Lohr über Agent-Orange-Opfer

20. Mai 2015 19:17; Akt: 31.05.2015 11:20 Print

«Ein trauriges Mahnmal des Vietnamkriegs»

von J. Büchi - Auch 40 Jahre nach dem Vietnamkrieg werden im asiatischen Land noch viele Kinder mit Fehlbildungen geboren. CVP-Politiker Christian Lohr hat Betroffene besucht.

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Vor 40 Jahren ging der Vietnamkrieg zu Ende – und noch immer leiden die Menschen dort unter den Folgen des damals eingesetzten Entlaubungsmittels Agent Orange. Sie haben Anfang Februar in Vietnam Einrichtungen für behinderte Kinder besucht. Welche Situation haben Sie dort angetroffen?
Für mich war es eine sehr bewegende Erfahrung, weil die Kinder dort teilweise in ärmlichen Verhältnissen und mit ganz einfachen Mitteln leben müssen. Trotzdem spürt man in ihrem Verhalten Freude und eine gewisse Zuversicht.

Was hat das Wissen, dass ein lange vergangener Krieg diese Fehlbildungen verursacht hat, in Ihnen persönlich ausgelöst?
Es ist ein trauriges Mahnmal dafür, wie viel Schaden der Krieg in Vietnam angerichtet hat. Es ist tragisch, dass auch heute noch junge Menschen unter dieser politischen Auseinandersetzung der Vergangenheit leiden müssen. Das sind jetzt bereits Kinder der dritten, vierten Generation, die immer noch mit verschiedenen Fehlbildungen geboren werden.

Teilweise gilt die Geburt eines behinderten Kindes in Vietnam als Fluch. Das muss Sie betroffen machen.
Der Buddhismus ist in Vietnam sehr stark ausgeprägt. Dort ist der Aberglaube stark verbreitet, dass die Geburt eines behinderten Kindes etwas mit einer Schuld aus dem früheren Leben zu tun hat. Aus westlicher Sicht ist dieser Ansatz schon sehr schwer nachvollziehbar. Zumal man ja genau weiss, wer der echte Übeltäter ist: Er heisst Agent Orange.

Aber das wissen die Leute ja…
Ja, aber teilweise wiegen die traditionellen Denkmuster halt noch schwerer. Hier muss sicher weiterhin Aufklärungsarbeit geleistet werden.

Wo sehen Sie sonst Handlungsbedarf?
Ganz wichtig ist, dass diese Kinder in die Schule können. Nur dann haben sie eine Chance, in die Gesellschaft integriert zu werden. Dank finanzieller und fachlicher Unterstützung aus dem Westen wurde schon viel erreicht. So stellen die Vietnamesen heute selber Hilfsmittel wie Prothesen her. Hilfe zur Selbsthilfe – das ist das Ziel. Das Wichtigste ist, dass man die Nöte der vietnamesischen Bevölkerung nicht vergisst. Unmittelbar nach dem Krieg war das Bewusstsein dafür noch stark da. Jetzt drohen die 3500 behinderten Kinder, die im Land jährlich zur Welt kommen, jedoch in Vergessenheit zu geraten.

Welche Begegnung wird Ihnen am meisten in Erinnerung bleiben?
Ich habe mit einem Jungen, der mehrfach behindert ist, Fussball gespielt. Ich spürte eine starke Verbundenheit zu ihm und den anderen Kindern. Obwohl wir nicht dieselbe Sprache sprechen, bestand zwischen uns eine gewisse Verbindung. Es ist schön, wenn ich diesen jungen Menschen zeigen kann, dass man es auch mit einer körperlichen Fehlbildung weit bringen kann. Gerade jetzt, wo das Land einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, wird es umso wichtiger sein, dass Agent-Orange-Opfer und Menschen mit anderen Behinderungen nicht auf der Strecke bleiben.