Psychologin fordert

25. August 2015 16:10; Akt: 10.09.2015 18:00 Print

«Eltern sollten Kind nicht auf den Mund küssen»

von B. Zanni - Küssen die Eltern ihr Kind auf die Lippen, habe das etwas Sexuelles, findet eine US-Psychologin. Hiesige Experten sehen es nicht ganz so eng.

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«Die Kinder würden sich sofort abwenden, wenn sie die Berührung oder den Kuss nicht mögen», sagt Flavia Frei vom Kinderschutz Schweiz. (Bild: Colourbox/Aliaksei Smalenski)

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Die Eltern drücken Tochter und Sohn beim Abschied einen dicken Schmatzer mitten auf den Mund. Bei Szenen wie diesen schaudert es die amerikanische Kinderpsychologin Dr. Charlotte Reznick. Ihrer Meinung nach hat der Lippenkuss etwas Sexuelles und ist für Kinder verwirrend, wie die britische Zeitung «Daily Mirror» berichtet. Wenn ein Kind mit vier, fünf oder sechs Jahren sein sexuelles Bewusstsein entwickle, könne es den Kuss auf die Lippen als erregend empfinden, sagt die Kritikerin. Auch könnten Kinder das damit verbundene Signal nicht deuten. «Küsst Mama Papa auf den Mund und umgekehrt, was bedeutet es dann, wenn ich, ein kleines Mädchen oder Junge, meine Eltern auf den Mund küsse?»

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Im Internet hat die Kinderpsychologin heftige Reaktionen ausgelöst. Die Gemeinde bezeichnet sie als blöd, krank oder gar pädophil veranlagt. «Die Ärztin muss selbst zum Doktor. Sie scheint Sex mit Zuneigung zu verwechseln», schreibt eine Leserin. Eine andere bestätigt: «Natürlich küssen wir unsere Kinder auf die Lippen. Da ist nichts Sexuelles dabei, sondern nur absolute Liebe und Zuwendung.» Vereinzelt gibt es aber auch Leser, die Reznicks Ansichten teilen. «Richtig, nur Deppen küssen ihre Kinder auf die Lippen, Pädophile!», schreibt jemand. Eine andere Person meint: «Ich stimme zu. Lippenküsse können zu ungewünschten Verwirrungen und inzestuösen Gedanken führen.»

«Küsse auf den Mund sind bei uns eher unüblich»

Psychologe Allan Guggenbühl versteht, dass die elterlichen Mundschmatzer befremdlich sein können. «Im Gegensatz zu südlichen Kulturkreisen ist es bei uns eher unüblich, dass Eltern ihre Kinder auf den Mund küssen», stellt Guggenbühl fest. Er führt das auf die hiesige Körperscheu zurück. «Auch bei Freunden und Bekannten sind unsere körperlichen Umgangsformen distanzierter.» Dennoch würde er die Lippenküsse nicht verbieten. «Solange Eltern damit wirklich nur Zuneigung ausdrücken, ist nichts dabei.»

Flavia Frei, Leiterin des Geschäftsfelds Politik beim Kinderschutz Schweiz, weist darauf hin, dass Mädchen und Jungen schon früh zwischen angenehmen und unangenehmen Berührungen unterscheiden können. «Sie würden sich sofort abwenden, wenn sie die Berührung oder den Kuss nicht mögen. Wichtig ist, dass die Erwachsenen dies ernst nehmen und respektieren.» In der Regel sei ein Kuss als Zeichen der Zuneigung gemeint und Kinder verstünden ihn auch so.

«Eltern müssen sich frühzeitig distanzieren»

Eveline Männel Fretz, Elternberaterin bei Pro Juventute, ist das Thema bekannt. Im Rahmen der Elternberatung stelle sich immer wieder die Frage nach Richtig und Falsch. «Es gibt Eltern, die ihre Kinder gar nie auf den Mund küssen, weil sie sich selber nicht wohl dabei fühlen.» Männel Fretz rät, auf die Signale des Nachwuchses zu achten. «Dreht es den Kopf weg, soll man damit aufhören.» Die Abwehrreaktion gegen die Mundküsse könnten Kinder aber auch durch ein aggressives oder in sich gekehrtes Verhalten ausdrücken. Spätestens, wenn sich das Kind im vorpubertären Alter bewusst abgrenze, sollen sich die Eltern körperlich distanzieren. «Ein Anzeichen dafür ist zum Beispiel, wenn die Tochter oder der Sohn beim Duschen allein im Badezimmer sein will.»

