Sexistische Märchen?

28. November 2017 05:42; Akt: 28.11.2017 06:59 Print

«Dornröschen ist für Kinder ungeeignet»

Laut einer britischen Mutter sind Märchen wie Dornröschen nichts für Primarschüler, da sie frauenverachtend seien. Eine Schweizer Pädagogin gibt ihr recht.

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Sarah Hall aus dem britischen Tyneside hat einen sechsjährigen Sohn. Als dieser mit einem Dornröschen-Bilderbuch aus der Schule kommt, macht sie ihrem Ärger über das ihrer Meinung nach sexistische Märchen auf Twitter Luft: Solange man solche Geschichten im Unterricht behandle, werde sich die Gesellschaft nie ändern. Den Tweet versah sie mit dem Hashtag #MeToo – in Anlehnung an den Belästigungs-Skandal in Hollywood.


Die Mutter sagt zur BBC, das Märchen vermittle eine falsche Botschaft. Weil der Prinz Dornröschen wachküsst, sei der Kuss nicht einvernehmlich: «Ich denke, in Dornröschen geht es auch um sexuelles Verhalten und Zustimmung. Diese Märchen sind bezeichnend dafür, wie tief verwurzelt dieses Verhalten in unserer Gesellschaft ist», so Hall.

«Die Märchen sind für Kinder nicht geeignet»

Während Halls Tweet teils gehässige Kommentare provozierte, erntet die Frau bei Schweizer Pädagoginnen und Feministinnen Beifall. Elisabeth Müller, Diplompädagogin und Lehrbeauftragte an der PH Zug, sagt: «Die Märchen transportieren patriarchale Geschlechterrollen, mit denen sich Kinder dann zu identifizieren versuchen. Sie passen darum nicht ins Kindesalter.» In neueren Lehrmitteln der Unterstufe seien sie auch kaum mehr enthalten.

Laut Müller sind Frauen in den Märchen oft negativ dargestellt, als böse Stiefmütter oder Hexen, die sich von niederträchtigen Motiven wie Neid und Eifersucht leiten liessen und am Ende der Geschichte bestraft würden. «Männer hingegen werden am Ende nicht bestraft, selbst wenn sie sich an ihrer Tochter vergreifen wie im Grimm’schen Märchen ‹Allerleirauh›.»

Müller hatte bereits in den 80er-Jahren ein Buch geschrieben, in dem sie die Stellung der Frau in den Märchen analysierte. «Damals war das Thema neu. Ich sehe mit Genugtuung, dass man die Rollenbilder nun infrage stellt.»

«Warum küsst nicht ein Prinz einen Prinzen wach?»

Auch Natalie Trummer, Geschäftsleiterin von Terre des femmes, sagt, die britische Mutter treffe den Nagel auf den Kopf: «Die Kritik an den Märchen und Kinderbüchern gibt es in feministischen Kreisen schon lange. Jetzt ist die Debatte einfach im Mainstream angekommen.» Gerade in der Sammlung der Gebrüder Grimm würden oft frauenfeindliche Stereotype reproduziert – etwa, dass der Mann der Starke ist, der eine hilflose Frau retten muss, oder dass es nur die Ehe zwischen Mann und Frau gibt. Solche Stereotype seien letztlich verantwortlich für die sexuelle Gewalt und Unterdrückung der Frau in der Gesellschaft.

Leider würden die Märchen oft unkritisch weitergegeben. Besonders perfide sei, dass antiquierte Geschlechterrollen so schon ganz früh eingeimpft würden. Würden Märchen in der Schule behandelt, müsse man kritische Fragen stellen. «Eine Lehrerin könnte fragen, warum nicht ein Prinz einen Prinzen küsst oder eine Magd eine Prinzessin.»

Für die Juso-Präsidentin Tamara Funiciello sind die Märchen nur ein Beispiel von vielen – wenn auch ein stossendes. «Ob in den Märchen, den frühen Disney-Filmen, in der Werbung oder den Frauenmagazinen: Solche Muster sind überall. Sie beeinflussen unser Denken massiv.» Mit Fug und Recht könne man kritisieren, dass im Märchen Schneewittchen die Männer unglaublich hart arbeiten, während Schneewittchen am liebsten zu Hause sei. Glücklicherweise finde aber ein Umdenken statt. Das zeigten Disney-Filme wie «Frozen», wo eine Königin die Heldin ist.

«Man beraubt Kinder eines Erlebnisses»

Juliette Wedl von Braunschweiger Zentrum für Gender Studies fände es falsch, würde man die Märchen in der Schule wegen des Frauenbildes zum Tabu erklären. Eine Erzählung könne als Ausgangspunkt genommen werden, um über die Geschlechterrollen zu diskutieren: «Statt der Utopie zu erliegen, Kinder unberührt von den Schattenseiten dieser Gesellschaft erziehen zu können, halte ich es für sinnvoller, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und sie zu sensibilisieren.»

