

    einklappen einklappen
  • Simba74 am 29.05.2019 05:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wir brauchen Macher

    und weniger Theoretiker

  • Sünneli am 29.05.2019 06:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es brauxht beides

    Es braucht eine gesunde Mischung! Was nützt es nur Leute zu haben, die theoretisch wissen wie man eine Schraube reindreht, es aber keinen gibt, der es wirklich machen kann!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Walter Hechtler am 30.05.2019 18:32 Report Diesen Beitrag melden

    Mehr Mechaniker

    Wir brauchen wieder mehr Automech in der Schweiz. Genug Akademiker jetzt von der ETH.

  • Realo am 30.05.2019 12:34 Report Diesen Beitrag melden

    Akademiker ist nicht gleich Akademiker

    Von den einen gibts zu wenige und von den anderen viel zu viele. Eine sorgfältigere und realistischere Wahl der Studienrichtung könnte schon einiges korrigieren.

  • roger am 30.05.2019 09:34 Report Diesen Beitrag melden

    mehr nicht

    Avenier Suisse,dieser Klub wird gut subventionert ohne Probleme zu lösen

  • Siehe Tamy Glauser am 29.05.2019 20:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wissenschaftler nicht Akademiker

    Akademiker ist ein weiter Begriff und meint immer öfter "Akademiker" die Pseudowissenschaften im Bereich Sozialwesen oder Politik. Solche Leute reden nur. Meist haben sie keine Ahnung vom Leben. Was wir brauchen sind Wissenschaftler die mit harten Fakten umgehen können. Solche die Theoretisches Wissen in praktischen Nutzen umsetzen können. Dazu muss das Niveau der Uni hoch sein und es braucht Hands on Unterricht. Akademiker im Sozialbereich sind Geldverschwendung.

  • Fraz am 29.05.2019 19:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und alles ist gesagt

    Diese Frage stelle ich immer wieder gerne: Stellen wir uns vor, unsere Welt liegt in Schutt und Asche, es geht um unser Überleben. Wir müssten uns entweder der Gruppe mit neun Akademikern und einem Handwerker, oder der Gruppe mit neun Handwerkern und einem Akademiker anschliessen. Welche Gruppe würden wir wohl wählen und warum?