Unterstützung erhält die amerikanische Kinderärztin Charlotte Reznick dagegen von Psychologin Julie Baumer. «Ich würde zwischen Eltern und Kindern einen Kuss auf die Lippen nicht empfehlen», sagt sie. In unserer Gesellschaft werde dies als eher sexuell gefärbte Handlung aufgefasst. Auch für den Kinderpsychologen Heinrich Nufer sind die Mundschmatzer fragwürdig. «Wollen Eltern damit anderen Leuten zeigen, wie innig und toll die Beziehung ist?» Er verstehe nicht, warum noch ein Kuss auf den Mund nötig sei. «Ein Wangenkuss oder eine Umarmung reichen völlig aus, um Zärtlichkeit zu bekunden.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Johannes Schütze am 25.08.2015 16:16 Report Diesen Beitrag melden

    100%

    Psychologen haben definitiv nicht alle Tassen im Schrank!

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  • Jacqueline am 25.08.2015 16:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    20 Jahrhundert sei gegrüßt

    Ich habe meine Kinder lange auf den Mund geküsst und sie haben sich beide (Mädchen und Junge ) normal entwickelt. Aber wir können auch wieder ins 20 Jh zurück als meine Großeltern ihre Eltern noch siezen mussten

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  • Ku Schler am 25.08.2015 16:17 Report Diesen Beitrag melden

    Die arme Gesellschaft

    Leider ist es in unserer Gesellschaft mittlerweile gängig geworden zunehmen physische und psychische Kontakte, sowie menschliche Gefühle abzulehnen. Ein bisschen mehr Liebe und Zuneigung würde niemandem schaden. Ich wette sogar, dass die Produktivität ansteigen würde, würden wir "Kuschelsitzungen" in grossen Firmen abhalten. Der Mensch wird zunehmend unter sozialen Problemen und Zivilisationskrankheiten leiden, wenn Berührungen und Küsse nun schon in der Kindheit tabu sein sollten. Das mit dem inzestuösen Gedankengut ist doch völlig aus der Luft gegriffen...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Mami am 15.09.2015 17:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Elternratgeber die Gesellschaft ohne Kinder

    Ich wette das diese Psychologen keine eigenen Kinder haben. Sie reden über vermeindliche Gefühle, obwohl sie nichts davon nachvollziehen können. Heutzutage ist ja alles pathologisch und man muss immer alles der Gesellschaft anpassen. Für was müssen wir den elterlichen Intuationen folgen? Fragen wir doch die Gesellschaft was wir tun sollen. Nichts ist mehr natürlich. Schade.

  • Ilias am 29.08.2015 19:17 Report Diesen Beitrag melden

    Das Kind muss vorher gefragt werden

    ich fand es auf jeden Fall als Kind immer ekelig, auf den Mund gekuesst zu werden. Das geht sicher auch vielen anderen Kindern so. Vor allem wenn die stinkende Tante das macht

  • chrigu am 27.08.2015 13:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    stillen

    ihhh. ich wurde von meiner Mutter gestillt. diese früh sexuelle Erfahrung die ich zu dieser Zeit gemacht habe. kann man das heute noch tolerieren???

  • stephan a am 26.08.2015 21:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich weiss nicht ob ich lachen oder...

    ...weinen soll. Meine Schwester und ich wurden die ganze Kindheit über von unseren Eltern auf den Mund geküsst. Irgendwann hat sich das dann verflüchtigt. Ich gehe davon aus dass das in der Teeniezeit war. Ich habe nicht das Gefühl dass es mich auf irgendeine Art geschädigt oder sexuell irritiert hatte, geschweige denn hat es mich je auf die nur kleinste Art und Weise erregt! Manchmal habe ich das Gefühl unsere Wissenschaft spinnt und nicht der normale Mensch. All diese Siebenschlauen sollten sich besser um ihr eigenes Sexualleben kümmern als sich beim Fremden einzumischen.

  • Ursula Wettstein am 26.08.2015 21:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kuss auf den Mund

    Und wie lange dauert es noch bis es heisst ein Baby darf nicht mehr gewickelt werden,weil auch das Sexualgefühle auslösen könnte!?

    • Afrim brama am 27.08.2015 09:55 Report Diesen Beitrag melden

      HM?!

      Und wie lange geht es noch bis es heisst es darf nicht mehr geboren werden, Weil das auch Sexualgefühle auslösen könnte.

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