Nacktfoto-Drama um Finnin (14)

01. November 2018 05:39; Akt: 01.11.2018 09:33 Print

«Ein solcher Täter gehört ins Gefängnis»

Der tragische Fall von Sextortion wird zum Thema im Bundeshaus. Politiker von links bis rechts wollen das Strafgesetz verschärfen.

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Am Donnerstag steht ein heute 30-jähriger Schweizer wegen sexueller Handlungen mit einem Kind, Nötigung und Pornografie vor dem Bezirksgericht Uster. Im Juni 2017 nahm sich eine 14-jährige Finnin das Leben, nachdem sie von ihm erpresst worden war. Die beiden lernten sich im Internet kennen, er drängte sie dazu, Nacktbilder und Videos mit sexuellem Inhalt zu machen. Diese veröffentlichte er unter ihrem echten Namen auf einer Pornowebsite.

Die Staatsanwaltschaft fordert zwei Jahre Haft, diese soll allerdings zugunsten einer ambulanten Therapie aufgeschoben werden. Der Suizid ist nicht Teil der Anklage, da eine Verbindung zu den Taten des Schweizers nicht nachgewiesen werden kann.

Täter zeigt keine Reue

Jetzt schildert der Angeklagte seine Sicht der Dinge: «Ich wollte nur ein bisschen Druck machen. Ich hoffe, die Sache ist bald vergessen», sagt der 30-Jährige zum «Blick». Schuldig am Tod des jungen Mädchens fühlt er sich nicht. Stattdessen macht er sich Sorgen, dass der Fall negative Konsequenzen für ihn haben könnte: «Ich habe Angst, dass die Sache an mir hängen bleibt.» Er habe schon Monate vor dem Suizid keinen Kontakt mehr mit dem Mädchen gehabt Er habe erst in der Untersuchungshaft vom Selbstmord erfahren. Dass er ihr aber mit den Nacktbildern gedroht hat, gibt er offen zu: «Ja, ich drohte mit ihren Nacktbildern. Und ja, ich habe sie auch ins Netz geladen.»

«Bei Taten im virtuellen Raum sind die Strafen zu tief»

Parlamentarier fordern nun härtere Strafen bei Cyberdelikten. Für CVP-Nationalrätin Viola Amherd etwa ist klar, dass das Strafgesetz nicht ausreicht – gerade bei Fällen, in denen ein Opfer durch Cyber-Mobbing, Sextortion oder das Weiterverbreiten von Nacktbildern in den Tod getrieben wird: «Meist führen mehrere Gründe dazu, dass sich eine junge Person das Leben nimmt. Das Veröffentlichen von Nacktfotos auf einem Pornoportal kann aber das Fass zum Überlaufen bringen.» Heute komme ein Täter zu glimpflich davon.

Amherd fordert jetzt einen eigenen Strafartikel, um solche Delikte schärfer ahnden zu können: «Heute muss man sich mit Straftatbeständen wie sexuellen Handlungen mit Kindern, Nötigung oder Pornografie behelfen. Weil die Taten aber im virtuellen Raum stattfinden, fallen die Strafen zu mild aus.» Wichtig sei auch, dass schon Grooming – also das gezielte Ansprechen von Kindern durch Erwachsene mit sexuellen Absichten – geahndet werden könne. «Heute kann die Polizei erst einschreiten, wenn es zu spät ist.»

«Ein solcher Täter gehört ins Gefängnis»

Unterstützung erhält Amherd von SVP-Nationalrätin Natalie Rickli. «Ich würde einen Cyberartikel begrüssen. Der Tod des finnischen Mädchens sei schockierend, zumal der Beschuldigte die Suiziddrohung des Mädchens einfach ignoriert habe. «Vor diesem Hintergrund und angesichts der Vorstrafen ist es unverständlich, wieso die Freiheitsstrafe durch eine ambulante Therapie aufgeschoben wird.» Ein solcher Täter gehöre ins Gefängnis.

Auch Yvonne Feri (SP) sieht Lücken im Umgang mit solchen Tätern. «Erschreckend ist, dass der Suizid im Prozess nicht genauer angeschaut wird, liegt es doch auf der Hand, dass ein Zusammenhang besteht.» Das Strafrecht sei aber schon verschärft worden. Zudem ist laut Feri im Parlament ein Vorstoss hängig, der bei sexuellen Handlungen mit Kindern bis zu 10 Jahren Gefängnis verlangt. Heute liegt die Maximalstrafe bei fünf Jahren. «Kinder und Jugendliche können ein Leben lang unter sexuellen Belästigungen und Übergriffen leiden, daher braucht es zwingend höhere Strafen, als es heute möglich ist.»

«Ihn einfach hinter Gitter zu sperren, ist problematisch»

Strafrechtsprofessor Peter Albrecht kann den Antrag der Staatsanwaltschaft verstehen: «Es gibt in der Regel ein psychiatrisches Gutachten, das eine solche Massnahme empfiehlt und den Täter als therapierbar einstuft. Eine ambulante Massnahme kann die Rückfallgefahr am effektivsten reduzieren, da der Täter in seinem gewohnten Umfeld therapiert werden kann. Einen solchen Täter einfach für zwei Jahre hinter Gitter zu sperren, ist problematisch, da er nachher oft noch eine Gefahr für die Gesellschaft darstellt.» Auch eine Therapie im Gefängnis sei oft weniger wirksam, da es dort in der Regel an einem therapiefreundlichen Umfeld mangelt.

Eine Verbindung zwischen der Erpressung und dem Suizid des Mädchens herzustellen, sei für die Justiz schwierig, sagt Albrecht: «Man muss nachweisen können, dass der Tod eine direkte Folge des Verhalten des Beschuldigten ist. Das ist eine hohe Hürde, da bei einem Suizid in der Regel viele Faktoren zusammenspielen und eine Kausalität nicht abgeleitet werden kann.»

Bundesrat sieht keinen Handlungsbedarf

Laut Daniel Freitag, Strafrechtler an der Universität Zürich, darf sich die Politik nicht zu viel von einem Grooming- oder Sextortion-Paragraphen versprechen: «Wenn eine minderjährige Person nur angeschrieben wird, ist eine sexuelle Absicht schwer zu beweisen. Geht der Täter dann weiter, handelt es sich oft bereits um versuchte sexuelle Handlungen mit einem Kind oder um Nötigung. Die Lücke, die man im Parlament versucht zu füllen, ist also klein. Es ist nicht unbedingt die schlauste Idee, aber auch nicht die dümmste.»

Der Bundesrat sieht zurzeit «keinen Bedarf für neue Regulierungsmassnahmen», wie er in einer Antwort zu einer Interpellation von Yvonne Feri von 2017 schreibt. Er verweist auf eine Reihe von bereits erfolgten Verschärfungen: Neu werden Personen bis zum 18. Altersjahr vor der Mitwirkung bei sexuellen Darstellungen geschützt, der Konsum von verbotener Pornografie wurde unter Strafe gestellt. Weiter wird neu bestraft, wer eine minderjährige Person anwirbt, damit diese an einer pornografischen Vorführung mitwirkt. Angesichts dieser Sachlage sei eine weitere Abklärung, ob die heutigen strafrechtlichen Grundlagen zeitgemäss und griffig sind, momentan nicht notwendig.

(daw/the)