Kein Bock auf CH-Pass

29. Juni 2013 10:45; Akt: 30.06.2013 09:33 Print

«Es bringt mir nichts, mich einzubürgern»

von Désirée Pomper - 98 Prozent aller Ausländer, die sich in der Schweiz einbürgern lassen könnten, verzichten darauf. Gegenüber 20 Minuten erzählen fünf Betroffene, warum.

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Viele Ausländer haben gar keine Lust sich einbürgern zu lassen. Zum Beispiel Roger aus Dänemark (oben) oder der Kroate Mihael.

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Nur zwei Prozent aller Ausländer, die die Voraussetzungen für eine Einbürgerung erfüllen, tun dies denn auch. Grund dafür sind das langwierige Prozedere, die Kosten von mehreren tausend Franken und der Militärdienst. Doch auch negative Erfahrungen mit Schweizern haben vielen Ausländern die Lust auf den roten Pass vergällt.

Sven, 21, deutsche Staatsangehörigkeit: «Schikanen gegen Deutsche»
«Ich wurde 1991 in Zürich geboren und bin hier aufgewachsen. Ich habe viele Schweizer Freunde und kann mir nicht vorstellen, nach Deutschland zu ziehen. Als Kind spielte ich mit dem Gedanken, Schweizer zu werden. Doch mit 16 spürte ich erstmals die Ausländerfeindlichkeit vieler Schweizer. Nicht seitens der «SVP-Bauern», sondern vor allem von Städtern. Damals begann das ganze Steuertheater mit Deutschland und die «Indianer»-Diskussion um Peer Steinbrück ging los. Ich fühlte, wie mein Umfeld, auch mein Berufsschullehrer, sensibler auf Deutsche reagierte. Am schlimmsten war es während der EM und WM. Man gönnte den Deutschen keinen Sieg. Man durfte sich über kein deutsches Tor freuen, wurde als «arrogante Gummihälse» oder als «Schiissdütschi» beschimpft. Der Spott wurde schlimmer, wenn Deutschland verlor. Dann musste ich mir von jedem zweiten den Witz mit der «dritten Niederlage» anhören. Sympathien für die Deutsche Elf hatten vor allem Leute vom Balkan. So schaute ich die Fussballspiele zunehmend in ausländischen Pubs. Wegen dieser Schikanen baute ich eine Abwehrhaltung gegenüber dem Schweizer Nationalgedanken auf. Mein Nationalstolz wuchs mit der steigenden Feindlichkeiten gegenüber Deutschland von Tag zu Tag. Mir ist die Lust, Schweizer zu werden, vergangen. Abgesehen davon, kann man so auch kostenlos auf die RS und WKs verzichten.»


Mihael, 19, kroatische Staatsangehörigkeit: «Kein Bock mich an einen Ort zu binden»
«Ich wurde in der Schweiz geboren, habe erfolgreich eine Ausbildung abgeschlossen und stehe am Anfang meiner Laufbahn. Nicht Kroatien, sondern die Schweiz ist meine Heimat. Hier fühle ich mich wohl. Hier möchte ich mein Leben verbringen. Ich lebe mein Leben nach Schweizer Werten und finde die Kultur in unserem Land spannend. Ich wollte die Schweizer Bürgerschaft beantragen. Doch ich hatte ausser Acht gelassen, dass Bestimmungen auf Kantons- und Gemeindeebene bestehen. Man muss fünf Jahre ohne Unterbruch in der gleichen Gemeinde gelebt haben. Doch die Gemeinde, in der ich meine ganze Kindheit verbrachte, habe ich mit 18 verlassen. Jetzt lebe ich in der Westschweiz, weil ich im Rahmen meines Jobs bei der Post einen obligatorischen Sprachaufenthalt absolvieren muss. Ich finde diese Gesetzgebung veraltet, wenn man beachtet, dass man aus beruflichen Gründen oft umziehen muss und die heutige Gesellschaft mobil geworden ist. Ich aber habe keinen Bock, mich in meinen jungen Jahren an einen Ort zu binden, nur um Schweizer zu werden. Ich will studieren und mich weiterbilden. Ich will andere Regionen der Schweiz erkunden, deren Kultur kennenlernen und verstehen. Es ist ein Dilemma. Will ich nun Schweizer Bürger werden oder den Rest des Landes kennenlernen? Ich kenne viele Ausländer, denen es ähnlich geht. Ich hoffe, dass die Politik sich dieser Problematik annimmt.»

Antonella*, italienische Staatsbürgerschaft: «Ich bin stolz Italienerin zu sein»
«Es ist nicht so, dass ich etwas gegen die Schweiz hätte. Ich lebe gerne hier und bin gut integriert. Meine Eltern kamen in jungen Jahren in die Schweiz. Meine Geschwister und ich sind hier geboren. Wir haben alle eine Lehre abgeschlossen und arbeiten in grossen Unternehmen. Dennoch habe ich kein Bedürfnis den Schweizer Pass zu beantragen. Denn – egal was man macht – wir werden hier immer als Ausländer wahrgenommen. Viele geben einem zu verstehen, dass man nicht dazugehört. Wörter wie «Tschingg» sind verletzend. Das löst viele schlechte Gefühle in einem aus. Erinnerungen werden wach – damals im Kindergarten, als die «kleine Italienerin» angespuckt wurde, weil sie keine Schweizerin war. Obwohl man hier geboren wurde muss man den ganzen Papierkram erledigen und muss dafür auch noch bezahlen. Man bleibt immer Ausländer, egal ob man einen Pass hat oder nicht. Ich bin stolz Italienerin zu sein. Ich fände es gut, wenn die Einbürgerung für in der Schweiz geborene Ausländer erleichtert würde. Man sollte uns nicht noch mehr Steine in den Weg legen.» (*Name geändert)

