Lehrmeister über Lehrlinge

06. November 2019 04:44; Akt: 06.11.2019 08:43 Print

«Es fehlt an Disziplin und Durchhaltewillen»

von Noah Knüsel - Viele Lehrlinge sind nach der Schnupperlehre enttäuscht vom Berufsalltag. Jetzt schlagen Lehrmeister zurück: Man müsse sich auch mal durchbeissen können.

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Nur noch der «Löli für alle sein» oder die am Schnuppertag gezeigten Aufgaben gar nie machen dürfen: Zahlreiche 20-Minuten-Leser berichteten, sie seien nach der Schnupperlehre vom Berufsalltag ernüchtert gewesen.

Doch auch für Lehrmeister können Lehrlinge eine Herausforderung sein. Drei von ihnen erzählen, worauf sie bei der Rekrutierung achten, und was für sie gar nicht geht.

Matthias Ritter, Chef einer Bedachungsfirma mit 12 Mitarbeitern und SVP-Landrat (BL):
«Lehrlinge sind nicht mehr belastbar»

«Ich wurde in den letzten Jahren einige Male von neuen Lehrlingen enttäuscht. Sie waren motiviert in der Schnupperwoche, aber im Berufsalltag sah es anders aus. Denn der Beruf ist kein Zuckerschlecken, es ist harte körperliche Arbeit. Einerseits sind die Lehrlinge überfordert oder finden es zu anstrengend, andererseits fehlt auch der Durchhaltewille und eine gewisse Disziplin. Das liegt auch an der Erziehung und am Zeitgeist. Man ist nicht mehr so belastbar wie früher.

Aber es gibt auch mehr Stress: Schulabgänger müssen unbedingt eine Lehrstelle finden, und auch auf der Baustelle hat der Termindruck zugenommen.»

Sandra Sollberger, Malermeisterin mit 14 Mitarbeitern und SVP-Nationalrätin:
«Schnupperlehrling war am Handy»


«Uns ist die Rekrutierung sehr wichtig. Wir haben einen mehrstufigen Prozess, in dem wir etwa auch mit den Eltern Gespräche führen und schauen, in welchem Umfeld der Lehrling lebt und wo es Probleme geben könnte.

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Da wir so viel Aufwand bei der Rekrutierung betreiben, haben wir in der Lehre selbst wenig Probleme. Bei der Schnupperlehre schon eher: Am häufigsten haben wir beobachtet, dass Schnupperlehrlinge zu viel am Handy sind oder dass sie unpünktlich sind und sich schlecht vorbereiten. Für mich liegt das an der Erziehung. Respekt gegenüber Mitmenschen, dazu zähle ich die Pünktlichkeit, muss man von klein auf erlernen. Das ist klar Aufgabe der Eltern.

Ich erwarte von einem Schnupperlehrling, dass er zuverlässig ist und vollen Einsatz zeigt. Denn auch die Lehre wird kein Zuckerschlecken. Wir versuchen, unsere Schnupperwoche so realitätsnah wie möglich zu gestalten. Der Schnupperlehrling geht mit auf die Baustelle und sieht den dortigen Alltag.»

Stefan Gaug, Berufsbildner für Elektroniker in einem Betrieb mit 120 Mitarbeitern:
«Versuchen, ein möglichst breites Bild zu zeigen»


«Vielleicht hatten wir bis jetzt immer Glück, aber wir hatten noch nie Probleme mit Lehrlingen. Der eine oder andere ist etwas vorlaut, aber das ist nicht schlimm. Immer noch besser, als wenn sie zu schüchtern sind. Man merkt aber schnell, wenn jemandem der Beruf nicht gefällt. Weil Elektroniker ein sehr technisch-mathematischer Job ist, gibt es sowieso nur einen kleinen und relativ spezifischen Teil der Schulabgänger, der sich dafür interessiert.

Was aber tatsächlich ein Problem ist: Im ersten Lehrjahr hat man sehr wenig Basiswissen, daher können die Lehrlinge noch nicht so viel machen. So kann es eintönig werden. Das wird aber im zweiten und dritten Lehrjahr besser.

Wir versuchen, in der Schnupperlehre ein möglichst breites Bild zu zeigen. Wenn man aber im ersten Lehrjahr merkt, dass einen die Materie Elektronik weder im Betrieb noch in der Berufsschule interessiert, sollte man besser eine neue Lehre beginnen.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Der Lehrer am 06.11.2019 05:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Erziehung hinterfragen

    Ich bin Oberstufenlehrer und stelle tatsächlich fest, dass viele Eltern versuchen, ihren Kindern wirklich alle Steine aus dem Weg zu räumen. Bis zum Schulabschluss (und darüber hinaus) wird ihnen die Wäsche gemacht und das Znüni gerichtet. Wenn es ein wenig regnet, werden sie zur Schule und ins Training gefahren. Läuft die Nase, werden sie krank gemeldet. Im Haushalt zu helfen ist gar kein Thema. Dafür bekommen sie PC's, beste Handys und einen Netflixzugang. Jede mögliche Belastung wird vermieden. Wie sollen die Kids dann durchhalten können, wenn sie plötzlich bei der Lehre richtig gefordert werden? Wichtig: Kritisiert nicht die Kids, sondern deren Erziehung, der sie "machtlos" ausgeliefert sind.

