Angriff auf Nancy Holten

20. Oktober 2019 11:44; Akt: 21.10.2019 09:57 Print

«Er hat mich gepackt und herumgeschleudert»

Die Politikerin Nancy Holten wurde in der Nacht auf Sonntag Opfer eines verbalen und tätlichen Angriffs. Obwohl viele Menschen zusahen, kam ihr niemand zu Hilfe.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Aktivistin und Nationalratskandidatin Nancy Holten ist in der Nacht auf Sonntag am Bahnhof Frick verbal und tätlich angegriffen worden. «Ich habe den Abend in Basel verbracht und bin dann mit dem Zug zurückgefahren. Bereits im Zug fiel mir eine Gruppe von Männern und Frauen auf, die Fussball-Trikots trugen und offensichtlich angetrunken waren», erzählt sie.

Umfrage
Was halten Sie von Überwachungskameras an Bahnhöfen?

Am Bahnhof Frick sei die Gruppe dann zusammen mit ihr ausgestiegen. «Dabei haben sie mich erkannt, mich verbal beleidigt und beschimpft», erzählt Holten. Einer der Männer, der von besonders grosser Statur war, sei ihr nahe gekommen. «Dann habe ich einen Fehler gemacht: Ich habe mein Handy gezückt und Bilder von ihm geschossen.»

«Auf einmal war ich allein mit dem Mann»

Daraufhin sei der Mann ausgeflippt. Er habe ihr das Handy entrissen und sei davongerannt. Holten nahm sofort die Verfolgung auf. «Es waren sicher 30 bis 40 Menschen am Bahnhof. Also habe ich um Hilfe gerufen und geschrien, dass der Mann mein Telefon geklaut habe. Geholfen hat mir aber niemand», erzählt die Politikerin.

Erst als der Mann den Bahnhof verlassen hatte, wurde er von einem Buschauffeur aufgehalten. Daraufhin verlangte er von Holten, dass sie sofort alle Fotos von ihm löschte. Dies habe sie vor seinen Augen auch getan. «Dann musste der Buschauffeur wieder zurück zu seinem Bus und auf einmal war ich allein mit dem Mann.» Mittlerweile war es halb 12 Uhr nachts.

«Er hat mich erneut beleidigt und gesagt, ich solle aus dem Land verschwinden und meinen Mund halten. Dann hat er mich plötzlich hart am Arm gepackt und mich herumgeschleudert», erzählt die gebürtige Holländerin. Dies sei einige Minuten so gegangen. «Ich habe nur noch um Hilfe geschrien und geweint. Ich habe die Leute, die in der Nähe standen, angebettelt, mir zu helfen, aber niemand kam.»

«Ich befürworte Überwachungskameras»

Erst als ein anderer Buschauffeur eingeschritten sei, habe der Mann von ihr abgelassen. Sie sei dann so schnell, wie sie konnte, davongerannt und auch der Mann habe sich vom Bahnhof entfernt. «Ein paar Teenager haben sich schliesslich erkundigt, wie es mir geht, das war nett. Sie haben auch die Polizei gerufen.»

Diese sei wenig später eingetroffen. Über längere Zeit hinweg habe man versucht, den Mann ausfindig zu machen. «Tatsächlich konnte er identifiziert werden», sagt Holten. Der Mann sei der Polizei bereits bekannt gewesen. «Wäre dies nicht der Fall gewesen, hätte man ihn sicherlich niemals identifiziert. Ich kann nicht verstehen, wieso es an Bahnhöfen keine Überwachungskameras gibt. Ich befürworte dies sehr – auch zum Schutz der Frauen.»

Keine Strafanzeige eingegangen

Ob sie eine Strafanzeige gegen den Mann erstatten wird, weiss Holten noch nicht. Es sei eine schwierige Entscheidung, denn es handle sich um einen Familienvater. «Was ich aber niemals vergessen werde: Als ich um Hilfe gerufen habe, haben alle nur zugeschaut. Wo ist die Zivilcourage in unserem Land geblieben?»

Die Kantonspolizei Aargau bestätigt den Einsatz am Samstagabend am Bahnhof Frick. Die Meldung sei gegen 23.45 Uhr eingegangen. Die Regionalpolizei ist daraufhin aufgrund eines Streits zwischen einer Frau und einer Gruppe von Personen ausgerückt. Verletzt worden sei niemand. Es sei auch noch keine Strafanzeige eingegangen. Erst danach könne ein Ermittlungsverfahren eingeleitet werden.

(doz)