Januarloch

23. Januar 2019 11:33; Akt: 23.01.2019 11:46 Print

«Ich esse nur noch Nudeln, bis der Lohn kommt»

Kaum Geld im Sack, das Konto leer: Im Januar pfeifen viele finanziell aus dem letzten Loch.

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Teure Weihnachtsgeschenke, Ausflüge über die Festtage, rauschende Silvesterpartys und haufenweise Rechnungen sorgen bei vielen Leuten im Januar für leere Portemonnaies. Kein Geld im Sack: Viele stecken derzeit in einer finanziellen Misere und können die nächste Lohnzahlung kaum erwarten. Das Januarloch ist Realität. Höhere (Freizeit-)Ausgaben und eine Ansammlung grösserer Rechnungsbeträge führen bei vielen zu finanziellen Engpässen – und manchmal gar in die Schuldenfalle. Gerade die konsumreichen Festtage und der Januar sind eine schwierige Zeitspanne für Personen mit Geldproblemen. «Sie kann bei manchen ein Stolperstein sein, um in die Überschuldung zu fallen», sagt Sébastien Mercier, Geschäftsleiter von Schuldenberatung Schweiz. Studentin Franziska (19) hat seit fünf Tagen nur noch 16.22 Franken auf dem Konto. «Besonders eingeschenkt haben die Weihnachtsgeschenke, ein Ausflug nach Deutschland über die Festtage und eine bevorstehende Ferienreise. Deshalb bin ich nun so knapp bei Kasse.» Auch Teenager wie der Informatiklehrling Manuel (16) sind nicht gegen das Januarloch gefeit. «Ich habe nur noch 15 Franken im Sack.» Besonders für Weihnachtsgeschenke, die Silvesterparty und mehrere Geburtstage von Kollegen habe er in den letzten Wochen zu viel Geld verprasst. Besonders einschneidend kann das Januarloch für bereits Verschuldete werden. Nämlich dann, wenn sie die Ratenzahlungen für aufgenommene Kredite momentan nicht begleichen können – und deshalb einen neuen Kredit aufnehmen möchten.

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Teure Weihnachtsgeschenke, Ausflüge über die Festtage oder rauschende Silvesterpartys sorgen bei vielen Leuten im Januar für leere Portemonnaies. Kommt dazu, dass jetzt einige Jahres- und Halbjahresrechnungen ins Haus flattern: zum Beispiel die Autoversicherung und die Verkehrsabgabe. Zudem ist der 13. Monatslohn meist längst für grössere Anschaffungen ausgegeben oder die Steuern eingeplant.

Viele stecken derzeit in einer finanziellen Misere und können die nächste Lohnzahlung kaum erwarten. Das zeigt die Leser-Umfrage von 20 Minuten.

«Ich schäme mich, dass ich meinen Kindern fast nichts bieten kann»

«Seit zwei Wochen essen wir nur noch Nudeln und Sauce», sagt die alleinerziehende Anita* (29). Sie bezieht seit kurzem Sozialhilfe, muss monatlich mit 1800 Franken auskommen und jeden davon umdrehen. «Im Januar wars besonders schlimm. Ich musste eine hohe Arztrechnung und die TV-Gebühr fürs ganze Jahr bezahlen. Zudem brauchte die Tochter ein neues Bett», erzählt die zweifache Mutter verzweifelt. Ausflüge mit den Kindern, die etwas kosten, lägen nicht drin. «Es ist ein Teufelskreis. Solange ich keinen Job bekomme, sehe ich kein Licht am Ende des Tunnels. Ich schäme mich so, dass ich meinen Kindern fast nichts bieten kann.»

«Diese Umstände sind ein Stolperstein in die Schuldenfalle»

Das Januarloch ist also durchaus Realität. Höhere (Freizeit-)Ausgaben im Vormonat und eine Ansammlung grösserer Rechnungsbeträge führen bei vielen zu finanziellen Engpässen ¬ und manchmal gar in die Schuldenfalle. «Diese Umstände sind bei manchen ein Stolperstein, um in die Überschuldung zu fallen», sagt Sébastien Mercier, Geschäftsleiter von Schuldenberatung Schweiz. Häufiger gerieten Personen aber wegen Jobverlust, Krankheit oder Trennung in finanzielle Schwierigkeiten.

«Viele sehen den 13. Monatslohn als Rettung, das ist oft ein Trugschluss»

Aber gerade die konsumreichen Festtage und der Januar seien eine schwierige Zeitspanne für Personen mit Geldproblemen. «Viele sehen den 13. Monatslohn als Rettung, das ist oft ein Trugschluss», so Mercier. Bei der Krankenkasse ist die Prämienverbilligung noch nicht abgezogen, Steuernachzahlungen oder hohe Versicherungsrechnungen stehen an. «Bei Verschuldeten kommt hinzu, dass Gläubiger Druck machen. Das erschwert den Umgang mit dem Budget», ergänzt Mercier.

