Digitale Überbehütung

01. Oktober 2018 16:52; Akt: 04.10.2018 08:31 Print

«Eltern ertragen Heimweh der Kinder nicht mehr»

von J. Käser - Lehrer sind zunehmend mit Heimweh-Kindern konfrontiert. An dieser Entwicklung sind auch die Eltern schuld, sagen Experten.

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Heulattacken, Essensverweigerung, schlaflose Nächte: Die Sechstklässler einer Zürcher Primarlehrerin packte vor zwei Wochen im Klassenlager das Heimweh. «So etwas habe ich noch nie erlebt», sagt die Lehrerin der «SonntagsZeitung». Den Grund für das zunehmende Heimweh verorten Experten in der digitalen Überbehütung, die die Ablösung der Kinder erschweren oder gar verunmöglichen würden. In seinem Therapiealltag erlebt der Familientherapeut und Erziehungsberater Jürgen Feigel Ähnliches. Eltern würden zunehmend versuchen, per Handy mehr Kontrolle über ihre Kinder zu erlangen. Gemäss Heigel habe sich nicht die Heimweh-Häufigkeit verändert, sondern die Art, wie mit Heimweh umgegangen werde: «Heimweh gab es schon immer, daran hat sich nicht viel geändert. Durch die Handy-Kommunikation kann das Kind dieses gegenüber den Eltern heute aber einfacher ausdrücken und die Eltern können unvermittelt eingreifen.» Die Eltern würden heute vermehrt dazu neigen, den Kindern Last oder Leid abzunehmen, statt diese damit umgehen zu lassen. «Das schadet dem Selbstbewusstsein des Kindes langfristig. Es lernt nicht, Verantwortung zu übernehmen», sagt der Familientherapeut. Daniel Kachel, Präsident des Zürcher Sekundarlehrerverbands, hat von keiner Zunahme an dramatischen Heimweh-Fällen an Zürcher Sekundarschulen Kenntnis: «Es gibt immer wieder Fälle von Heimweh, aber das war auch früher so.» «Vergisst ein Schüler etwa seine Hausaufgaben zu Hause, kommt es vor, dass ein Elternteil in die Schule eilt und sie dem Schüler bringt, damit dieser keine Strafaufgaben erhält», sagt Kachel. Zur Rolle des Handys sagt Sekundarlehrer Kachel: «Mit den 13- bis 14-Jährigen organisieren wir jeweils ein Lager im Tessin, dabei ist das Mitbringen von Handys verboten. Im Vorfeld werden die Eltern brieflich über diesen Schritt informiert und auch den Schülern erklären wir die Gründe dafür.»

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Heulattacken, Essensverweigerung, schlaflose Nächte: Die Sechstklässler einer Zürcher Primarlehrerin packte vor zwei Wochen im Klassenlager das Heimweh. «Mehrere Schüler, fünf oder sechs, hatten Heimweh», sagt die Lehrerin der «SonntagsZeitung». «So etwas habe ich noch nie erlebt.»

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Gleichzeitig würden die betroffenen Kinder immer älter. So wird in der «SonntagsZeitung» ein Berner Oberstufenlehrer zitiert, der feststellt, dass auch 15-Jährige vermehrt Mühe damit hätten, auswärts zu übernachten. Mittlerweile würde rund die Hälfte der Klasse auf die Teilnahme an einem fünftägigen Westschweiz-Aufenthalt verzichten, früher seien es nur 2 bis 3 Schüler pro Klasse gewesen. Den Grund für das zunehmende Heimweh orten Experten in der digitalen Überbehütung, die die Ablösung der Kinder erschweren oder gar verunmöglichen würde.

Heimweh heute einfacher auszudrücken

In seinem Therapiealltag erlebt der Familientherapeut und Erziehungsberater Jürgen Feigel Ähnliches. Eltern würden zunehmend versuchen, per Handy mehr Kontrolle über ihre Kinder zu erlangen, sagt er zu 20 Minuten. Es seien vorwiegend die Eltern, die ihre Kinder per Mobiltelefon kontaktieren würden: «Auf Dauer schwächt das die Eltern-Kind-Beziehung, da es ab einem zunehmendem Alter als nervig empfunden wird, wenn die Mutter oder der Vater andauernd fragt, wo man ist.»

Gemäss Feigel habe sich nicht die Heimweh-Häufigkeit verändert, sondern die Art, wie damit umgegangen werde: «Durch die Handy-Kommunikation kann das Kind das Heimweh gegenüber den Eltern heute einfacher ausdrücken, und die Eltern können unvermittelt eingreifen.» Während Eltern früher unter Umständen gar nichts mitgekriegt hätten, könne es heute vorkommen, dass sie ein Kind deshalb aus dem Schullager nach Hause holen würden.

Heimweh im Grundsatz etwas Gutes

Eltern wollten, dass es dem eigenen Kind gut gehe. Gegenwärtig hätten Eltern aber tendenziell mehr Mühe damit, das Leid des eigenen Kindes mit anzusehen. Einerseits könnten sie per Handy immer erfahren, wie es dem Kind gerade gehe. Andererseits würden die Eltern heute vermehrt dazu neigen, den Kindern Last oder Leid abzunehmen, statt dem Kind schwierige Situationen zuzutrauen. «Das könnte dem Selbstbewusstsein des Kindes allenfalls langfristig schaden. Es lernt nicht, Verantwortung zu übernehmen», sagt der Familientherapeut.

