Drama von Chamoson

26. September 2019 12:21; Akt: 26.09.2019 22:25 Print

«Es ist unfassbar, dass wir Lisa nicht mehr finden»

Ihre Tochter (6) wurde von einer Schlammlawine in Chamoson mitgerissen. Jetzt reden die Eltern erstmals über das Drama.

Die Schlammlawine im Video.
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Am 11. August kam das Unglück über Marion und Stéphane. Nach Unwettern ging in Chamoson VS eine gewaltige Schlammlawine durchs Dorf. Ihre sechsjährige Tochter Lisa wurde im Auto zusammen mit einem Freund der Familie mitgerissen – bis heute fehlt vom Wagen – abgesehen von kleineren Wrackteilen – jede Spur.

In der Zeitung «Le Nouvelliste» haben sich die Eltern nun in einem Interview zu Wort gemeldet. Sie wollen verhindern, dass die Suche nach den beiden Vermissten eingestellt wird. «Wir können akzeptieren, dass die Suche punktueller wird, aber nicht deren Einstellung, bevor nicht alles unternommen wurde, um sie zu finden.»

«Es ist die Hölle»

Es sei unvorstellbar, die Tochter einfach dort zu lassen. «Wir konnten ihr nicht Adieu sagen. Wir haben das Bedürfnis nach diesem letzten Lebewohl, ein Bedürfnis, sie zu Grabe zu tragen, damit wir vorwärtsschauen können.»


Nach Lisa (6) wird immer noch gesucht. (Bild: Le Nouvelliste)

Auf die Frage, wie es sei, ohne die Tochter zu leben, geben sie eine berührende Antwort. «Es ist die Hölle. Zu Hause erinnert uns alles daran, dass unsere Tochter von uns gegangen ist. Der Verstand sagt, dass sie nicht mehr wiederkommen wird – und trotzdem bilden wir uns manchmal ein, dass sie hier sein wird. Mit ihrem Lachen, ihrer Lebensfreude, darauf wartend, dass sie ihr Vater ins Bett bringt.» Ihre Tochter sei stark und positiv gewesen. Sie wollten ihrer Lisa ein Gesicht geben, damit die Suchkräfte wüssten, wofür sie das alles tun würden. 20 Minuten zeigt Lisa darum ebenfalls – mit dem Einverständnis der Eltern.

Wasserfluten im Wallis spülen Auto mit Mann und Kind weg

«Ein Albtraum, der kein Ende nimmt»

Lisa hat laut den Eltern alle und alles gemocht, trotz ihrer Krankheit. Sie habe unter Diabetes gelitten. «Unsere Hoffnungen, sie lebend wiederzufinden, waren deshalb sehr schnell erloschen. Nach zwölf Stunden ohne Essen wussten wir, dass es zu spät war.»

Die Mutter war ebenfalls vor Ort, als ihre Tochter mit dem Bekannten im Auto von den Fluten mitgerissen wurde. Im Interview erzählt sie von den schrecklichen Szenen. Sie sei in Richtung des Autos gestürzt, um die Tür des Wagens zu öffnen, in dem sich die Tochter mit dem Freund befand.

Als die Flutwelle gekommen sei, sei sie vom Strom erfasst und zu Boden gedrückt worden. «Ich konnte mich an einer Mauer festhalten.» Sie habe gedacht, ihre Tochter sei im Auto in Sicherheit. Als sie aus dem Schlamm draussen gewesen sei, habe man ihr gesagt, dass das Auto weggetragen worden sei. «Seither ist es ein Albtraum. Ein Albtraum, der kein Ende nimmt.» Dem Begleiter macht sie keine Vorwürfe. «Wir wissen, dass er alles versucht hat, um Lisa zu retten», sagt sie im Interview.

Kosten der Suchaktion trägt Gemeinde

Die Eltern werden von den Behörden über den Stand der Suche informiert. «Die Suchenden haben häufig Tränen in den Augen, weil sie uns noch immer keine Antwort geben können.»

Laut «Le Nouvelliste» gaben auch die Kosten der Suchaktionen zu reden. Die Eltern bestätigen, dass es zu Beginn ein Thema gewesen sei, ihnen die Rechnungen zu schicken. Sie seien schockiert gewesen, dass das in der Schweiz Usus sei, so das Paar aus Frankreich. Bis jetzt seien die Rechnungen aber an die Gemeinde Chamoson gegangen.

Zum Schluss sagen Marion und Stéphane, dass die letzte Etappe der Trauer sei, den Tod zu akzeptieren. «Wir haben unsere Psychologin gefragt, wie man irgendwann diese Tragödie akzeptieren könne.» Sie habe gesagt, es gehe nicht darum, das Passierte zu akzeptieren, sondern darum, mit dem Verlust und dem Schmerz zu leben.

(daw)