«Mit den 16 Franken komme ich irgendwie durch»

Verschuldet ist Leserin Franziska* (19) zwar nicht. Aber seit fünf Tagen hat die Studentin nur noch 16.22 Franken auf dem Konto. Normalerweise komme sie mit 1400 Franken pro Monat gut zurecht. Aber: «Besonders eingeschenkt haben die Weihnachtsgeschenke und ein Ausflug nach Deutschland über die Festtage.» Zudem mache sie bald eine Reise, die sie jetzt zu bezahlen gehabt habe. Weiter konnte sie mit ihrem Studijob kaum Geld verdienen, weil sie gerade für die Semesterprüfungen lerne. «Deswegen habe ich aber zum Glück weder Zeit noch Geld, meine letzten 16 Franken in dieser Woche noch auszugeben, und komme irgendwie durch.»

«Leider hat mich das Januarloch fest im Griff»

Auch Teenager sind gegen das Januarloch nicht gefeit, wie der Informatiklehrling Manuel* (16) beweist. «Leider hat mich das Januarloch fest im Griff. Ich habe nur noch 15 Franken im Sack.» Besonders für Weihnachtsgeschenke, die Silvesterparty und mehrere Geburtstage von Kollegen habe er in den letzten Wochen zu viel Geld verprasst. «Bei einem Lehrlingslohn wirkt sich das schnell aus.» Jetzt plündert der 16-Jährige umso mehr den Kühlschrank der Eltern, um diese Woche noch über die Runden zu kommen.

Umschuldung statt neuen Kredit aufnehmen

Besonders einschneidend kann das Januarloch für bereits Verschuldete werden. Nämlich dann, wenn sie die Ratenzahlungen für aufgenommene Kredite momentan nicht begleichen können – und deshalb einen neuen Kredit aufnehmen möchten.

Um das zu vermeiden und Geld einzusparen, können sie eine Umschuldung zu einem anderen Anbieter machen, der tiefere Zinsen verlangt. «Die Zahl der Umschuldungen häuft sich zunehmend. Gerade in dieser Zeit spüren wir die Zunahme solcher Anfragen sehr stark», bestätigt Paul Baumgartner vom Kreditvergeber CreditGate24.


*Namen der Redaktion bekannt

(rol)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Rapunzel am 23.01.2019 11:44 Report Diesen Beitrag melden

    Unverständnis

    Das sind alles hausgebackene Probleme. Deine Freunde brauchen keine teuren Geschenke (deine Familie auch nicht). Ferien und Ausflüge kann man auch selbst steuern. Nur weil man viel Geld ausgeben WILL heisst das nicht, dass man es auch sollte. Was leben wir in einer Wohlstandsgesellschaft in der alle das Gefühl haben, sich alles leisten zu können?

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  • Anna am 23.01.2019 13:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hört auf

    Ich habe jeden Monat nachdem ich Miete und alle Rechnungen bezahlt habe noch 600.- übrig zum leben. Arbeite 100% als Coiffeuse... Und irgendwie reicht es immer also hört auf zu heulen!

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  • r.r. am 23.01.2019 13:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    logisch...

    Es gibt sie wirklich...Menschen die nicht genug zum leben haben.... Es gibt aber auch solche, die genug Geld zur Verfügung haben... zum Bsp. für Kosmetika , Zigaratten, Alkohol,Handy usw....nur für das Wichtigste......nähmlich für Lebensmittel reichts dann halt nicht mehr...

Die neusten Leser-Kommentare

  • Martial2 am 24.01.2019 16:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Guter Lohn = hohen Lebenskosten

    Ich esse nur Nudeln... Traurige und unverständliche Situation, in diesem ach so reichen Land... Wie immer es werden diese hohen Löhne angebracht, die es im Endeffekt nicht gibt!!

  • SchäfchenX am 24.01.2019 13:36 Report Diesen Beitrag melden

    Die Reichen werden ihre Freude haben

    an den Kommentaren hier. Niemand hinterfragt, alle fügen sich ihrem Schicksal - verhöhnen sogar die Ärmsten . Fakt ist, die Schere geht global immer weiter auseinander. (Brav, immer schön weiter so selbstgefällig... ;)

  • alice am 24.01.2019 12:02 Report Diesen Beitrag melden

    Halbi Servela

    ja das bleibt sich gleich 1957 gabs ein Mutschli und eine halbe Servela die Löhne sind nicht gestiegen nur die Ausgaben oder man hat einen Akademiker Beruf

  • S.G. am 24.01.2019 10:03 Report Diesen Beitrag melden

    Ich habe...

    ...absolut kein Mitleid mit denen die Ihr Geld nicht verwalten können. Dann essen Sie eben nur Teigwaren bis zum nächsten Lohn.

  • Rösli Tell dazu am 24.01.2019 09:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wers in der Schule

    schon nicht konnte, lernt Rechnen nur auf diese Weise.