Fans der «neuen Uriella»

06. März 2019 10:45; Akt: 06.03.2019 14:14 Print

Warum folgen Erwachsene einer 17-Jährigen?

Christina von Dreien (17) begeistert massenhaft Leute. Ein Experte erklärt, was Esoterik so attraktiv macht und wieso das gefährlich ist.

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Knapp 600 Leute haben sich an diesem sonnigen Sonntag in der Tonhalle St. Gallen versammelt. Sie alle haben 190 Franken bezahlt, um der blassen jungen Frau mit der brüchigen Stimme zuzuhören. Doch wer eigentlich ist die junge Frau, die zuerst wie ein Häufchen Elend, später aber selbstbewusst schmunzelnd auf dieser Bühne sitzt? Christina von Dreien kommt aus dem Toggenburg und begeistert mit ihren Heilsversprechen die Massen. Sie wird als neuer Esoterik-Star der Schweiz und Nachfolgerin der eben verstorbenen Uriella gehandelt. Der Sektenexperte Georg Schmid hebt diese Parallelen hervor. Schmid sagt: «Die Weltanschauung der beiden ähnelt sich frappant, beide reden vom friedlichen Paradies. Viele ehemalige Fiat-Lux-Mitglieder hören heute auf Christina. Anders als Uriella nimmt Christina aber keine Heilungen vor und bezeichnet sich nicht als Sprachrohr Gottes. Sie selber sei eine sehr hohe Seele.» Das Publikum ist bunt gemischt. Es fällt allerdings auf, dass die Mehrheit aus gepflegten Frauen mittleren Alters besteht. Doch auch Kinder und Männer sitzen aufmerksam da. «Die Essenz hinter Christinas Seminaren und Büchern ist ganz simpel: Wir alle sollten friedlicher und vor allem bewusster leben», sagt ein Zuhörer. Das Geschäft bei Christina von Dreien läuft. Ihre Mutter, die Heilpraktikerin Bernadette von Dreien, hat zwei Bücher über Christina geschrieben, deren Verkaufszahlen im fünfstelligen Bereich liegen sollen. Ein drittes wird diesen Frühling veröffentlicht. Christinas Youtube-Videos haben Hunderttausende von Klicks. Johannes Fischler ist Psychologe und Autor des Buchs «New Age – Esoterik 2.0. Wie sie die Köpfe leert und die Kassen füllt!» Esoterik sei in erster Linie Marketing, sagt er.

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Herr Fischler*, wie schätzen Sie Christina von Dreien ein?
Aus esoterischer Perspektive könnte man sie Indigo-Kind nennen. Das sind Kinder, denen aussergewöhnliche spirituelle Fähigkeiten angedichtet werden. Zudem sei ihnen der Heilsauftrag angeboren, die Erde ins Licht zu führen. Von der geraubten Kindheit allerdings ist in spirituellen Kreisen kaum die Rede.

Können Sie das Phänomen genauer erklären?

Wir leben in einer hochnarzisstischen Gesellschaft. Die unzähligen idealisierten Selfies, in denen wir uns nur allzu gern spiegeln, und Leute wie Donald Trump sind Paradebeispiele hierfür. Indem Eltern dem eigenen Kind aussergewöhliche Gaben zuschreiben, können sie indirekt ihren Narzissmus ausleben. Sie sagen sich dann: «Diesen Heiland habe ich geboren.» Zudem können Eltern so jede Verantwortung auf ihr Kind abwälzen. Die betroffenen Kinder sind dann die Leidtragenden. Sie müssen sich quasi selber erziehen und unter der Last dieses elterlichen Skripts leben, was ihnen jeglichen Entwicklungsraum nimmt.

Was bewegt rund 600 erwachsene Menschen dazu, 190 Franken zu bezahlen, Stunden im Auto zu fahren, um einem Mädchen zuzuhören, das sie zur Heilsbringerin stilisieren?
Im Esoterischen herrscht ein zentrales Prinzip: Je mehr irdisches Geld man verbrennt, desto spiritueller muss man ja sein. Angesichts der eigenen Opferbereitschaft (in Form von viel Geld) beweist man sich selbst seinen eigenen Glauben. Darüber hinaus hat jeder Mensch emotionale Bedürfnisse. Gelingt es der Esoterik, diese besonders gut anzusprechen, ist jeder empfänglich für Heilsversprechen und folglich manipulierbar. Sicherlich sind verletzliche Menschen, die vielleicht gerade einen Verlust zu verkraften haben oder in einer Lebenskrise stecken, anfälliger für Figuren wie Christina von Dreien. Manipulierbar sind wir alle irgendwie.

