Missbrauch

03. Februar 2011 23:17; Akt: 03.02.2011 23:20 Print

«Es gibt kein Heim ohne Übergriffe»

von DAW/ Sut - Missbräuche von Behinderten in Heimen sind offenbar keine Seltenheit. Ein Grund dafür ist laut Experten eine stark eingeschränkte Auswahl an Personal.

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Aiha Zemp, die bis Ende 2010 die Fachstelle Behinderung und Sexualität leitete, spricht von gravierenden Missständen in Schweizer Heimen. Der Fall von Hansjürg S., der 114 Kinder und Behinderte missbrauchte, überrascht sie nicht: «Es gibt kein Heim, in dem es keine sexuelle Ausbeutung gibt», ist sie überzeugt. «Ich habe das Problem früher in Österreich untersucht. Es hat sich gezeigt, dass 64 Prozent der behinderten Frauen und 50 Prozent der Männer von sexueller Gewalt betroffen sind», sagte die Expertin zum «Tages-Anzeiger». In der Schweiz sei mit ähnlichen Ergebnissen zu rechnen. Ein Beispiel für die Missbrauchskultur: «Obwohl nur wenige behinderte Frauen in einer Partnerschaft sind, gibt man den meisten die Pille oder Dreimonatsspritzen – aus Angst, sie könnten vergewaltigt werden», so Zemp. Dabei seien die meisten Behinderten kaum aufgeklärt.

Experten stellen einen punktuellen Mangel an geeignetem Personal fest: «Die Arbeit mit Schwerstbehinderten ist enorm anspruchsvoll. Es kommt vor, dass eine Stelle mehrfach ausgeschrieben wird und sich dennoch niemand meldet. Dann müssen Heime schon mal Leute mit weniger geeigneten Qualifikationen einstellen», sagt etwa Ivo Lötscher, Leiter des Behindertenverbandes (Insos). Möglichkeiten, sexuelle Übergriffe zu verhindern, gäbe es durchaus, betont Corina Elmer von der Präventionsfachstelle Limita. Dazu gehöre, dass klare Richtlinien für heikle Situationen wie etwa die Intimpflege aufgestellt würden: «Die Türe offen zu lassen und so Transparenz zu schaffen, ist eine Möglichkeit. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.»