Schere geht auf

02. Dezember 2019 12:57; Akt: 02.12.2019 12:57 Print

«Ein grosser Teil der Mittelschicht wird ärmer»

Durchschnittliche Haushalte sparen immer mehr. Bei den tiefen Einkommen ist das Gegenteil der Fall. Dazu gehörten immer mehr Leute, warnt ein Experte.

Im Video sehen Sie, für welche Dinge ein durchschnittlicher Haushalt wie viel Geld ausgibt. (Video: jk)
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Schweizer sparen so viel wie noch nie (20 Minuten berichtete). Doch bei den 20 Prozent der Haushalte mit den tiefsten Einkommen zeigt der Trend in die andere Richtung. Sie gaben zuletzt über 700 Franken pro Monat mehr aus, als sie einnahmen – ein neuer Rekord. Warum das so ist und was dagegen helfen könnte, sagt Sébastien Mercier vom Verein Schuldenberatung Schweiz.

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Können Sie heute mehr sparen als vor ein paar Jahren?


Herr Mercier, während der durchschnittliche Sparbetrag steigt, zeigt sich bei den untersten 20 Prozent der Einkommen ein gegenteiliges Bild. Wieso?
Die Schere zwischen gut und schlecht Verdienenden geht auf. Die Mittelschicht schmilzt. Ein Teil von ihr bewegt sich zwar einkommensmässig nach oben. Ein grösserer Teil geht aber nach unten und hat immer weniger Geld zur Verfügung. Die Hälfte der Mittelschicht wird ärmer.

Wieso?
Die Löhne entwickeln sich nicht gut. Gleichzeitig steigen die Prämien der Krankenkassen und die Mieten. Unter dem Strich verdient ein Teil der Bevölkerung immer weniger.

Die untersten 20 Prozent der Haushalte wiesen zuletzt einen negativen Sparbetrag von 706 Franken pro Monat aus. Woher kommt das Geld, das ihnen fehlt?
Ein Teil der Betroffenen ist überschuldet. Andere pumpen Freunde oder die Familie um Geld an oder versuchen, mit Kredit- und Kundenkarten über die Runden zu kommen. Das verschärft das Problem aber, statt es zu lösen. Zudem gibt es Personen, die extrem viel sparen und schlussendlich nur noch Pasta essen.

Was empfehlen sie diesen Leuten?
Wir haben oft Personen bei uns, die nicht genügend Geld zum Leben haben. Diese brauchen meist Unterstützung von der Sozialhilfe. Doch längst nicht alle wollen das.

Wieso nicht?
Entweder sie sind zu stolz oder haben etwa als Ausländer Angst, ihre Aufenthaltsbewilligung zu verlieren. Es gibt nicht den einen Grund.

Wer dauerhaft mehr ausgibt, als er einnimmt, ist irgendwann überschuldet.
Ja. Viele bezahlen etwa ihre Krankenkassenrechnungen nicht mehr oder schieben die Steuerrechnung auf. Das ist ein Teufelskreis. Viele haben kaum Geld, um zu überleben, aber müssen trotzdem Steuern zahlen. Dann werden sie betrieben – aber es gibt gar nichts, das gepfändet werden könnte. Das ist ein teurer administrativer Leerlauf. Andere bezahlen ihre Krankenkassenprämien nicht. Dann landen sie auf einer schwarzen Liste und werden nur noch im Notfall behandelt. Das kostet schlussendlich viel mehr.

Wieso?
Die Leute gehen nicht mehr zum Arzt. Doch je später gesundheitliche Probleme behandelt werden, desto teurer wird es. Hinzu kommt: Betroffene leiden unter physischem und psychischem Stress. Auch das Jonglieren mit Rechnungen braucht Energie. Wer sogar so wenig Geld hat, dass er beim Essen sparen muss, hat nicht selten einen Mangel etwa an Eisen oder Vitaminen mit ernsthaften gesundheitlichen Folgen.

Wie könnte das Problem angegangen werden?
Sinnvoll wäre, Leute am Existenzminimum von den Steuern zu befreien. Auch ein Mindestlohn könnte helfen. Zudem sind die Prämienverbilligungen in vielen Kantonen zu tief oder helfen nicht allen Personen, die sie brauchen. Wichtig ist auch, dass die Sozialhilfe nicht weiter unter Druck gerät. Schlussendlich ist sie für viele der letzte Ausweg.

Wie viel Geld können Sie auf die Seite legen? Worauf sparen Sie hin? Oder haben Sie zu wenig Geld, um etwas auf die Seite zu legen? Wo versuchen Sie, weniger Geld auszugeben, und wie kommen Sie über die Runden? Erzählen Sie uns davon! Ihre Angaben werden vertraulich behandelt.

