No-Billag-Initiative

19. Dezember 2017 09:59; Akt: 19.12.2017 09:59 Print

«Ein kleiner Weltuntergang für uns Rätoromanen»

von Silvana Schreier - Wie wichtig ist den Bündnern das Schweizer Radio und Fernsehen auf Rätoromanisch? Wir haben sie gefragt.

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«Allegra!» Die Verkäuferin in der Bäckerei Erni im bündnerischen Scuol begrüsst die Kundin, die den Laden betritt. Im Hintergrund trällert Bastian Baker gerade seinen neusten Hit. «Bei uns läuft eigentlich immer Radio SRF 3, weil die Musik allen gefällt», erklärt die Verkäuferin. Radio Rumantsch würden sie nur selten hören, «nicht alle verstehen Rätoromanisch».

Umfrage
Würden Sie die rätoromanischen Sendungen von SRF vermissen?

Für den rätoromanischsprachigen Teil der Schweiz gibt es die Radiotelevisiun Svizra Rumantscha (RTR), ein Tochterunternehmen der SRG. Rund 160 Personen arbeiten für das Medium. Wird die No-Billag-Initiative im März 2018 angenommen, bedeutet das laut den Gegnern das Ende für RTR . Für CVP-Nationalrat Martin Candinas ist klar, dass ein vergleichbares TV- und Radioprogramm für kleine Sprachgemeinschaften auf dem freien Markt niemals zu finanzieren wäre: «Wenn man den Solidaritätsgedanken wie die Billag-Initianten mit Füssen tritt, ist das verantwortungslos und egoistisch», sagte er zu 20 Minuten.

Rätoromanisch gehört in Scuol dazu

Die vierte Landessprache der Schweiz ist in der grössten romanischen Gemeinde mit fast 4700 Einwohnern sehr präsent. Restaurants und Hotels in Scuol haben romanische Namen, beim Zvieri-Kaffee hört man mehr Romanisch als Schweizerdeutsch, und Ortstafeln weisen den Weg jeweils in zwei Sprachen. So begegnet man auf einem Spaziergang durchs Dorf dem Cuafför Casura («oberes Haus»), dem Hotel Crusch Alba («Weisses Kreuz») oder dem Restaurant Allegra («Grüezi»).

Für viele Bündner gehören das Radio Rumantsch und rätoromanische Fernsehsendungen seit ihrer Kindheit dazu: «Wir hören und schauen jeden Tag die romanischen Sendungen», sagt Bruna Vögtli, eine ältere Dame aus Scuol. Würde es diese nicht mehr geben, «wäre das ein kleiner Weltuntergang für uns Romanischen». Dann müssten sie auf deutsche Fernsehsender ausweichen, die keine regionale Berichterstattung machen.

«Würde Radio beim Autofahren sehr vermissen»

Auch Lorena Rotiroti, Coiffeuse aus Scuol, will nicht auf das rätoromanische Radio verzichten. «Ich höre jeden Mittag Radio Rumantsch. Ich mag den Sender. Dort erhalte ich alle wichtigen Infos darüber, was auf der Welt und in der Region passiert», sagt die 16-Jährige. Würde das Angebot gestrichen, fände sie das sehr schlimm. Ramona Pinggera (25), ebenfalls Coiffeuse aus Scuol, ergänzt: «Gerade beim Autofahren würde ich das Radio sicher sehr vermissen.» Hauptsächlich schaue sie aber deutsche Sender. Wenn etwas sehr Gutes kommt, auch mal SRF.

«Ich kenne viele, die jeden Tag Radio Rumantsch hören», erzählt eine Tirolerin, die seit einiger Zeit in Scuol arbeitet. Gerade die Geschichten aus der Region, die Gratulationen und Wünsche, die so verbreitet würden, machten das Radio so besonders.

Für den Hotelier Martin Heimgartner, dessen Tochter bei der SRG arbeitet, gehört das SRF zum Tagesablauf. Und: «Wenn ich mit meinem Hund spazieren gehe, schaue ich romanische Sendungen wie ‹Cuntrasts›.» Er sei mit dem rätoromanischen Fernsehen und Radio aufgewachsen. Er wisse nicht, was auf die Bündner zukäme, wenn die No-Billag-Initiative angenommen würde . «Muss ich dann das Tiroler Radio hören?», fragt er.