Für Conchi Vega, Märchen-Erzählerin und Mitglied der Schweizerischen Märchengesellschaft, zählen Märchen zum Kulturgut. «Die Kinder erfahren, was Liebe, Hass, Eifersucht oder Freundschaft heisst.» Halte man die Kinder von ihnen fern, beraube man sie eines Erlebnisses: «Meine Erfahrung ist, dass Kinder sich in die Heldenrolle des Märchens hineinbegeben und dies ihre Fantasie anregt.»

Die feministische Kritik sei auf den ersten Blick verständlich. «Ja, es stimmt. Dornröschen gibt ihre Zustimmung zum Kuss nicht explizit.» Eine Märchenerzählung funktioniert mit den Regeln der Bildsprache. «Märchen sind nicht wörtlich, sondern in einem übertragenen Sinn zu verstehen. Sie operieren mit starken Bildern, mit Symbolik.» Auch Kinder seien in der Lage, zwischen einem Märchen und der Realität zu unterscheiden.

(daw)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Inna am 28.11.2017 05:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wie bitte?

    Hört doch endlich mal auf alles so zu übertreiben. Dieser Artikel ist verstörend, Dörnröschen sicher nicht, es ist ein Märchen, mehr nicht. Die Richtung, in der sich die Gesellschaft bewegt ist die Falsche. Dass wir jetzt über den "nicht einvernehmlichen" Kuss von Dornröschen diskutieren ist nur lachhaft.

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  • Padu160 am 28.11.2017 06:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schwachsinn

    Es gibt Leute die haben wohl zu viel Zeit und nichts zu tun

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  • Tigris von Gallien am 28.11.2017 06:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jetzt hab ich Angst.

    Mein vierjähriger Sohn schaut gern Bugs Bunny und die looney tunes. Unter anderem probiert der coyote ständig mit Schrotflinten und Sprengfallen den Roadrunner zu stoppen. Wird mein Sohn später deswegen Terrorist?

Die neusten Leser-Kommentare

  • Grimm am 28.11.2017 20:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dornröschen Original

    Kennt denn hier niemand die Urgeschichte von Dornröschen? Die Originalfassung heisst Sonne, Mond Thalia und wurde 1634 geschrieben. So wird Dornröschen im Schlaf vom Prinzen vergewaltigt, bringt anschliessend Zwillinge zur Welt, welche ihr den Dorn aus dem Finger saugen und sie so erwacht. Als sie mit den Kinder zum Prinzen geht, ist seine Gattin so eifersüchtig auf Dornröschen, dass sie deren Kinder kocht und ihrem Mann zum Essen serviert. Zu Recht sind gewisse Märchen fragwürdig, vorallem nachdem sie Disney weichgespült hat.

  • Eri am 28.11.2017 20:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ohje...

    ...was sind das für Mütter, die einen Kuss im Märchen als sexistisch ansehen. Die haben eine unglaubliche Fantasie, die man lieber nicht hinterfragt. Würde mich sehe wunder nehmen, wie die ihre Kinder genau zeugten. Vermutlich im stockfinsteren Zimmer ohne jegliche Zärtlichkeiten von Küssen ganz zu schweigen. Und sowas sind Mütter. Die Kinder solcher Mütter können einem nur leid tun.

  • Ivi am 28.11.2017 20:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Märchen...

    Psychologin! Na ja.... Märchen sind frei erfundene Handlungen, zeitlich und örtlich ungebunden. In diesem Märchen geht es nicht um die Sachlage ob Dornröschen geküsst werden will oder nicht. Sie wird durch einen Kuss erlöst. Von was genau schon wieder? Ach, ja! Dornröschen wird aus ihrem Tiefschlaf wach geküsst. Also kann sie ja gar nicht entscheiden ob sie geküsst werden will oder nicht. Somit sind dann alle Eltern, die ihren Kindern einen Gute-Nacht-Kuss auf die Wange drücken, während die Kinder schlafen, pädophil....? Äääähm, gehts noch? In welcher Welt leben wir???

  • Monika Schurter am 28.11.2017 20:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht einvernehmlich... Kinder

    Habe ich das richtig verstanden, wenn eine Mutter ein Kind im Schlaf küsst, dann ist das auch nicht einvernehmlich? Ist das also auch sexistisch? Wirklich?

  • Thomas am 28.11.2017 20:00 Report Diesen Beitrag melden

    Dear Mrs. Hall

    Bitte nennen Sie den Prinzen im Film bei seinem Namen. Ja, er hat einen. Alle die Prinzen von den Disneyfilmen haben Namen. Und keiner heisst "Price Charming". Die wenigsten Leute kennen diese Namen, weil die Prinzen zu blossen erzählerischen Stilmitteln reduziert sind. Aber das, das interessiert Sie ja nicht. Sie haben etwas gefunden um sich aufzuregen und sich verletzt zu fühlen und jetzt soll sich die Welt dafür bei Ihnen entschuldigen. Und am meisten darunter leiden die Frauen, die wirklich belästigt oder Schlimmeres wurden. Deren Leiden jetzt mit solchen Trivialitäten gleichgesetzt wird.