Ehe für Homosexuelle

30. August 2019 05:00; Akt: 30.08.2019 07:52 Print

«Ein schwuler Freund gab uns seinen Samen»

Manuela (40) und ihre Partnerin werden bald Eltern. Jetzt kämpfen sie dafür, dass lesbische Paare in der Schweiz die Samenspende legal nutzen dürfen.

Manuela erzählt ihre Geschichte. (Video: T. El Sayed)
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«Seit drei Jahren wünschen meine Partnerin und ich uns ein Kind. Wie schwierig es ist, als lesbisches Paar ein Baby zu bekommen, habe ich ehrlich gesagt ein wenig unterschätzt», erzählt Manuela (40). Im Februar wird sie Mutter, ihre Freundin ist im 4. Monat schwanger. Der Vater des Kindes – oder Samenspender, wie Manuela sagt – ist ein schwuler Freund von ihr. «Mit der Vorstellung, irgendeinen Fremden als Samenspender zu wählen, konnten wir uns nie anfreunden. Es ist uns wichtig, dass er ein guter Mensch ist.»

Manuelas Vorfreude auf das Kind ist riesig. Im Moment ist sie dabei, das Kinderzimmer einzurichten. Doch längst nicht alles ist so rosig, wie es auf den ersten Blick scheinen mag: «Dass ich vor dem Gesetz nicht als Mutter anerkannt werde, ist nicht fair. Schliesslich tue ich alles, was andere Partner auch tun. Ich begleite meine schwangere Freundin zum Gynäkologen, öle ihren Bauch ein oder werde die Ernährerrolle übernehmen.» Sie sei froh, wenn das erste ganze Jahr als Familie vorüber sei und sie endlich einen Antrag für eine Stiefkindadoption stellen könne.

«Zum ersten Mal erlebte ich Diskriminierung»

Auch auf ihrem bisherigen Weg hat das Paar schon einige Hürden nehmen müssen. Besonders schwierig sei gewesen, dass eine Gynäkologin ihre Partnerin als Patientin abgelehnt habe: «Sie verweigerte ein Gespräch sowie eine Hormonabklärung. «Dieser Moment tat weh, und ich weinte. Zum ersten Mal in meinem Leben erlebte ich, was Diskriminierung bedeutet.» Manuela ist froh, in einem schwulen Freund einen vertrauensvollen Samenspender gefunden zu haben. Den Samen haben sie selber eingespritzt, zuhause. Dass kein Arzt die beiden Frauen dabei unterstützte, schwanger zu werden, hat einen einfachen Grund: In der Schweiz ist die Samenspende für lesbische Paare illegal.

Das könnte sich nun ändern. Das Parlament debattiert seit mehreren Jahren über die «Ehe für alle». Am Freitag entscheidet die Rechtskommission des Nationalrats, ob der Zugang lesbischer Paare zur Samenspende Teil der Gesetzesvorlage sein soll oder nicht (siehe unten).

«Gesetzgebung hinkt hinten drein»

Manuela sagt, die Gesellschaft sei viel weiter, als die Schweizer Gesetzgebung. «Ich bin nie mit negativen Reaktionen konfrontiert worden. Man freut sich einfach für uns.» Die 40-Jährige wünscht sich, dass künftig lesbische Paare durch Samenspende legal Eltern werden können.


Das sind die grössten Streitpunkte

Seit Jahren werkelt die Politik an der Homo-Ehe . Schon am Freitag fällt die vorberatende Kommission wegweisende Entscheide. Umstritten ist, welche Rechte homosexuellen Paaren mit der Ehe für alle eingeräumt werden.

Adoptionsrecht
Der Zugang zum Adoptionsrecht ist Teil der Vorlage zur «Ehe für alle». Alle grossen Parteien mit Ausnahme der SVP befürworten die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare – und damit auch den Zugang zum Adoptionsrecht.

Zugang zur Samenspende
Dieser Punkt ist umstritten: Sollen lesbische Paare gleich mit der Ehe für alle auch den Zugang zur Samenspende erhalten? Heute fahren viele dafür ins Ausland, etwa nach Spanien oder Dänemark, wo es legal ist. Klar dafür sind FDP, SP, GLP, BDP und die Grünen. «Heterosexuellen Paaren ist die Samenspende unter gewissen Voraussetzungen erlaubt. Es ist sonnenklar, dass auch lesbische Paare dieses Recht erhalten müssen, wenn man sie gleichstellen will», sagt SP-Nationalrat Martin Naef. Die CVP will die Frage offen lassen und später im Gesetz regeln. CVP-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter sagt: «Die Ehe für alle ist die eine Sache. Der Zugang zur Samenspende aber eine andere.» Es gehe um heikle ethische Fragen. Die Frage nach dem Zugang zu Fortpflanzungsmedizin für lesbische Paare muss erst sorgfältig geprüft werden.»

Elternschaft ab Geburt
Der Zugang zur Samenspende wird über das Abstammungsrecht geregelt. Demnach soll bei verheirateten Frauenpaaren das Kindesverhältnis bei der Geburt automatisch zu beiden Frauen entstehen. Da die Elternschaft ab Geburt und der Zugang zur Samenspende untrennbar miteinander verbunden sind, wird dieser Punkt ebenfalls vom selben überwiegenden Teil der Parteien gleichermassen unterstützt wie der Zugang zur Samenspende.

Leihmutterschaft
Die Leihmutterschaft ist bis jetzt nicht Thema im Zusammenhang der «Ehe für alle». Sie ist in der Schweiz generell verboten, auch heterosexuelle Paare dürfen keine Leihmutterschaft in Anspruch nehmen. Die SVP kritisiert, dass die Leihmutterschaft im Gegensatz zur Samenspende in diesem Kontext nicht diskutiert wird. Der Zugang zur Samenspende für lesbische Paare sei deshalb «offensichtlich und in höchstem Masse diskriminierend» gegenüber homosexuellen Männern.

(jk/daw)