«Und man darf nicht vergessen: Im Grunde genommen ist Heimweh etwas Gutes. Das Kind sehnt sich dabei nach den Eltern, was darauf hindeutet, dass es eine gute Beziehung zu diesen pflegt», sagt Feigel.

«Übertriebener Schutz durch die Eltern»

Daniel Kachel, Präsident des Zürcher Sekundarlehrerverbands, hingegen erlebt keine Zunahme von Heimweh-Fällen. Was sich in den letzten Jahren durchaus verändert habe, sei das Verhalten einiger Eltern.«Vergisst ein Schüler etwa seine Hausaufgaben zu Hause, kommt es vor, dass ein Elternteil in die Schule eilt und sie dem Schüler bringt, damit dieser die Konsequenzen dafür nicht selber übernehmen muss.»

Die Eltern würden zunehmend die Fehler der Kinder ausbaden und diesen verunmöglichen, selber Verantwortung zu übernehmen, so Kachel. Dieser übertriebene Schutz könne sich vermutlich auch in Schullager-Situationen zeigen.

Handy muss zu Hause bleiben

Zur Rolle des Handys sagt Sekundarlehrer Kachel: «Mit den 13- bis 14-Jährigen organisieren wir jeweils ein Lager im Tessin, dabei ist das Mitbringen von Handys verboten. Im Vorfeld werden die Eltern brieflich über diesen Schritt informiert und auch den Schülern erklären wir die Gründe dafür.» Er stelle wiederholt fest, wie schnell sich die Schüler an die neue Situation ohne Handy gewöhnten, so Kachel. Bei den älteren Schülern im Abschlusslager, in dem Handys erlaubt sind, würden diese kein Problem darstellen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • 4057 Basel am 01.10.2018 17:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Peinliche Eltern heutzutage!

    wie haben wir Kinder der 80er und 90er Jahre nur unsere Kindheit überlebt? Waaaahnsinn....

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  • jayjay am 01.10.2018 17:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schon traurig.

    Rückblickend sind die Klassenlager die beste und lustigste Zeit während der ganzen Schulzeit. Schade das so viele das verpassen.

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  • Slicks am 01.10.2018 16:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Elternhaus

    Werden diese Kinder auch einmal selbstständig?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Toll am 02.10.2018 20:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Heimweh, denke ich mal nicht

    Heimweh? Ich drnke das ist ehr der Entzug der Social Media, TV, Games und Fastfood. Und sie müssen was machen wie laufen oder wandern. Das ist nicht Heimweh, das ist rumjammern.

  • theyarealone am 02.10.2018 17:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    noparents

    Liegt es nicht eher daran dass die kinder schon ausserhalb der lager fast nur noch in tagis sind weil mami und papi 100% arbeiten wollen..? Vielleicht fehlen den kindern schlicht und einfach die allgemeine präsenz der eltern! Lieber mal weniger geld und weniger fremdbetreuung und dafür hat das kind erinnerungen fürs leben die stärken!

  • Xxl-bmw am 02.10.2018 14:07 Report Diesen Beitrag melden

    Sind Wölfe doch Römer?

    Entschuldigt, ich bin es noch mal sind denn jetzt die Wölfe in der Schweiz doch Römer?Ich bin etwas verunsichert?

  • Daisydream am 02.10.2018 12:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Handy ist nicht nur schlecht

    Ich hab meinen Kindern damals auch ein Handy gekauft. Wenn ich mir Sorgen machte, schickte ich eine SMS mit Lebst du noch? Darauf kam dann ein Geht mir gut. Ich brauchte mich nicht zu sorgen und die Kinder hatten eine Ausszeit ohne genaue Angaben von Aktivitäten. Problem gelöst.

    • TomH am 02.10.2018 12:45 Report Diesen Beitrag melden

      Ist auch gegangen

      ...und wie hat man es früher gemacht, vor der Handy Zeit? Ah ja mit Flaschenpost

    • Mal ne Frage am 02.10.2018 12:53 Report Diesen Beitrag melden

      @Daisydream

      Du hast ein Problem und schiebst die Lösung dann einfach ab. Sich Sorgen machen bringt niemandem was. Sorry, du hast das nicht begriffen. Wie ging das denn früher? Wo ist das Vertrauen und die Demut gegenüber dem Leben selbst geblieben?

    • s'Mimöseli am 02.10.2018 13:00 Report Diesen Beitrag melden

      genau so fängt es an,

      mit SMS "lebst Du noch?" Da bekomme ich als jemand der ohne Handy die Kindheit überlebt hat richtiggehend Schreikrämpfe. In diesem Kommentar versteckt sich Ihre Kontrollwut überall, z.Bsp. "ohne genaue Angaben" ; warum nicht einfach "ohne Angaben" ? Auch das "brauchte mich nicht zu sorgen"; warum dann solche SMS ?

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  • Realistin am 02.10.2018 11:32 Report Diesen Beitrag melden

    Hab ich mal gelernt...

    Der Mensch wächst in den Krisen. Natürlich ist es unschön,schlechte, traurige oder mühsame Erlebnisse zu haben.Allerdings lernen wir in solchen sehr viel über uns und entwickeln wichtige Strategien.Es ist bewiesen,dass es die Gesundheit schützt und fördern,wenn wir lernen mit Krisen umzugehen und diese auch meistern.Menschen,welche nie in Krisen geraten oder immer nur mit Hilfe daraus hervorgehen sind scheinbar anfälliger auf negativen Stress,haben weniger Selbstvertrauen und sind auch anfälliger für psychische Instabilitäten.Es hat allerdings natürlich auch alles seine Grenzen...