Lieber ausländisches Radio als Radio Rumantsch

Neben den Radio-Romantsch-Liebhaber trifft man in Scuol aber auch Kritiker an. Johann Tschalär hält nicht viel vom SRF: «Die Berichterstattung ist nicht neutral. Damit machen sie sich selbst kaputt», sagt der Landwirt und Förster aus Sent. Er habe keinen Fernseher und brauche fast kein Internet. «Wenn ich Radio höre, kann ich auch auf ausländische Sender ausweichen», sagt Tschalär, etwa Radio Tirol.

So ergeht es auch einem anderen Bündner: Auf dem Weg in die Beiz in Scuol berichtet er, dass er im März 2018 «ganz sicher Ja» sagen werde zur No-Billag-Initiative. Dass es dann keine Sendungen mehr auf Rätoromanisch gibt, stört ihn nicht. Er sagt: «Es ist Zeit dafür, zu zeigen, dass sich etwas ändern muss.» Abschaffen wolle er das SRF nicht, aber besser sollte es werden. Inwiefern es eine Veränderung brauche, dass müsse dann das Volk entscheiden.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Rolf Baum am 19.12.2017 06:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schlechte Argumente

    Sehr logisch. In der freien Marktwirtschaft soll jemand tatsächlich Interesse haben Verluste zu machen, um ein Angebot anzubieten, was zu wenig Nachfrage generiert? Naja, bin ja noch unentschlossen, aber das ist wohl das schlechteste Pro Argument, welches ich bisher gehört habe.

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  • Kevin M. am 19.12.2017 06:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nationaler Zusammenhalt

    Nationaler Zusammenhalt? Echt jetzt? Als ohne SRG würde der Kanton Tessin seine Unabhängigkeit ausrufen und beim Röstigraben gibt es neu Zollkontrollen, das Büntnerland teilt sich auf, je nach Sprachregion. Ich hoffe nur, dass die lokalen Wiederstandsgruppen dies friedlich machen. Unser Nationaler Zusammenhalt steht hier auf dem Spiel. Für wie blöde hält man uns Bürger eigentlich? Ganz klar ja zu No-Billag. Der SRG hat nichts mit dem Nationalen Zusammenhalt zu tun, ein weiteres überflüssiges und nichtsausagendes Schlagwort.

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  • Mani Motz am 19.12.2017 10:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    160 Mitarbeiter!?

    nur schon die Zahl von 160! Mitarbeiter für einen so kleinen Einzugsbereich zeigt, wie die SRG mit Geld das Ihnen nicht gehört umgeht.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Mani Motz am 19.12.2017 10:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    160 Mitarbeiter!?

    nur schon die Zahl von 160! Mitarbeiter für einen so kleinen Einzugsbereich zeigt, wie die SRG mit Geld das Ihnen nicht gehört umgeht.

  • Ceco am 19.12.2017 10:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Billag - nein danke

    Billag, nein danke! Jahrzehnte lang würden wir geschröpft, miese Qualität und hohe Kosten. Ich verstehe ja, dass die vierte Landessprache nicht verloren gehen soll, aber dafür sind Gemeinden, Schulen, etc. zuständig. Was mich noch wundert: wie kann man während dem Spazieren gehen mit dem Hund TV schauen, Herr Hotelier?

  • Tminacci am 19.12.2017 10:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ja wäre eine Katastrophe

    Wieso verstehen die Ja-Sager nicht das sehr viele grössere und kleinere regionale Radio und Fernsehstationen ohne die Billag zugrunde gehen? Bei der no Billag gehts nicht nur ums SRF sondern auch um Webdienste, Regionaltv und Radio, ebenso Olympiade, Skirennen usw wirds dann nicht mehr einfach so im FreeTv geben!! Denkt mal über den Tellerrand hinaus!

  • Ronald am 19.12.2017 10:27 Report Diesen Beitrag melden

    Komische Umfrage

    Ich definiere meinen Patriotismus doch nicht über den TV.

  • Füdlibürger am 19.12.2017 10:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Luxus Laden

    Gesteuertes Gejammer für die Billag Abzocker Gebühren. Alle anderen sollen Sparen im ÖV etc. und der Selbstbedienungsladen Glanz und Golria SRF kann seine Promis Events weiterführen. Gebühren auf die hälfte reduzieren keine Werbung und Luxus Events streichen.