11'000 Fälle jährlich

25. Juli 2019 04:49; Akt: 25.07.2019 08:33 Print

«Er ging fremd und hat mir so Chlamydien angehängt»

Das Chlamydien-Risiko beim Sex steigt. Eine Gynäkologin fordert, dass Krankenkassen die Tests übernehmen sollen, um Ansteckungen einzudämmen.

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«Als ich die Chlamydien-Diagnose von meiner Frauenärztin erhielt, wusste ich nicht einmal, was das genau ist. Ich machte mir grosse Sorgen, als sie mir sagte, dass das unter Umständen zu Unfruchtbarkeit führen kann», erzählt I. S.* (22). Zu diesem Zeitpunkt habe sie bereits ein halbes Jahr unter Symptomen wie Jucken im Intimbereich und Schmerzen beim Sex gelitten. Doch zuerst habe ihre Gynäkologin eine Pilzinfektion vermutet. Als übel riechender Ausfluss hinzukam, sei endlich ein Chlamydientest gemacht worden.

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«Mein damaliger Freund hatte mich angesteckt. Er hatte mich betrogen – offensichtlich ungeschützt, wie ich durch die Diagnose erfuhr. Das war ein Schlag ins Gesicht», sagt S. Sie sei im Grunde sehr vorsichtig und würde immer ein Kondom verwenden. Doch mit ihrem Ex habe sie eine Langzeitbeziehung geführt und die Pille genommen. «Ich dachte, ich könne ihm vertrauen. Er hätte mich auch mit HIV infizieren können.»

«Wir müssen mehr darüber reden»

Nach der Diagnose habe sie eine Antibiotikum-Kur beginnen müssen, genau wie ihr Ex-Freund, doch der habe sich erst dagegen gesträubt. «Ich war wütend. Er schien sich der Tragweite der Infektion nicht bewusst zu sein. Als stiller Träger hatte er keine Symptome», sagt S. Es brauche mehr Aufklärung über Geschlechtskrankheiten. In der Schule spreche man häufig nur von HIV. «Es ist ein Tabuthema und man schämt sich, wenn man betroffen ist. Trotzdem muss darüber geredet werden, damit leichtsinnige Ansteckungen vermieden werden.»

F. B.* (22) hat nur durch Zufall erfahren, dass sie sich mit Chlamydien angesteckt hat. Nach einer Südamerikareise habe sie spontan entschieden, sich auf verschiedene Geschlechtskrankheiten testen zu lassen. «Ich hatte eine Affäre mit einem Südamerikaner, bei dem ich mir die Krankheit geholt haben muss. Als ich ihn einweihte, hatte er keine Ahnung, was Chlamydien sind.» Anders als S. hatte B. weder mit Jucken noch mit Schmerzen zu kämpfen: «Dass ich keine Symptome hatte, hat mich verunsichert. Seither habe ich ständig ein wenig Angst und lasse mich einmal im Jahr testen.»

Hauptsächlich Frauen erkranken

Wie S. und B. erkranken jährlich Tausende an Chlamydien. Im laufenden Jahr hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) bereits 6288 Infektionen registriert. In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Erkrankungen verdoppelt, die Tendenz ist steigend. 2018 hat das BAG insgesamt rund 11'100 Infektionen verzeichnet. Zwei Drittel der Betroffenen sind weiblich. Dafür werden unter anderem Dating-Apps wie Tinder verantwortlich gemacht.

Ina Breinl, Gynäkologin am Fachärztezentrum Glatt, bekräftigt: «Ich beobachte eine steigende Tendenz von Chlamydieninfektionen. Betroffen sind meist eher junge Patientinnen mit wechselnden Partnerschaften.» Weil die Angst vor HIV-Infektionen heute kleiner sei, werde lockerer mit der Frage nach Schutz vor Geschlechtskrankheiten umgegangen.

«Diagnosen sind oft Zufallsbefunde»

Häufig stehe beim gewählten Verhütungsmittel mehr der Schutz vor einer ungewollten Schwangerschaft als jener vor Infektionen im Vordergrund. Daher werde etwa mit der Pille verhütet ohne zusätzliche Nutzung des Kondoms. «Das ist problematisch, da ein Kondom die beste Prävention für sexuell übertragbare Krankheiten ist – sofern kein Anwendungsfehler passiert», sagt Breinl.