Und was genau macht uns für Leute wie Christina von Dreien derart empfänglich?
Im Lateinischen sagt man: Credo quia absurdum – ich glaube nicht obwohl, sondern eben weil es unvernünftig ist. Denn Esoterik wird nicht mit dem Verstand gelebt. Der esoterische Bewusstseinszustand, in den es in diesen Kreisen zu verfallen gilt, gleicht einem Rauschzustand. Es geht um die Wiederverzauberung der Welt. In Anbetracht der heutigen Verbotskultur, die in unserer Gesellschaft herrscht, ist das natürlich attraktiv. Plötzlich ist alles möglich: mit Engeln zu sprechen, wieder Kind zu werden. Doch wenn wir uns zu sehr aus der materiellen Welt davonstehlen, geht diese den Bach runter.

Wer also sind Christinas Fans?
Wie bereits gesagt: Das kann im Prinzip jeder sein. Steckt man in einer persönlichen Krise, ist die Wahrscheinlichkeit natürlich grösser. Doch auch viele intelligente Menschen finden sich in den esoterischen Kreisen. Diese sind zudem oft besonders gefährdet. Einmal involviert, werden sie häufig sogar fanatischer als andere. Das geschieht dann, wenn sie ihre ganze Intelligenz dafür einsetzen, ihren Irrweg und damit das esoterische Gedankengut zu rechtfertigen. Zudem erlaubt es ihnen ihr Stolz oft nicht, zuzugeben, dass sie auf dem Holzweg sind.

Hat sich die Esoterik in den letzten Jahren verändert?
Ja, heutzutage haben wir es mit einem Multi-Guru-Movement zu tun. Klassische Obergurus oder Sektenführer wie Uriella sind eher out. Die heutigen Gurus denken unternehmerisch und reden ihren Anhängern ein, dass jeder fähig sei, entsprechende Gaben wie Hellsichtigkeit zu entwickeln - wenn er nur das Bewusstsein entsprechend öffne. Genau das tut auch Christina von Dreien. Es geht nicht mehr nur darum, sich am Heiligenschein des Gurus zu wärmen, sondern selber zu einem zu werden. In der heutigen Esoterik 2.0 gibt es also einen Schneeballeffekt, viele Minisekten sorgen für den epidemischen Kick.

Ist das gefährlich?
Im esoterischen Milieu gilt das Kindchenschema als neuer Sollzustand: Erwachsene, die mit Engelsenergien und Einhornessenzen die Welt retten wollen. Die Esoterik heute sagt uns: «Wir müssen nur lernen, die Welt wieder wie ein Kind zu erleben.» Das bedeutet im Umkehrschluss, dass wir uns dieser Welt nicht mehr als erwachsene Person stellen müssen. Deshalb: Gefährlich - ja, individuell, aber auch für die Gesellschaft.

Sind viele Esoteriker nicht einfach geschickte Geschäftsleute?
Esoterik ist in erster Linie Marketing. Intelligentes Marketing braucht keine Nischen, um ein Angebot zu verkaufen. Es schafft sich die Nischen. So verhält es sich meiner Meinung nach auch mit der Esoterik. Wie bereits gesagt: Jeder Mensch hat emotionale Bedürfnisse und ist manipulierbar. Esoterische Zirkel bis hin zu spirituellen Onlinekursen bedienen sich dabei gern der Strategie des sogenannten Mind Control, also der Gedankenkontrolle.

* Johannes Fischler ist Psychologe und Autor des Buchs «New Age – Esoterik 2.0. Wie sie die Köpfe leert und die Kassen füllt!»

(jk)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Remo Müller am 06.03.2019 10:52 Report Diesen Beitrag melden

    Ganz Einfach

    Weil Einstein Recht hatte, was die Dummheit der Menschen betrifft...

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  • Marc am 06.03.2019 10:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alles andere als Erwachsen

    Wer so etwas folgt ist für mich kein Erwachsener. Ein Erwachsener ist selbstständig und braucht keine Führung einer 17 Jährigen. Da ist sowiso die Mutter die treibende Kraft und natürlich das Geld.

