Tanz-Demo in Bern

05. Juni 2012 07:23; Akt: 05.06.2012 08:47 Print

«Es braucht ein Ventil, um Dampf abzulassen»

von Antonio Fumagalli - In Bern haben sich über 10 000 Personen «freigetanzt». Aber weshalb eigentlich? Und gibt es nun jedes Wochenende eine Party-Demo? Ein Kenner der Jugendkultur erklärt.

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In der Nacht auf den Sonntag, 3. Juni 2012, tanzten zehntausend Menschen durch die Innenstadt von Bern. Begleitet wurden die Tanzenden von Musikwagen, die mit ihrem Sound ordentlich einheizten. Unter dem Motto «Tanz dich frei» demonstrierten sie so für mehr Freiräume und weniger behördliche Beschränkungen. Am Tag nach «Tanz dich frei»: Viel Arbeit für die Putzequipe - die Sprayer schreckten auch vor dem Bundeshaus nicht zurück. Berns Innenstadt ist innert Stunden in eine Party-Meile verwandelt worden. Während des Umzugs wurden auch Knallpetarden gezündet. Die Polizei tolerierte den Umzug, zeigte sich aber sehr präsent. Die Menschenmasse feierte noch bis in die frühen Morgenstunden. Schon am frühen Abend hatten sich die ersten Demonstranten vor der Reitschule versammelt. Getanzt wurde überall - auch auf dem Dach einer Tramhaltestelle. Die Stimmung in Berns Strassen war ausgelassen. Der ganze Bundesplatz war gefüllt mit Tanzenden. Partygänger kletterten gar auf den Baldachin beim Berner Hauptbahnhof und zündeten Petarden. Die Demonstranten warteten auch mit originellen Spruchbändern ... ... oder symbolträchtigen Dekoelementen auf. Um fünf Uhr morgens gab die Berner Band Patent Ochsner bei der Reithalle noch ein Spontankonzert. Der Bundesplatz nach der Tanz-Demo. Am Rande kam es zu Schlägereien und Tätlichkeiten. Bei der Polizei gingen zudem unzählige Lärmklagen ein. Am frühen Morgen zeigte sich dasselbe Bild wie jeweils nach der Fasnacht und nach grossen Fussballspielen - die Strassen waren übersät mit Abfall und die Sanitätspolizei barg zahlreiche Alkoholleichen.

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Herr Nigg*, waren Sie überrascht vom Ausmass der «Tanz-Demo»?
Ja. Letzte Woche - zu diesem Zeitpunkt waren auf Facebook rund 6000 Personen angemeldet - wurde ich nach einer Einschätzung gefragt. Aufgrund der Erfahrung ähnlicher Anlässe ging ich davon aus, dass es letztlich weniger sein werden. Da habe ich mich geirrt. Das perfekte Wetter hat aber natürlich auch einen Einfluss gehabt.

Letzten Sommer haben illegale Grossanlässe in Zürich für Aufregung gesorgt, nun die Berner Party-Demo. Sind wir mit einem neuen Massenphänomen konfrontiert?
Man darf die Anlässe nicht verwechseln. Die Zürcher Behörden wussten gar nicht wirklich, mit wem sie es zu tun hatten. Da steckten keine wirklichen Organisatoren dahinter. Das war in Bern anders: Die Aktivisten aus dem Umfeld der Reithalle kennt man gut, auch Verantwortliche aus der Klubszene waren dabei. Aber selbstverständlich gibt es Parallelen.

Die schnelle und offenbar äusserst effiziente Mobilisierung über soziale Medien?
Ja, aber nicht nur. Die heutige Jugend steht unter einem enormen gesellschaftlichen Druck. Wir haben glücklicherweise keine Massenarbeitslosigkeit wie in Spanien oder Griechenland, aber es muss richtig «gekrampft» werden. Irgendwo braucht es ein Ventil, um diesen Dampf abzulassen. Wenn dieser verstärkte Drang nach Freiheit und Selbstbestimmung dann mit dem oftmals streng reglementierten Nachtleben kollidiert, reicht dies, um eine Massenbewegung auszulösen.

