Russischer Botschafter

23. Juli 2014 20:48; Akt: 24.07.2014 08:42 Print

«Eine Abkühlung der Beziehung ist spürbar»

von Nicole Glaus - Der mutmassliche Abschuss der MH17 stellt die Beziehungen zwischen Europa und Russland auf die Probe. Der russische Botschafter in der Schweiz spricht über die momentane Lage.

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«Europa muss einsehen, dass Russland keinesfalls schuldig an der Ukraine-Krise ist. Sanktionen und Zwangsmassnahmen sind fehl am Platz», sagt der russische Botschafter in der Schweiz, Alexander Golovin.

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Die EU will nach dem mutmasslichen Abschuss des malaysischen Flugzeuges über der Ukraine die Sanktionen gegen Russland verschärfen. Auch in der Schweiz werden nun Sanktionen zum Thema. Warum sollte sie das aus Ihrer Sicht nicht tun?
Alexander Golovin*:
Es gibt nur ein Organ, das berechtigt ist, Zwangsmassnahmen gegen Staaten zu ergreifen – der UNO-Sicherheitsrat. Somit sind Sanktionen rechtswidrig. Solche Massnahmen führen zudem auf eine Einbahnstrasse. Wenn die europäischen Länder Sanktionen gegen Russland verhängen, dann wird auch Russland Konsequenzen ziehen.

Wer ist denn auf wen mehr angewiesen: Der Westen auf Russland als Wirtschaftsmacht oder Russland auf die Handelsbeziehungen mit dem Westen?
In der modernen Welt sind praktisch alle Länder voneinander abhängig. Zu behaupten, dass jemand auf den anderen mehr angewiesen ist als umgekehrt, wäre falsch. Wenn etwa zwischen Russland und Deutschland eine Gasleitung errichtet wird, ist nicht nur Deutschland von den regelmässigen Erdgas-Lieferungen abhängig. Auch Russland wäre auf den Verbrauch dieses Gases in Deutschland angewiesen.

Droht die Ukraine-Krise langfristig die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Schweiz und Russland zu beeinträchtigen?
Ich sehe keinen Grund dafür. Es handelt sich um eine inner-ukrainische Krise. Warum sollten die Beziehungen zwischen Drittländern damit beeinträchtigt werden? Eine andere Frage wäre, wenn jemand absichtlich Probleme in den bilateralen Beziehungen entstehen lassen will und einen Vorwand dafür sucht. Dann könnte man jeden beliebigen Vorwand nehmen – auch die Krise in der Ukraine.

Aber genau wegen der Ukraine-Krise, scheinen die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen so schlecht zu sein, wie seit dem Ende der Sowjetunion nicht mehr.
Eine Abkühlung der Beziehungen ist tatsächlich spürbar. Der Grund dafür ist, dass die USA und die Europäische Union, Russland für seine Politik in der ukrainischen Frage bestrafen wollen. Ich glaube, dass dieser Weg in eine Sackgasse führt. Das Vertrauen wieder herzustellen, ist viel schwieriger, als es zu zerstören. Man muss sich im Westen im Klaren sein, dass es kein Vakuum auf dem russischen Markt geben wird: Die Stelle der weggegangenen westlichen Partner werden entweder unsere östlichen und südlichen Nachbarn oder die russischen Produzenten übernehmen.

Spüren Sie auch in Ihrer Funktion als Botschafter in der Schweiz diese Abkühlung der Beziehungen?
Ja, das ist tatsächlich so. Wir mussten auch in der Schweiz auf einige Projekte verzichten – etwa im Bereich der Ausbildung von militärischem Kader. Aber auch diverse Besuche sind abgesagt worden. Ich bedaure dies sehr.

Was braucht es, um die Beziehung wieder zu verbessern?
Europa muss einsehen, dass Russland keinesfalls schuldig an der Ukraine-Krise ist. Sanktionen und Zwangsmassnahmen sind fehl am Platz. Ich bin aber zuversichtlich, dass die gemeinsamen Interessen Europas und Russlands in jedem Fall über die Konjunkturschwierigkeiten und über die bestehenden Konflikte die Oberhand haben werden.