  • E.T. am 06.03.2019 11:06 Report Diesen Beitrag melden

    Genial

    Es gibt sehr viele verzweifelte, geistig auch leicht verwirrte Menschen. Auf diese abzuzielen ist ein geniales Geschäftsmodell. Die Kleine und ihre Mutter haben das erkannt und machen das perfekt. Ich staune selber, wie gut das läuft. Oder warum rufen so viele bei diesen TV-Wahrsagern an? MIke Shiva ist damit zum Multi-Millionär geworden. Auch ein geniales Konzept.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Realistin am 06.03.2019 16:33 Report Diesen Beitrag melden

    Wo ist der Unterschied?

    Versteht mich richtig-es gibt viele Scharlatane und Gurus,die schlecht sind und nur Geld wollen.Anderseits stelle ich hier mal eine etwas gewagte Frage:Wieso ist der Glaube z.B. an Engel so viel abstruser als der Glaube an Gott? Oft wird in der Esoterik mit dem Glauben der Menschen gearbeitet-Ein wesentlicher und wichtiger Bestandteil aller Kulturen,der sich bei uns generell in den letzten Jahrzehnten sehr verändert.Und auch in der Kirche wird Geld verlangt oder erwartet (Steuern,Opfergaben,Spenden etc.).Für mich gilt:Jeder Glaube ist okey,sofern niemandem geschadet wird.

  • Markus Minder am 06.03.2019 15:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Danke Christina.

    Christina mach weiter so.. dank Dir bin ich ein neuer Mensch. Ich hab Geld, Macht und vieles an materiellen Gütern hinter mir gelassen. Ich lebe nun viel bewusster und glücklicher, da ich auch weiss das es nach dem Tod weiter geht. Mir ist es egal was andere denken und ob sie weiterhin glauben das mit dem Tod alles vorbei ist. Ich auf jeden Fall bin dankbar für diese Bewusstseinerweiterung.

    • Tom am 06.03.2019 20:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Ach... das wusstest du nicht?

      Und ein 17 jähriges Mädchen sagt dir das und plötzlich weisst du es? Wow! Es gibt tonnenweise Bücher über dieses Thema: Dr. Piet van Lommel oder Dr. med. Eben Alexander usw. Wenn du dich mal etwas vertiefter damit befassen möchtest und etwas fundiertere Erfahrungen und Forschungen lesen möchtest als Reden eines Kindes ohne Lebenserfahrung. Übrigens noch ein Geheimnis. Nicht Christina ist der Grund für deine Entwicklung sondern du selbst... nicht traurig sein!

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  • Nickole am 06.03.2019 15:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ist das was unser Gott will?

    Diese Leute werden reich damit, ist das was unser Gott will?

  • honigkönigin am 06.03.2019 15:08 Report Diesen Beitrag melden

    hm...

    Auffallend ist auch, dass das Publikum überwiegend von einem Geschlecht dominiert wird. Offensichtlich sind Frauen viel empfänglicher für solche Märchenkönige/innen. Was ist da schiefgelaufen?

    • Nun am 06.03.2019 20:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Ääähm!

      Ganz einfach, die Männer sind böse. Das findest du auch in Sprüchen von Christina von Dreien wie z.B. Kriege entstünden aufgrund von Dominanz des Verstandes zusammen mit zu viel männlicher Energie (ojeh! als ob weibliche Energie nicht auch destruktiv sein könnte). Der Vater ist ja hier auch nicht existent, was sehr bezeichnend ist und es wäre die erste Frage an diese Christina, was sie mit ihrem Vater für eine Verbindung pflegt!

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  • Menschin am 06.03.2019 15:04 Report Diesen Beitrag melden

    keine Sekte

    Es gibt in der Schweiz wöchentlich irgendwo Dutzende von Seminaren irgendwelcher Art, die weitaus mehr kosten (und sinnloser sind) als ein Tag mit Christina von Dreien. Es ist ihr Beruf und dafür kann sie auch bezahlt werden. Oder arbeitet Ihr alle gratis? Eine Teilnahme an einem solchen Event ist immer noch freiwillig. Bei Christina von Dreien geht es nicht um sektiererische Botschaften, sondern u.a. um (spirituelle) Lebensphilosophien und weit mehr. Macht Euch zuerst schlau, bevor ihr sie kritisiert. Leben und leben lassen...

    • H.P. am 06.03.2019 20:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Wie bitte?

      Beruf? Was denn? Esoterische Dinge zu erzählen, die ururur alt sind und die man von wirklichen Erleuchteten wie einem Krishnamurti oder einem Eckhart Tolle auf viel höherem Niveau erfahren kann?

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