Chlamydieninfektionen würden oft «stumm» verlaufen und keine grossen Schmerzen bereiten, sondern eher unspezifische Symptome. Die Diagnosen seien oft Zufallsbefunde im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung, erklärt Breinl. Doch längst nicht alle liessen sich testen: «Bei der Risikogruppe wird ein Screening-Test auf Chlamydien und Tripper empfohlen. Leider ist dieser recht teuer. Es wäre wünschenswert, wenn die Krankenkassen diesen Test übernehmen würden.»

«Gratis-Tests hätten mehr Kosten als Nutzen»

Die Regelungen sind klar: Auf ärztliche Anordnung hin oder bei konkreten Verdachtsfällen übernehmen die Kassen die Tests. Da gerade junge Menschen meist hohe Franchisen haben, müssen sie diese häufig auch dann selbst bezahlen. Matthias Müller, Sprecher von Santésuisse, sagt: «Würde die Grundversicherung Tests flächendeckend und ohne konkreten Verdacht übernehmen, brächte das viel mehr Kosten als Nutzen. Am Ende müssten die Prämienzahler tiefer in die Tasche greifen.»

Erfahrungen mit HIV-Tests hätten gezeigt, dass konkretes Testen bei Verdachtsfällen am sinnvollsten sei. Es gibt unzählige Tests, die man flächendeckend durchführen könnte, das hätte enorme Kosten zur Folge. «Die jetzige Situation ist gut. Natürlich empfiehlt es sich, sich bei Chlamydien-Verdacht testen zu lassen», so Müller.

*Name der Redaktion bekannt

(jk)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Trapptrapp der Indianer am 25.07.2019 07:58 Report Diesen Beitrag melden

    hemmungslos

    Kein Wunder, wenn's die Leute hemmungslos kreuz und quer treiben. Speziell geschaffene Plattformen rufen dazu auf und werden, man staune, vorzugsweise von Frauen genutzt. Dass sich dadurch die "Käfer" rasend schnell verbreiten erstaunt wohl nicht. Und dann sollen's wieder mal die KK richten - als ob wir nicht jetzt schon beinahe von der horrenden Prämien erwürgt würden. Was für eine dekadente Gesellschaft!

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  • Romeo am 25.07.2019 06:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Chlamydien & Co. sharing

    Koitus = Privatsache = eigenes Portemonnaie Und bei aller Liebe, wie kann man sich ungeschützt von Unbekannten flach legen lassen?! Die Kosten für den Test soll jeder brav selber bezahlen. Vor allem die Fremdgeher/-Innen, die sollten gleich doppelt belangt werden (ist nicht umsetzbar).

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  • Paul Breitenmoser am 25.07.2019 10:43 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht nur Männer gehen fremd

    Wieso eigentlich immer Berichte über "Er ging ftemd......"? Es könnte ja im Zeitalter der übertriebenen Gleichschaltung....äh...Gleichberechtigung auch einmal eine Schlagzeile mit "Sie ging fremd....." geben. Schliesslich wird von Männlein und Weiblein fremd gegangen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Rockpower am 25.07.2019 20:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frage

    wer wem?

  • geht schnell am 25.07.2019 20:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    geht schneller als einem Lieb ist

    Ich habe mich auch bei meinem Ex angesteckt, denn ich lis mich zuvor bei der Jahreskontrolle testen. Er hatte es wohl unwissentlich in die Bez. Mitgebracht. (Wir waren beide zuvor in einer Langjährigen Beziehungmit unsern ex-Partner)Bei der Jahreskontrolle dann die "Überraschung". In Zukunft werde ich auf einen Test bestehen vor dem 1.Sex. Aus Fehlern lernt Man.

  • sivi am 25.07.2019 18:45 Report Diesen Beitrag melden

    .....

    Fremdgehen ist eh ein no go. Und dann mit jeder ix beliebigen schlafen dann muss man sich also nicht wundern. Ich schlafe nur mit jemanden die ich liebe und seit min 4 Monaten zusammen bin, weil dann sollte man einen Menschen schon kennen.

  • Antonio am 25.07.2019 18:37 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht so einfach

    Was machen Männer wie ich, die allergisch auf Gummis sind? Nicht so einfach. Hauptsache, sie nimmt die Pille.

  • André am 25.07.2019 18:13 Report Diesen Beitrag melden

    Bin dafür

    Ich hatte auch clamydienbefall und wusste von nichts, weil ich keine Beschwerden hatte. Bei andern Tests auf Bakterien und Infekten zahlt die Kasse ja auch, warum auch nicht für Clamydien..