Also stufen Sie die «Tanz-Demo» als politischen Anlass ein?
Im Gegensatz zu den 68er- und 80er-Bewegungen hat es heute ohne Zweifel mehr Beteiligte, die aus purem Spass an solch einer Demo teilnehmen. Das gilt aber längst nicht für alle. Auch wenn es heute einfacher ist, Leute zu mobilisieren: Die neuen Kommunikationsmittel können eine Bewegung nicht schaffen, sie können sie nur verstärken. Es braucht stets eine Ursache für solch eine massive Teilnahme.

Gibt es bald jedes Wochenende eine Party-Demo?
Gewiss nicht. Aber wenn die Umstände so bleiben, müssen sich unsere Städte darauf einstellen, dass derartige Veranstaltungen in Zukunft vermehrt ins Leben gerufen werden.

Werden die Forderungen der Organisatoren für mehr kulturelle Freiräume von Erfolg gekrönt sein?
Das ist schwierig abzuschätzen. Aber ich kann den Berner Behörden nur raten, gut herauszuhören, wo die Brennpunkte sind. Sonst riskiert man, dass es bei einem nächsten Anlass grössere Probleme als dieses Mal gibt.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Markus Wegmann am 05.06.2012 08:24 Report Diesen Beitrag melden

    Dampf ablassen?

    Macht Sport, das tut euch auch noch gut.

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  • Matthi-As am 05.06.2012 07:43 Report Diesen Beitrag melden

    Ich muss auch Dampf ablassen

    Wegen der vielen 30er Zonen in den Städten und der Autofeindlichen Politik derselben, ich denke ich werde mal mit 50 km/h auf dem Bundesplatz rumfahren mit hunderten anderen Autofahrern.

    einklappen einklappen
  • bb am 05.06.2012 08:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    bb

    Nur so an alle du auf "der heutigen jugend" rumtrampeln, fragt mal eure eltern wie begeistert sie von eurer jugend wahren. jede generation ist anders, sollte man endlich begreifen. eigentlich sollte man junge stärker gewichten, sie sind die zukunft. und mit dem massiven demografischen veränderungen wird es wohl häufiger probleme geben, da es massiv mehr ältere menschen gibt welche in einer demokratie natürlich mehr einfluss haben...

Die neusten Leser-Kommentare

  • Walter_R am 06.06.2012 10:32 Report Diesen Beitrag melden

    Partys sind ja in Ordnung, aber

    Es ist ja nichts gegen Partys einzuwenden, aber geht das wirklich nicht, um einfach nur zu feiern und Spass zu haben? Ist "Jugendkultur" und Partys feiern nicht möglich ohne politischen Hintergrund, ohne riesige Müllberge zu hinterlassen, ohne dass es zu Krawallen kommt, ohne gewaltbereite vermummte Gestalten, ohne Spraydosen, ohne Knallpetarden, ohne Sachschaden anzurichten, ohne Schlägereien anzuzetteln, ohne sich mit der Polizei anzulegen, ohne sich ins Koma zu saufen?

  • Benjamin Schweizer am 05.06.2012 21:18 Report Diesen Beitrag melden

    Warum hört man nicht einfach mal hin?

    Ich find es schade, wie viele hier von der ältern oder auch jüngeren Generation aufheulen, weil die Jugend demonstriert. Statt alles direkt zu verurteilen, sollte man zuerst einmal hinhören um was es genau geht, viele haben es leider noch nicht begriffen und werden es leider wohl nicht begreifen. Natürlich kann man die heutigen Jugend nicht mehr mit der vor 50 Jahren vergleichen. Druck wird anders interpretiert, Freiheit genauso, Zukunftsperspektiven sind in erster Linie nicht ersichtlich, der Sicht punkt ist ein völlig anderer. Wenn man zuhören würde, könnte man verstehen.

  • Debi am 05.06.2012 20:24 Report Diesen Beitrag melden

    Cooli Sach !

    Yeah Streetparade von jetzt an auch in Bern zu sehen :D

  • Schnider Janick am 05.06.2012 11:01 Report Diesen Beitrag melden

    CH Politik

    Was nicht verboten ist, ist obligatorisch! -> das ist das Problem!

  • Agnos am 05.06.2012 10:52 Report Diesen Beitrag melden

    Jaja die böse böse Jungend

    Einige hier sollten sich vielleicht mal (wieder) Sokrates Zitat zur Jungend durchlesen.