(ehs)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Rütlischwur am 02.12.2019 13:05 Report Diesen Beitrag melden

    Theoretiker

    Habt Ihr nun auch gemerkt, dass das durchschnittliche Einkommen von 7'000.- CHF nur sehr wenige Menschen zur Verfügung haben?

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  • Löscher am 02.12.2019 13:08 Report Diesen Beitrag melden

    Mitte Arm

    Seit gut 20 Jahren ist diese Tendenz so. Wacht entlich auf !!!!!

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  • Pia Zil lig am 02.12.2019 13:04 Report Diesen Beitrag melden

    Nachsehen

    Ja, die SP verschenkt das Geld lieber ins Ausland, unsere Bürger haben dann das nachsehen

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Kein SP-Fan am 03.12.2019 21:28 Report Diesen Beitrag melden

    Wie stehts mit dem reichsten Land?!

    Wenn ich das lese, schauderts mich. Jährlich wird propagiert, dass wir Schweizer die reichsten Leute auf der Welt sind. Lese ich diesen Bericht, schaudert es mich, denn wenn das bei uns so ist, wie sieht es in den anderen Länder aus. Mit einem Haushaltseinkommen von weit über 13k und einer Miete von 700.- fürs Eigenheim sind wir zwar nicht unmittelbar betroffen. Die betroffenen tun mir aber leid. Die Politik muss mehr für die eigene Bevölkerung tun haben und nicht Mrd. ans Ausland verschenken.

  • Dan Smith am 03.12.2019 15:23 Report Diesen Beitrag melden

    Weniger ist manchnal mehr

    Es möchten möglichst viele zur Mittelschicht gehören, wie ist das aber möglich mit einem Einkommen von 50-60kFr.p.a. OHNE Wohneigentum? Vielleicht müssen solche Personen sich auch nicht mit Reichen Mitbürgern vergeichen. Das bringt nur Unzufriederheit und Neid mit sich. Besser sich an den kleinen Sachen im Leben erfreuen...

  • CiaoBaby am 03.12.2019 10:32 Report Diesen Beitrag melden

    Aktien 10% Kanton Thurgau und niemand tat was!

    Thurbo, ein Eisenbahnunternehmen das in der Vergangenheit Geführt wurde, wo jeder und jede sich klar Bewusst geworden ist, dass man der Führung egal geworden ist. Nur $ zählte und nichts anderes. Wirklich traurig das man sowas nicht schon vor jahren unterbunden hatte! Zum Leid vieler Angestellten und ihren nicht fair entlöhnten Arbeit, Jahrelang.

  • Bale13 am 03.12.2019 10:12 Report Diesen Beitrag melden

    Steuergeschenke

    Und die FDP und SVP macht lieber Steuergeschenke - aber nicht an das Volk.

  • Lukas am 03.12.2019 10:09 Report Diesen Beitrag melden

    2 Jobs und es reicht knapp

    Ich arbeite als Landschaftsgärtner. Ich habe eine Lohnerhöhung erhalten. Mein Arbeitgeber hat mich für meine Arbeiten gelobt. Nun habe ich 4680.- brutto exl. Kinderzulage. Es reicht mir nicht meine kleine Familie zu ernähren mit nur einem Job. Die Krankenkasse und die Miete belasten unser Budget zu 2/3. Mein Nebenjobeinkommen nutze ich für vorwiegend für Steuer und Kleidung.

    • Grosi61 am 03.12.2019 11:31 Report Diesen Beitrag melden

      Finger aus dem Hinter:

      Dann wohnen sie zu teuer! Und die Frau hat die Pflicht, sich auch ums Haushaltsbudget zu kümmern. Oder wieso kann denn meine Tochter/JG86 mit 3 kleinen Kindern 40% einem Job nachgehen? Wieso konnte ich/JG58, bereits meine Mutter/JG36 und meine Grossmutter/JG02 einem Teilzeitjob nachgehen. Was soll das ewige Gejammer mit kleinen Kindern? Die hat man nur wenige Jahre im Verhältnis zum ganzen Berufsleben. Übrigens brauchten ALLE nie eine KITA, es gibt ja den Papi oder auch eine Nany vor Ort für einen Tag in der Woche, was eine Bezugsperson/ Ersatzgrosi für die 3 Kinder ist.

    • Rhihalden am 03.12.2019 17:04 Report Diesen Beitrag melden

      Lukas

      Ja Lukas Sie machen sicher etwas falsch es gibt viele die verdiene sogar etwas weniger und kommen gut durch, wen Sie alle Monate eine neues Handy kaufen alle Jahre teuer in der Ferien reisen Ihr Auto alle zwei drei Jahre wechseln usw. wird es knapp den es ist so der Lohn von 4680 Franken ist nicht sehr groß.

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