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  • LP am 06.11.2019 05:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Freuet euch

    Ich bin Oberstufenlehrer und wir haben dasselbe festgestellt. Sie kommen so aus der Primar und vieles hängt mit den Reformen und dem neuen Lehrplan zusammen. Man darf ja kaum noch was verlangen bzw sind sie es sich nicht mehr gewöhnt. An etwas sitzen, durchbeissen, etwas aushalten können...Nada. Es wird also noch schlimmer. Wenn ihr also denkt, ihr hattet schlimme Lehrer und eine mühsame Schulzeit, dann überlegt auch mal, ob es nicht doch auch förderlich für viele war (ausgenommen sind klar umfähige Lehrpersonen, welche Schüler gezielt fertig machen).

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  • Naturkind am 06.11.2019 06:35 Report Diesen Beitrag melden

    Vorbilder

    Was erwarten wir denn anderes von einer Generation die mit einem Knopfdruck auf das Smartphone alles bekommen kann ohne sich je in Geduld und Disziplin geübt zu haben? Die gute Nachricht ist allerdings, nicht alle jungen Menschen verhalten sich so. Da gibt es durchaus auch die Ehrgeizigen mit Biss und Ausdauer und das sollte man nicht vergessen. Schlussendlich spielt auch die Erziehung eine Rolle und die Vorbilder die wir unseren Kindern sind. Nicht immer gleich den Kopf in den Sand stecken denn, der Weg ist das Ziel. Dies gilt nicht nur in der Ausbildung, sondern im ganzen Leben.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Dani am 06.11.2019 09:41 Report Diesen Beitrag melden

    Fokus

    Der Grund für so viele Lehrabbrüche ist unter anderem auch, dass die Unternehmen zu wenig ehrlich und transparent sind, Augenwischerei betreiben. Ein Tipp an die Jugend: Sucht euch professionelle Hilfe, um festzustellen "wer" ihr eigentlich seid und welcher Bereich, am besten zu euch passt. Denn eure Eltern "kennen" euch nicht und die Lehrer sind nicht für eure berufliche Zukunft verantwortlich.

  • Zuffi am 06.11.2019 09:27 Report Diesen Beitrag melden

    Schade

    Es gibt genug fleissige und zielorientierte junge Leute. Die auch etwas erreichen wollen. Ich wurde in der Lehre überhaupt nicht richtig betreut. Klar habe ich selber geschaut, dass ich meine Aufgaben erledige, aber bei Fragen hatte man nie wirklich Zeit und erklärt hat man es auch oberflächlich. Ich musste auch viel "Drecksarbeit" erledigen, was mich reifer gemacht hat. Einen Lehrmeister hatte ich nie. Gelernt habe ich dadurch wenig. Die Betriebe bilden mangelhaft aus und wollen top Personal. Fachkräfte Mangel wird durch die Betrieb selbst verursacht.

  • Sara am 06.11.2019 09:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Sorgen einer Mutter

    Ich sehe einen ganz anderen Aspekt. Ich bin Mutter von 2 Kindern und erlebe selber, wieviel Druck von der Schule und von aussen auf die Kinder trifft. Es ist schon richtig, dass die Kids und Teenies verwöhnt sind, das stimmt sicher! Aber die schulischen Anforderungen sind stark gestiegen. Als Mutter von schulisch durchschnittlich begabten aber sehr sozialen Kindern, spüre auch ich den Druck, dass sie später evtl. keine gute Lehrstelle finden könnten. Ich sehe das in meinem Umfeld, wo wirklich coole Kids keine Lehrstelle bekommen und das macht mir als Mutter Angst.

  • Nicht aufgeben am 06.11.2019 09:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich glaub an Euch

    Lasst euch nicht entmutigen, ihr habt Rechte und Pflichten. Dasselbe gilt für den Ausbilner. Oft geht das vergessen. Wenn ihr das Gefühl habt, dass due Anforderungen zu joch sind, dann ist das auch so. Ihr müsst nicht schon alles können. Viele freuen sich auf den Beruf, lasst euch das Ziel nicht von unfähigen Ausbildner verderben. Wenn es gar nicht geht, sucht euch eine andere Lehrstelle und bei Härtefällen meldet das. Sonst meinen die Vorgesetzten sie können mit euch machen was sie wollen (Es geht von Demotivation über Schikane). Glaubt an euch, ihr rockt die Zukunft - im Gegensatz zu einigen unzufriedenen gewinnorientierten Miesepeter (s.abschreckende Kommentare).

  • KvB am 06.11.2019 09:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Generationenproblem und Politik

    Ich habe mit Lehrlingen in der Gewerbeschule und auf dem Bau zu tun. Heutige SEK. Schüler wären gar nicht fähig die damaligen Arbeiten am Schluss der Lehre auszuführen. Kein Respekt, Ziel,Disziplin,nur noch am Handy.Die heutige Generation Eltern taugt zu 75% auch nichts. Dort liegt der Haase.