Tötung von Chloé (14)

20. Juli 2014 17:52; Akt: 20.07.2014 21:30 Print

«Er wollte der Ex-Partnerin das Liebste nehmen»

von Marco Lüssi - Ein Mann tötet die 14-jährige Tochter seiner Ex-Freundin und nimmt sich danach selber das Leben. Gerichtspsychiater Josef Sachs spricht über die möglichen Motive.

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Herr Sachs, über das Motiv des Mannes, der die 14-jährige Chloé getötet und sich selber umgebracht hat, schweigt sich die Polizei aus. Was für Beweggründe für diese Tat sind denkbar?
Josef Sachs: Tatsächlich ist auffällig, wie wenig die Polizei über die genauen Umstände der Beziehung zwischen dem Täter, dem Opfer und dessen Mutter sagt. Vermutlich will sie die laufenden Ermittlungen nicht gefährden. Ich halte eine ganze Palette von Motiven für denkbar.

Welche kommen in Frage?
Es könnte sein, dass er seine Ex-Partnerin bestrafen wollte, indem er ihr mit der Tochter das Liebste nahm. Neben diesem Rachemotiv wäre auch denkbar, dass er eine sexuelle Beziehung zu der 14-Jährigen hatte und sie mundtot machen wollte. Oder er litt an einer psychischen Krankheit, die ihn zu dieser Tat trieb – an Depressionen oder an einer wahnhaften Erkrankung.

Welches mögliche Motiv halten Sie für das wahrscheinlichste?
Um die Wahrscheinlichkeit beurteilen zu können, weiss ich zu wenig über den Fall. Generell kann man aber sagen, dass Straftaten aus narzisstischen Gründen zunehmen. Das würde heissen, dass er die Tat aus der Kränkung heraus beging, die er durch das Ende der Beziehung mit der Mutter von Chloé erlitten hatte.

Nachdem er Chloé getötet hatte, erschoss sich der Täter. Warum hat er auch sein eigenes Leben ausgelöscht?
Wenn die Trennung von der Mutter der Grund für die Tat war, gab es für ihn keinen Grund mehr weiterzuleben, denn mit der Tötung der Tochter hatte er diese Beziehung für immer zerstört. Vielleicht hat er sogar den Entschluss, sich das Leben zu nehmen, gefällt, bevor er entschied, das Mädchen in den Tod mitzunehmen. Er wollte nicht mehr leben, wollte aber nicht leise, sondern mit einem grossen Drama aus dem Leben gehen. Weil es ihm nicht gut ging, sollte es auch seiner Ex-Partnerin für immer schlecht gehen. Die Tat spricht dafür, dass es diesem Mann nur um sich selber ging und er sein Leid über alles stellte.

Hatte er diese Tat von langer Hand geplant?
Das Vorgehen spricht jedenfalls dafür, dass es keine reine Affekthandlung war. Der Täter musste dafür sorgen, dass er eine Waffe bei sich hatte und dass er wusste, wann und wo er Chloé abpassen konnte. Dann aber musste er schnell handeln, weil er damit rechnen konnte, dass nach dem Verschwinden des Mädchens Alarm geschlagen würde. Den Plan, diese Tat zu begehen, hat er wohl eine Zeitlang mit sich herumgetragen.

Hätte sich diese Tragödie verhindern lassen?
Es kommt vor, dass Täter solche Verbrechen ankündigen. Denn so etwas zu planen, ist auch für die Täter belastend. Manche haben daher das Bedürfnis, mit jemandem darüber zu sprechen. Meist tun sie dies jedoch nicht gegenüber den Betroffenen, sondern beispielsweise gegenüber Kollegen oder anderen Drittpersonen. Wenn dies auch hier der Fall gewesen wäre, hätte man vielleicht eingreifen können. Doch ob der Täter jemanden eingeweiht hat, wissen wir nicht.

Kommt es oft vor, dass Männer nach Trennungen den Kindern der Ex-Partnerin etwas antun?
Kindesentführungen beobachtet man in solchen Situationen immer wieder. Dass es aber zur Tötung kommt, geschieht glücklicherweise sehr selten.