Welche Absichten verfolgt Russland in der Ostukraine?

Manchmal wird behauptet, Russland sei bestrebt, die Ukraine zu teilen. Das ist selbstverständlich nicht der Fall. Wir wollen einen einheitlichen Staat, in dem wieder stabile Verhältnisse herrschen. Die Machtinhaber in Kiew sollen andererseits die Interessen der Bürger im Südosten des Landes gewährleisten – ihre nationalen, kulturellen, sprachlichen Rechte und Bedürfnisse. Wenn diese Rechte ignoriert und mit Füssen getreten werden, so organisieren die Menschen auch ohne auswärtige Hilfe eine Widerstandsbewegung.

Gefährdet Wladimir Putin mit seiner Politik in der Ukraine das internationale Ansehen Russlands?
Das Ansehen eines Staates ist nicht immer das Resultat der Politik des Staatsoberhauptes. Manchmal ist das auch ein Resultat der Anstrengungen anderer, die diese Politik zu entstellen und zu diskreditieren versuchen.

Wladimir Putin hält den Untergang der Sowjetunion für die grösste geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts – also noch vor dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. Teilen Sie diese Ansicht?
Der Zerfall der Sowjetunion hat tatsächlich zu einer grossen Anzahl bewaffneter Konflikten mit geführt: Bergkarabach, Transnistrien, Tschetschenien, Südossetien, – um nur einige zu nennen. Das zeigt, dass es kaum möglich ist – ohne Blutvergiessen – neue Staatsgrenzen zu ziehen, wo früher nur Grenzen zwischen Kolchosen bestanden. Vor allem,wenn ein einheitlicher Staat zerfällt, wo verschiedene Völker sehr stark miteinander verbunden waren. Wahrscheinlich spricht deswegen der Präsident Vladimir Putin von der grössten geopolitischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Ich würde die Aussage vielleicht auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ergänzen.

Sind die heutigen Grenzen Russlands in Stein gemeisselt – oder strebt Russland eine Rückkehr zu alter, sowjetischer Grösse an?
Keinesfalls. Wir streben nach guten, gleichberechtigten Beziehungen zu unseren Nachbarn und stellen ihre territoriale Integrität nicht infrage. Es gibt im internationalen Recht das Grundprinzip der territorialen Integrität der Staaten und der Unverletzlichkeit ihrer Grenzen. Aber es gibt auch das Prinzip der Selbstbestimmung der Völker.Deswegen ist in der Schlussakte von Helsinki aus dem Jahr 1975 festgelegt, dass die internationalen Grenzen auf eine friedliche Art und Weise, nach Vereinbarung zwischen den Staaten geändert werden können. Entsprechend können sich nicht nur die Grenzen Russlands, sondern auch anderer Staaten der Welt ändern.

*Alexander Golovin ist seit 2012 russischer Botschafter in der Schweiz.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Fredrikson am 23.07.2014 21:04 Report Diesen Beitrag melden

    Wieso liest man kaum etwas von Putin?

    Überlall ist zu lesen was der Westen über Russland sagt: Obama, Kerry, Merkel, die EU Chefs, die OSZE und Schweizer BR alle sind auf der Titelseite zu lesen. Aber nirgends steht wie sich Putin, der im Westen als Sündenbock für alles hingestellt wird, über die Lage äussert. Wieso interviewt man ihn nicht? Vielleicht weil man die Wahrheit nicht an die Öffentlichkeit bringen will? Dieses Interview mit dem Russischen Botschafter, der keinen Draht zur Ukraine hat ist doch lächerlich. Als würde man den Dalai Lama über die Ukraine Krise interviewen.

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  • Daniel Bühler am 23.07.2014 21:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Danke 20min!

