Pädophiler Heimbetreuer

03. Februar 2011 09:33; Akt: 03.02.2011 09:40 Print

«Er war sehr beliebt bei den Kindern»

von Joel Bedetti - Der ehemalige Vorgesetzte des Pädo-Monsters erzählt, wieso er Hansjürg S. nach sechs Monaten entliess. Und wie er sich in ihm getäuscht hat.

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Toni Matti ist hörbar aufgewühlt. Der Bereichsleiter Beratungsstellen in der Nathalie-Stiftung war 2008 für ein halbes Jahr der Vorgesetzte von Hansjürg S. 20 Minuten Online hat mit ihm über seinen pädophilen Untergebenen gesprochen.

20 Minuten Online. Herr Matti, wie geht es Ihnen?
Toni Matti: Miserabel, wie der ganzen Belegschaft der Stiftung. Wir fragen uns, wie wir uns in S. so täuschen konnten. Welche Zeichen haben wir übersehen?

Bis 2008 arbeitete er in der Nathalie-Stiftung. Wie haben Sie ihn in Erinnerung?
Es ist schwierig, die Erinnerungen heute objektiv zu bewerten. Wenn sie mich vor einer Woche nach ihm gefragt hätten, würde es wohl ganz anders tönen. Auch wenn er beileibe kein perfekter Mitarbeiter war.

Kannten Sie ihn gut?
Nein. Er war ein stiller, zurückgezogener Mensch. Ich sprach nie über Persönliches mit ihm. Aber er war engagiert und empathisch. Es ist schrecklich. Heute stelle ich mir vor, dass das alles Perfidie war, um an Gelegenheiten für seine Taten zu kommen. Ich weiss aber nicht, ob das so stimmt. Während der Zeit, als ich sein Vorgesetzter war, hatte er nur Tagesdienst.

Sie sagen, er sei kein perfekter Mitarbeiter gewesen.
Er war kein strukturiert arbeitender Mensch. Doch genau das brauchen beispielsweise autistische Kinder. Sie sind froh um geregelte Tagesabläufe. Deshalb, und auch weil sein Stellenpensum zu klein war, kam es dann zum Bruch, als wir 2008 die Stiftung reorganisierten. Ich kündigte ihm.

Gab es auch andere Gründe dafür?
Es war auch seine Art. Er neigte dazu, Intrigen zu spinnen, als ich ihn auf seine Arbeitsweise ansprach. Er setzte sich über Abmachungen hinweg und erzählte Dritten von Gesprächen, die wir vertraulich geführt hatten.

Nachbarn berichten, er sei ungepflegt gewesen. Durfte er sich das erlauben?
Man kann ihn nicht als gepflegt bezeichnen. Aber er war auch nicht verwahrlost, wie man das nach Medienberichten meinen konnte.

Sie kennen seinen Lebenslauf. Absolvierte Hansjürg S. eine ordentliche Ausbildung?
Ja. Er hat einen normalen Abschluss und hat auch einige Weiterbildungen als Therapeut gemacht. Wir müssen uns schon fragen, wie er in all diesen Schulen und Heimen nie auffallen konnte.

Wie gehen Sie hinter die Bücher?
Wir wollen die Sache nicht selbst aufarbeiten. Wir würden den Eindruck erwecken, uns verteidigen oder etwas vertuschen zu wollen. Externe Experten haben bereits damit begonnen, zu analysieren, was falsch gelaufen ist, wie man die Opfer von Hansjürg S. betreuen kann. Kinder mit Behinderungen leben in einer Wahrnehmungswelt, in die auch wir Betreuer nur beschränkt einblicken können. Es ist nicht klar, wie und ob sie sich an seine Taten erinnern.

Mochten die Kinder Hansjürg S.?
Es zerreisst mir fast das Herz, wenn ich das sage. Aber er war beliebt, sogar überdurchschnittlich. Er war wie gesagt empathisch und engagiert, ein stiller Schaffer. Aber heute wissen wir: Es war alles Hinterlist.