Ohne Vorerkrankung

19. März 2020 04:54; Akt: 19.03.2020 09:13 Print

«Es liegen auch Junge auf der Intensivstation»

Das Coronavirus könne auch junge, gesunde Menschen treffen, sagt Chefarzt Philip Tarr im Interview.

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Der Bund warnt, dass die Betten auf den Intensivstationen ausgehen, wenn die Zahlen steigen wie in den letzten Tagen. Wie dramatisch ist die Lage jetzt?
Wir haben im Moment genügend Plätze. Es wird bei uns wie auch in anderen Deutschschweizer Spitälern eine einstellige Zahl von Patienten beatmet, hinzu kommen Corona-Patienten im einstelligen oder tiefen zweistelligen Bereich, die nicht auf der Intensivstation sind. Wir sind daran, weiter Kapazitäten aufzubauen, nicht dringende Behandlungen werden verschoben.

Sind tatsächlich nur Alte betroffen, wie man oft liest?
Wir haben einzelne junge Patienten im Alter von 30 bis 35 Jahren mit schweren Verläufen. Ein rund 30-jähriger Patient hatte keine Vorerkrankungen, ein anderer leichtes Asthma, jetzt werden beide künstlich beatmet auf der Intensivstation. Ihr Zustand ist stabil, aber nicht gut. Das ist auch eine Botschaft: Das Coronavirus kann ab und zu auch junge, gesunde Menschen treffen, wenn sie Pech haben.

Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass man das Virus überlebt, wenn man künstlich beatmet werden muss?
Insgesamt liegen die Chancen wohl bei rund 50 Prozent. Aber das ist sehr unterschiedlich. Wer jung und gesund ist, hat sicher bessere Voraussetzungen, als jemand, der älter ist.

Gibts genügend Beatmungsgeräte, wenn die Fälle weiter steigen?
Im Schnitt muss ein Patient beim Coronavirus 14 Tage lang beatmet werden. Das ist sehr lange, weshalb es viele Geräte und viel Personal braucht. Bis Ende Woche haben wir 20 Beatmungsplätze einsatzbereit, in ein bis zwei Wochen werden es 60 sein. Hier helfen auch die Privatkliniken mit, die ihre Geräte und Spezialisten – etwa Anästhesisten – bereitstellen müssen. Ich bin zuversichtlich, dass wir in der Schweiz die Krise meistern werden.

Wie sterben die Leute am Coronavirus genau?
Aufgrund der starken Medikamente befinden sich die Patienten quasi in einem künstlichen Koma, sie haben keine Schmerzen. Es kann vorkommen, dass trotz künstlicher Beatmung nicht mehr genug Sauerstoff ins Blut kommt und der Körper zu sauer wird oder es zu einem Herz- oder Nierenversagen kommt.

Dürfen die Angehörigen in den letzten Stunden dabei sein?
In der ganzen Schweiz werden während der Pandemie keine Patientenbesuche in den Spitälern mehr gestattet. Wir machen aber Ausnahmen, damit Angehörige bei schwer kranken Patienten oder in den letzten Lebenstagen kommen können. Sie sollten dann ihren Vater oder Grossmutter nicht umarmen, das ist nicht immer einfach zu vermitteln.

Welche Patientengeschichte hat sie besonders berührt?
In einem Spätdienst musste ich drei Patientinnen anrufen, die alle im Gesundheitswesen arbeiten und positiv auf das Coronavirus getestet wurden: eine medizinische Praxisassistentin einer Hausarztpraxis, eine Krankenschwester in einem Altersheim, eine Angestellte in einer Spitalapotheke. Das hat mir grossen Respekt eingeflösst und mich emotional getroffen, auch wegen der Sorge, dass sich im Altersheim weitere Menschen angesteckt haben könnten. Das Virus ist tückisch: Ein Test kann erst negativ sein, weil die Symptome noch zu schwach sind. Diese Fälle machen mir Sorgen, weil sie schnell weitere Personen anstecken können.

Andere Länder haben mit flächigen Tests und Isolationen Erfolge erzielt. Hat die Schweiz die richtige Strategie?
Ja, die Strategie ist richtig. Ich würde natürlich auch gerne alle testen, dann könnten wir auch jeden Mitarbeiter alle 48 Stunden testen. Die Kapazitäten sind aber beschränkt – beim Personal, bei den Labors und beim Material. Die Testkapazität ist hierzulande bereits doppelt so hoch wie vor einer Woche.

Es treffen sich die Leute immer noch scharenweise im Freien. Ist sich die Bevölkerung der Gefahr genügend bewusst? Braucht es eine Ausgangssperre?
Das Verständnis in der Bevölkerung wird von Tag zu Tag besser, auch wenn es immer noch Leute gibt, die es noch nicht kapiert haben. Es ist richtig, dass der Bund an die Eigenverantwortung appelliert. Die behördliche Antwort, die Situation aufmerksam zu beobachten, ist die richtige. Man will die Leute auch nicht unnötig plagen. Eine Ausgangssperre kann jederzeit kommen, wenn die Zahlen in die falsche Richtung gehen. Sie ist auch punktuell denkbar, etwa in den stark betroffenen Kantonen Waadt und Tessin.

Viele Leute fragen sich, wie lange der Ausnahmezustand andauern könnte. Laut dem deutschen Robert-Koch-Institut könnte die Pandemie im schlimmsten Fall sogar zwei Jahre dauern. Wie sehen Sie das?
Wenn sie mit zehn Spezialisten reden, werden sie zehn andere Antworten bekommen. Die ehrliche Antwort ist wohl: Wir wissen es nicht, weil wir noch wenig Erfahrung mit dem Virus haben und nicht wissen, bis wann der Impfstoff da ist. Es hängt jetzt stark von den Massnahmen ab, ob wir eine Welle wie in der Lombardei verhindern können. Ich rechne damit, dass uns das gelingen wird. Aber die Pandemie wird uns mindestens bis Ende Juni stark beschäftigen. Bis dann gilt im Spital auch der Ferienstopp.

(daw)