Antisemitismus

17. Juli 2014 09:23; Akt: 17.07.2014 10:29 Print

«Eskaliert es in Nahost, fallen alle Hemmungen»

von Marco Lüssi - Auf Facebook wird zu Gewalt gegen Schweizer Juden aufgerufen. Extremismus-Experte Samuel Althof sagt, dass man diese Drohungen ernst nehmen muss.

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Synagoge an der Löwenstrasse in Zürich: Die Schweizer Juden sind derzeit mit massiven Drohungen konfrontiert. (Bild: Keystone/Alessandro Della Bella)

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Auf Facebook wird dazu aufgerufen, im Zürcher «Judenviertel» zu demonstrieren und Juden die «Fresse zu polieren». Selbst von Steinigungen ist die Rede. Wie gross ist die Gefahr, dass wirklich etwas passiert?
Samuel Althof: Angesichts der Tatsache, dass es in den letzten Tagen in Frankreich zu Brandanschlägen auf Synagogen gekommen ist, sind solche Drohungen besonders brisant. Dass man konkret davon spricht, dorthin zu gehen, wo viele Juden leben, bereitet Anlass zur Sorge. Ich glaube zwar eher nicht, dass es in Zürich bei einer Kundgebung zu gewalttätigen Übergriffen auf die jüdische Bevölkerung kommen wird. Doch dass einzelne sich zu Vandalenakten gegen jüdische Einrichtungen hinreissen lassen, würde ich nicht ausschliessen. Generell ist es aber immer noch ein grosser Schritt von der verbalen Drohung in den sozialen Netzwerken hin zur Tat.

Neben den konkreten Drohungen gibt es viele krasse antisemitische Äusserungen. Überrascht sie dies?
Nein, das ist immer der Fall, wenn es im Nahen Osten Spannungen gibt. Menschen, die ihre judenfeindliche Haltung sonst für sich behalten, verlieren dann alle Hemmungen. Das war in den letzten Jahrzehnten immer zu beobachten, wenn der Palästina-Konflikt eskalierte. Zudem tragen auch die Politiker auf beiden Seiten durch ihre Rhetorik dazu bei, dass der Ton sich verschärft: Die Hamas genauso wie das Rechtsaussen-Lager in Israel.

Auffallend ist, dass viele Schweizer, die sich auf Facebook antisemitisch äussern, einen Migrationshintergrund in der Türkei, auf dem Balkan oder in der arabischen Welt haben. Warum ist das so?
Anders als in der westlichen Gesellschaft werden antisemitische Haltungen in diesen Kulturen viel weniger hinterfragt. Deshalb lassen Personen mit diesem Hintergrund sich wohl eher dazu verleiten. Bücher wie «Die Protokolle der Weisen von Zion» oder «Mein Kampf» kann man in den arabischen Ländern fast an jeder Ecke kaufen.

Sollte man Personen, die im Internet antisemitische Aussagen machen, konsequent strafrechtlich verfolgen?
Das wäre ein immenser Aufwand für die Strafverfolgungsbehörden. Dieser lohnt sich nicht bei jemanden, der sich einmalig aus einer Emotion heraus judenfeindlich äussert. Doch Wiederholungstäter, bei denen es sich um programmatische Antisemiten handelt, sollte man mit den Mitteln des Strafrechts zu stoppen versuchen.