    Danke, 20min, dass Sie dieses Interview veröffentlicht haben! Es war schon lange fällig, dass "die Gegenseite" mal zu Wort kommt. Die gesamte Medienlandschaft berichtet über Russland und die Krise in der Ukraine sehr tendenziös. Da fragt man sich als aufmerksamer Bürger, wie man sich eine unabhängige Meinung über die Geschehmisse bilden soll. Darum ist es so wichtig, dass man jetzt mal die russische Seite in den Hauptmedien lesen darf.

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  • Roman am 23.07.2014 21:40 Report Diesen Beitrag melden

    Wow, ein Wunder,

    wir dürfen endlich wieder Kommentare bzgl. Russland-Ukraine-Krise verfassen. Dass die Kommentarfunktion bei Gaza-Krise-Artikeln nie aufgeschaltet wird, kann ich ja noch einigermassen verstehen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • KarinY am 24.07.2014 12:38 Report Diesen Beitrag melden

    Ja genau

    Der Grund wieso den Medienimmer Propaganda vorgeworfen wird ist ja eben genau, dass die russische Seite keinen Platz bekommt. Aber wie immer gehören mind. 2 zum Konflikt. Wieso darf der Beschuldigte nicht zu Wort kommen? Dies ist einer Demokratie nicht würdig! 2 neutrale Berichterstattungen anhören und sich selbst eine Meinung bilden. Sonst unterliegt die Sache der meinungsbildenden Funktion und die ist einer Demokratie nicht würdig!

  • Schweizer am 24.07.2014 11:19 Report Diesen Beitrag melden

    Schmutziger Konflikt!

    Was in den MEDIEN und persönlichen Ansichten von verschiedenen Seiten zum Besten gegeben wird,lassen viel Raum zu Spekulationen!Die gegenseitigen Schuld Zuweisungen lassen nicht auf eine ernsthafte Konfliktlösung hoffen,Tatsache ist,dass es viele unschuldige Opfer gab und der Konflikt geht weiter,was wieder Opfer bedeutet !Krieg und Terrorismus ist immer schmutzig und meist trifft es immer UNSCHULDIGE,egal welcher Konflikt!

  • Franz W. am 24.07.2014 00:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sanktionen machen uns zu Vasallen!

    Es gibt übrigens einen sehr wichtigen Grund, warum die Schweiz keine Sanktionen ergreifen kann, soll und darf: Sie ist neutral! Jede Form von Sanktionen untergräbt die Glaubwürdigkeit unseres Staates und macht ihn zu einem Vasallen der Nato und der EU! Und das Schweizer Volk will beide Vereine nicht! Unsere Neutralität gilt gegenüber allen Staaten!!!

  • Robert Dahmer am 23.07.2014 23:23 Report Diesen Beitrag melden

    Erstaunlich

    welche simple Weltsicht dieser, von Putin bez., Botschafter seit der Krimgeschichte angeignet hat. Vergessen sind Abchasien und Tschetschenien, vergessen die Zlhg. an Janokowitsch von Russischer Seite, damit er das Abkommen mit der EU nicht unterzeichnet. Vergessen die Lügen über die Krim Invasion (Keine RU-Soldaten), Vergessen die Aussagen, man plane nicht die Krim in die RF aufzunehmen. Vergessen, dass die UNO NIE Sanktionen gegen RU verhängen wird, weil RU eine VETO-Macht ist, Vergessen die Beweise für RU-Söldner in der Ukraine. Vergessen, dass RU schon lange die Grenzen absichern wollte...

  • Agent. P am 23.07.2014 22:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Medien informieren enorm einseitig

    Dank den Gratiszeitungen heutzutags können sich gar keine Zeitungen mehr echte Journalisten leisten, es wird nur noch abgeschrieben was die Amerikaner Ihnen vorgeben. Schade! Warum sollte mann einen Teil der Bevölkerung die einen eigenen Staat gründen wollen eigentlich davon abhalten? Das problem ist, dass Amerika Russland den zugang zum Schwarzen Meer nicht gönnt.