Diplomat zur Stein-Affäre

12. August 2012 10:41; Akt: 12.08.2012 11:24 Print

«Es gibt wohl nur eine symbolische Strafe»

von Antonio Fumagalli - Polizeikommandant Varone muss sich in Antalya vor Gericht verantworten - wie bereits mehrere Touristen vor ihm. Ein Schweizer Ex-Diplomat mit Lokalerfahrung ordnet den Fall ein.

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Der Walliser Polizeikommandant Christian Varone erklärt sich nach seiner Haftentlassung vor den Medien.

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Der spätestens seit dem Carunfall von Sierre schweizweit bekannte Polizeikommandant Christian Varone wurde am 27. Juli in Antalya inhaftiert - wegen eines antiken Steins in seinem Feriengepäck. Am 25. September muss er sich vor einem türkischen Gericht verantworten. Max Schweizer (siehe Infobox), als Diplomat jahrelang in der Türkei stationiert, nimmt Stellung.

Herr Schweizer, waren Sie überrascht, als Sie vom «Fall Varone» hörten?
Er hat mich sofort an den Fall eines deutschen Touristen erinnert (siehe Infobox). Ich war schon erstaunt, dass es in der Türkei in dieser Hinsicht trotz allen politischen und juristischen Veränderungen der letzten Jahre offenbar keinen Fortschritt gegeben hat.

Das heisst, Sie halten Polizeikommandant Varone für unschuldig?
Ich kann mir nichts anderes vorstellen. Er hat sicher nicht mit Absicht eine Straftat begangen.

Aber in der Türkei gibt es nun mal den entsprechenden Gesetzesartikel über den Diebstahl von Kulturgut.
Es ist natürlich eine Definitionsfrage, was alles in den Bereich der Kulturgüter fällt. Ich bin in all meinen Jahren als Diplomat weit herumgereist und mir sind aus anderen Ländern keine vergleichbaren Fälle bekannt. Die Türkei scheint hier eine höhere Empfindlichkeit zu haben.

Müsste man die Touristen verstärkt auf dieses Gesetz aufmerksam machen?
Absolut. Weder bei der Ein- noch bei Ausreise in die Türkei wird man damit konfrontiert. Hier muss aber auch das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) seine Verantwortung besser wahrnehmen und zum Beispiel in den Reisewarnungen auf den Gesetzesartikel hinweisen.

Sie waren während vier Jahren in Ankara stationiert. Hatten Sie selbst mal Probleme mit türkischen Grenzbehörden?
In der Tat, sogar ebenfalls in Antalya. Am Flughafen bin ich – in Anwesenheit meiner Familie – bei der Ausreise festgehalten worden. Man warf mir vor, das dreimonatige Diplomatenvisum überschritten zu haben. Dabei war ich fest in Ankara auf Posten. Ich habe das Flugzeug schliesslich doch noch knapp erreicht.

Man konnte von einem türkischen Geschäftsmann lesen, der sich bei den Behörden für die Freilassung Varones eingesetzt haben soll. Lässt sich die Politik von der Justiz beeinflussen?
Ich halte dies nicht nur für möglich, ich werte es im Gegensatz zur landläufigen Meinung sogar positiv. Wenn es so war, trägt es dazu bei, den türkischen Instanzen ihr aus unserer Sicht unverhältnismässiges Handeln bewusst zu machen.

Ende September kommt es zum Prozess gegen Christian Varone. Welche Strafe droht ihm?
Das ist reine Spekulation, aber ich gehe von einer symbolischen Strafe aus. So könnte die türkische Justiz ihr Gesicht wahren und Herr Varone kommt mit einem blauen Auge davon.

Und wenn es anders kommt? Hatten Sie während Ihrer Zeit Einblicke in türkische Gefängnisse?
Meine Kollegen vom konsularischen Dienst besuchten jeweils Gefangene, ich selbst war nie dabei. Sie können sich vorstellen, dass es dort etwas bescheidener aussieht als in einem Schweizer Gefängnis.

Was sagt der Fall Varone über das schweizerisch-türkische Verhältnis aus?