Roger Adolsen, 50, Holländer: «Ich sehe keine Vorteile»
«Ich hätte mich bei der Heirat mit meiner Schweizer Frau einbürgern lassen können. Doch ich habe mich dagegen entschieden, weil ich weder Vor- noch Nachteile gesehen habe. Ich lebe seit dreissig Jahren hier und wurde von Beginn an integriert. Ich fühle mich auch ohne Pass als Schweizer. Abstimmen kann ich zwar nicht. Doch wenn mir ein Thema am Herzen liegt, dann kann ich meine Frau beeinflussen. Sie geht dann quasi für mich abstimmen. Oft sind wir aber sowieso einer Meinung. Ich glaube, dass es vielen so geht wie mir. Sie sehen keinen Nutzen. Das hat aber sicher nicht mit dem Schweizer Volk zu tun.»

Maria, 48, spanische Staatsbürgerschaft: «Für Alleinerziehende nicht bezahlbar»
«Ich bin Spanierin und hier geboren. Meine drei Kinder (5, 8 und 10 Jahre alt) sind ebenfalls Spanier. Für mich als alleinerziehende Mutter ist das ganze Einbürgerungsverfahren schlicht nicht bezahlbar. Deshalb habe ich auch keine Lust auf den Schweizer Pass.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Chris am 01.07.2013 10:18 Report Diesen Beitrag melden

    Schweizer mit Migrationshintergrund

    Was bringt mir die Einbürgerung, wenn ich danach als sogenanter "Schweizer mit Migrationshintergrund" gelte ?

  • CH Büreger mit 20 J Auslanderfahrung am 29.06.2013 11:46 Report Diesen Beitrag melden

    noch nie fremde Länder gesehen...

    dia Sache ist relativ schnell erklärt, wenn ich hier die verschiedenen Zeilen lese: Die Schweizer, welche kaum wissen wo die Landesgrenzen sind und schon gar nie im Ausland weder gelebt, noch mit versch. Nationen gearbeitet haben, das heisst, noch nie im Leben fremdes Brot gegessen haben, sich aber mit CH-Militär brüsten, die haben die grösste Klappe. Genau diese Leute sollten 5 Jahr im Ausland leben müssen, dann lernen Sie, über die Nasenspitze zu sehen!

  • Bin Schweizer am 01.07.2013 11:30 Report Diesen Beitrag melden

    Unglaublich!

    Unglaublich was hier für Szenen beschrieben werden! Muss man sich als Schweizer ja schämen was die Landsleute machen. Ich verstehe diesen Fremdenhass nicht! Ich verstehe wenn man etwas hat gegen Menschen, welche sich falsch verhalten, aber da spielt ja die Nationalität keine Rolle. So wie es scheint verhalten sich eher die Schweizer falsch gegenüber den Deutschen und anderen Ausländern.

Die neusten Leser-Kommentare

  • A. Alice am 01.07.2013 11:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ausländer

    Also, ich glaube es geht allen so, wenn wir im Ausland sind, sind wir auch Ausländer und das merken wir auch am eigenen Leib. Nicht unbedingt in den Ferien, denn dann sind wir Willkommen, wenn wir danach wieder zurück gehen. Es ist doch auf der ganzen Welt dasselbe.

  • Lucien B. am 01.07.2013 11:42 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht alles Gold was glänzt...

    Es ist nicht überall Schweiz drin, wo Schweiz draufsteht. Das Prinzip Schweizermacher funktioniert nicht. Das musste schon Walter Roderer lernen und 20 Jahre später haben wir das anscheinend wieder vergessen. Wieso gibt es Einbürgerungen? Das ist ein Angriff der Linken, damit sie in der Zeitung schreiben können: "Schweizer Raser zu 1 Jahr Haft verurteilt". Mit solchen Strategien können Sie höchstens Mäuse fangen aber nicht mich..

  • K.W. am 01.07.2013 11:39 Report Diesen Beitrag melden

    antwort an mihael

    Mihael gebe ich recht die hauptsache man kann vorweisen das man schon x jahre in der schweiz wohnt aber die gemeinde oder kanton sollte keine rolle spielen. ich finde auch das gewisse viel zu schnell und unüberlegt eingebürgert werden und die wo wirklich sich als schweizer fühlen und das wollen denen werden steine in den weg gelegt.

  • Bin Schweizer am 01.07.2013 11:30 Report Diesen Beitrag melden

    Unglaublich!

    Unglaublich was hier für Szenen beschrieben werden! Muss man sich als Schweizer ja schämen was die Landsleute machen. Ich verstehe diesen Fremdenhass nicht! Ich verstehe wenn man etwas hat gegen Menschen, welche sich falsch verhalten, aber da spielt ja die Nationalität keine Rolle. So wie es scheint verhalten sich eher die Schweizer falsch gegenüber den Deutschen und anderen Ausländern.

  • Anita H. am 01.07.2013 10:49 Report Diesen Beitrag melden

    Was bin ich denn nun?

    Ob ich jetzt einen kosovarischen Pass oder Schweizerpass besitze, egal wo ich hingehe, werde ich immer 'die Ausländerin' bleiben. Gehe ich in meine Heimat bin ich 'die Schweizerin' - in der Schweiz bin ich 'die Kosovarin'. Was bin ich denn nun? Fakt ist: auch mit Schweizerpass bin ich aus sicht der Schweizer die eingebürgerte Kosovarin ;-) Also nehmts fresh!