Er ist gewissermassen symptomatisch für die Schweiz und die Türkei, denken Sie nur an den Fall Polanski. Wie soll ich einem türkischen Diplomatenkollegen erklären, dass Polanski zwar von unserem Justizdepartement eine Bewilligung für den Kauf einer Wohnung erhielt, aber dann Jahre später Polizeiorgane vom gleichen Departement ihn aufgrund eines alten internationalen Haftbefehls verhaften konnten? «Absurdistan» ist überall.

Spielen gar die legendären Fussballspiele zwischen der Türkei und der Schweiz von November 2005 noch eine Rolle?
Nein, das glaube ich nicht. Die Begleitumstände um das Revanche-Spiel in Istanbul haben auch viele Türken beschämt. Darunter wurde ein Schlussstrich gezogen.

Ist es der Türkei in naher Zukunft möglich, ein EU-Mitgliedsland zu werden?
Die Frage ist: Will sie das überhaupt? Der jetzige Status als Beitrittskandidat kommt ihr gar nicht ungelegen: Es gibt substantielle Leistungen aus Brüssel – und dies, ohne dass Kompetenzen abgegeben werden müssen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Peter am 12.08.2012 11:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unwissenheit

    Unwissenheit schützt vor Strafe nicht, in der Schweiz nicht und in der Türkei auch nicht! Dieser Herr Schweizer scheint mir sehr parteiisch zu sein. Ich kenne eher kein Land, das seine Kulturgüter nicht schützt/schützen würde.

  • Justitia am 12.08.2012 15:32 Report Diesen Beitrag melden

    Seltsames Rechtsverständnis

    Der Walliser Polizeikommandant hat ein seltsames Verständnis vom Strafrecht. Der Stein war im Besitz seines Sohnes, der Vater will aber die "Verantwortung übernehmen". Wenn mein Kind im Wallis einen Diebstahl verübt, darf ich dann als Vater auch die Strafe auf mich nehmen, um das Kind zu schonen? Also in Zürich würde das die Polizei nicht zulassen!

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  • E.Michel am 12.08.2012 11:19 Report Diesen Beitrag melden

    Achtung!

    Bitte vor der Ausreise Schuhsohlen reinigen. Es könnte sich im Profil ein Steinchen eigeklemmt haben.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Martial Callair am 14.08.2012 22:53 Report Diesen Beitrag melden

    Ohne Vitamin-B, geht nichts...

    Die Feriengäste werden ständig von der Reiseorganisationen vor solchen Taten gewarnt. Aber als Polizeikommandant erwartet Herr Varone eine Ausnahme. Der Gipfel der Sache: Zuerst stehlen, dann noch ablügen. Noch einmal dieser Oberpolizist gehört entlassen!!

  • michael b am 14.08.2012 14:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    erstaunlich

    warum hat er dann verhindert das der 'kieselstein' in der presse veröffentlicht wird? glaube es war wohl doch etwas mehr und somit hat er zumindest für mich an glaubhaftigkeit verloren. traue der türkei durchaus zu eine faire verhandlung zu führen und ihn hald allenfalls für kulturgüter diebstahl zu belangen.. gleiches recht für alle!

  • daniela dell am 14.08.2012 10:28 Report Diesen Beitrag melden

    info

    ich bin auch mit dem gleichen veranstalter in die türkei gereist und man bekommt vor der abreise ein info-büchlein das man (herr varone) vielleicht mal durchlesen sollte.....

  • Son Osmanli am 13.08.2012 22:17 Report Diesen Beitrag melden

    WM Eishockey 2010 Deutschland-Schweiz

    Massenschlägerei! WM Deutschland gegen Schweiz sollte man Merkel fragen ob das CD Steuer abkommen mit dem Spiel zu tun hat.

  • Ronn Sommer am 13.08.2012 17:05 Report Diesen Beitrag melden

    In der Schweiz Busse bis 10'000.- CHF

    In der Schweiz gibt es für Schatzsucher die Hystorische Sachen ausbuddeln bis 10'000.- CHF Geldstrafe. Dass der Polizeikommandant dies für die Türkey trotz dem dass alle Einreisenden aufgeklärt werden nicht kennt ist bedenklich.